Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 21 (25.5.1900)
- Article
- Lemberg / Hochf.
- Date
- 1900-05-25
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die 3$ Welt" Nr. 21 zwischen der galizischen orthodoxen und fortschrittlichen Gemeinde herrscht, dass der II. Gemeindetag böse Früchte tragen werde ... Höcht Kolomea. (Ein scandalöser Vorfall). Bekanntlich hat Dr. Emil Byk im Reichsrathe vor Jahren gesagt: „In meinem Vaterlande, in Galizien, gibt es keinen Antisemitismus!" Dies wiederholen auch bei jeder Gelegenheit alle vom Byk'schen Geiste beseelten jüdischen Assimilanten und die christlichen Antisemiten. Nun haben aber die vor zwei Jahren im westlichen Theile dieses Landes inscenierten JudeDPlünderungen, an welchen die polnische Intelligenz lebhaften Antheil nahm und die eine Folge der seit langen Jahren betriebenen Hetzereien der polnischen Journalistik sind, den besten Beweis geliefert, wie weit die Ansicht der Herren Byk und Consorten richtig ist. Der Antisemitismus ist in keinem Lande so heftig, wie in unserem von der Schlachta und den Clericalen beherrschten Galizien. Er wird nicht nur durch die Journalistik und gewissenlose Flugschriftenschreiber verbreitet, sondern, was noch schlimmer ist, in den Schulen gepflegt. So veröffentlicht das hier erscheinende Blatt „Swiatl o", Organ der Baron Hirsch-Stiftungslehrer, unter der Aufschrift: „Basn o rytualnich mordach" (zu deutsch: Das Märchen über Rituulmorde) folgende haarsträubende Begebenheit, die wir in wörtlicher üebersetzung mittheilen: „Wenn Du nicht lernen wirst, werden Dich die Juden schlachten und Dein Blut zu ihren Mazzos auf die herannahenden Feiertage verwenden* — dies ist das neueste vom Lehrer an der hiesigen Knaben-Bürgerschule. Herrn Franz Krzyzanowski, erfundene Erziehungssystem, welches in der IVb-Classe dieser Lehranstalt angewendet wird. Um nachzuweisen, dass diese Drohung auch in Erfüllung gehen kann, erzählte der erleuchtete Pädagoge Herr Krzyzanowski seinen Schülern folgende Begebenheit: „In Deutschland ist ein christlicher Knabe, der zum Lernen keine Lust hatte, verschwunden. Nach einiger Zeit fand man ihn todt unter einer Brücke, aber sein Blut war nicht mehr vorhanden. Seine Hände waren abgehauen und der Bauch aufgeschlitzt. Einige Tage später fand man sein Blut in der jüdischen Stadtsynagoge, wo es den Maz2os beigemengt wurde. Die Schüle"r hörten die furchtbare Erzählung schweigend an, indem sie sich mit Schrecken von ihren jüdischen Mitschülern wegschoben, doch meldete sich ein christlicher Schüler, namens Wojciechowski. nicht ganz ohne Schrecken, an: „Und doch habe ich selbst schon gesehen, wie die Juden Mazzos backen: sie mischen gewöhnliches Wasser mit einem solchen Mehl, wie wir benützen, aber ich habe gar kein Blut gesehen." Darauf erwiderte der schlagfertige Pädagoge: „Es ist wahr, dieses Blut konntest Du nicht sehen, da es die Juden ängstlich geheim halten, gewiss haben sie einige Tropfen Blut zu den Mazzos, bevor Du gekommen bist, hineingeschüttet." Es ist uns nicht bekannt, ob der Schüler Kozak, den der Herr Professor durch dieses Erziehungsmittel zum grösseren Fleisse zwingen wollte, sich wirklich gebessert hat, aber wir bringen diese Thatsache zur Kenntnis der k. k. Schulbehörden, damit sie den genannten Lichtverhreiter belehren, dass Päpste auf Grund ihrer Kenntnisse in den jüdischreligiösen Schriften (der erste war Papst Innocenz IV. im Jahre 1247) in vielen Bullen erklärten, dass die Behauptung, als brauchten die Juden Blut zu den Mazzos, nicht wahr ist; dass in der ersten Aera des Christenthums eben die Christen beschuldigt wurden, dass sie Knaben tödten und ihr Blut zu religiösen Zwecken verwenden; dass erst vor vier Jahren viele katholische Missionäre in China auf grässliche Art ermordet worden sind, weil man sie beschuldigte, dass sie Chinesenkinder getödtet und ihr Blut zu religiösen Zwecken verwendet hätten. Schliesslich soll ein Lehrer, und ein Pole dazu, wissen, dass das Statut Kasimir Jagielonczyks (1447—1492) und das Universal des Königs Stefan Batory (1576—1586) die Beschuldigung der Juden, dass sie Christenblut gebrauchen, als eine Verleumdung, die sie unter Todesstrafe verbieten, betrachten. Wenn gewissenlose, jedweder Menschenwürde hohnsprechende Antisemiten sich des Märchens über Ritualmorde zu politischen Agitationszwecken bedienen, so folgt noch nicht daraus, dass ein galizischer Lehrer dieses System als Erziehungsmittel in Schulen einführen soll, um dadurch die zarten Herzen seiner Zöglinge zu vergiften." Soweit das „Swiatio". Es ist aber, wie wir wissen, bisher noch nicht den galizischen Schulbehörden eingefallen, gegen Herrn Franz Krzyzanowski ein Disciplinarverfähren einzuleiten. Unsere Fuhrer, die Herren Dr.Löwenstein, Dr. Fruchtmann und Rapaport. haben es nicht der Mühe wert gefunden, im galizischen Landtage in dieser Angelegenheit eine Interpellation zu richten. Wir sind nun neugierig, ob Herr Dr. Byk, der sich als Vertreter der Jud*»n ger'icrt. der stets bereit sein soll, ihre Interessen. zu vertreten, oder vielleicht gar der hiesige Reichsraths- Abgeordnete und ehemalige Bürgermeister Herr Dr. Trachtenberg den Herrn Unterrichtsminister darüber interpellieren werden? Ob diese Herren es thun werden oder nicht, es ist Pflicht der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, bei den Schulbehörden gegen Krzyzanowski einzuschreiten, damit er exemplarisch bestraft werde, denn schon hören wir, dass . in anderen Orten sich Lehrer ähnliche Aeusserungen erlauben. Genf. (Im wunderschönen Monat Mai.) Eine Heldenthat par excellence, die es verdient, überall bekannt gemacht zu werden, begiengen hier vor einiger Zeit die Jünger des allein selig machenden Socialismus in ihrem Eifer für ihre heilige Lehre. Genf ist, wie bekannt, als Universitätsstadt ein Hauptzufluchtsort für russisch-jüdische „Emigranten" und der Sitz einer starken „russischen Colonie", d. h. einer jüdischen Studentenschaft aus Russland, die für den Socialismus durch Dick und Dünn geht. Nebenbei scheinen sie sich's zur heiligsten Aufgabe gemacht zu haben, den Zionismus auf Schritt und Tritt zu bekämpfen. Nichtsdestoweniger zählt hier der Zionismus, dank der regen Agitation einiger tüchtiger Gesinnungsgenossen, eine ansehnliche Anzahl von treuen Anhängern, die sich aus allen Parteien und Lebeusberufen recrutiert haben. In letzterer Zeit ist hier auch eine kleine Gruppe ins Leben gerufen worden, die zugleich zionistisch und socialistisch sein will, wodurch sie natürlich in einen Gegensatz zu den fanatischen Socialisten tritt. Da kam der 1. Mai a. c, der Tag, den, wie bekannt, die Socialisten aller Fractionen und Richtungen feiern und an welchem sie sich zusammenthun und durch einen festlichen Zug gegen die herrschende politisch-ökonomische Ordnung demonstrieren, ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, die der Egalite, Liberte, Fraternite, ausdrücken. Nun wagte es die kleine zionistisch-socialistische Gruppe, eine rothe Fahne zu ergreifen und — was bei weitem unerhörter ist — derselben ein Band in zionistischen Farben anzuhängen, um dadurch ihrer Solidarität mit den unterdrückten Classen, wie mit ihrem unterdrücktem Volke zugleich Ausdruck zu geben. Dieses offene Bekenntnis des Judenthums schien den lieben Söhnen — leider — unseres Volkes als Profanation ihrer erhabenen Freiheitsgefühle und verletzte sie so sehr, dass sich ein Theil derselben, denen sich noch einige gleichgesinnte wirkliche Russen und Bulgaren angeschlossen hatten, auf die kleine zionistische Gruppe mit Ingrimm stürzte, sie misshandeln — ich bemerke ä propos, dass der Gruppe auch eine Anzahl Damen ange- ' hört — und die jüdisch-nationalen Abzeichen ä tout prix zerreissen wollte. Nur Dank der Einmischung eines französischen „Genossen" liess die edle Ritterschar von ihrem heldenhaften Vorhaben ab und begab sich fürbass nach ihren Zelten. Aliein damit ist das Ereignis noch nicht erschöpft. Die insultierte, beleidigte Partei wagte etwas noch Dreisteres. Sie trat in einem lithographischen Schreiben mit einem Protest gegen den frechen Angriff auf. Wahrlich unerhört! Diese riSülu empörte die edlen Herren von der „russischen Colonie" aufs äusserste und bewog sie, da sie aus Feigheit nicht mehr wagen, ihren entfesselten Leidenschfaten und Hassgefühlen durch die Faust Ausdruck zu verleihen, mit einem Gegen pro test aufzutreten. Interessant sind die Versammlungen, die von diesen edlen Herren schon seit einigen Tagen allabendlich ohne Unterbrechung einberufen werden, um die schreienden Juden zu überschreien. Diese edlen Ritter der Freiheit halten es gar nicht für unwürdig, sich die Frechheit zu nehmen, die Thatsachen zu corrumpieren, Lüge über Lüge zu häufen, die Facten schlau zu umgehen; manche suchen durch Schliche und Umwege, ja sogar durch Theorien den frechen Ueberfall zu beschönigen; einer der Herren Insultanten, ein ^„Märtyrer der heiligen Lehre", hatte sogar die Geneigtheit.