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Die Welt · 1900-05-25 · 21 (25.5.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
21 (25.5.1900)
Article
Zum Jubiläum Goldmarks
Date
1900-05-25
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 21 ,Die 2& Welt" Seite 5 borgenen, ureigenen Schätzen, von deren Existenz man fast nichts mehr weiss, manch schönes Kleinod zutage fordern, bezeugt Carl Goldmark, der gefeierte Jubilar, und sein bedeutendstes Werk: „Die Königin von Saba". In seiner Kindheit hatte wohl der Cantorssohn von Keszthely, keine Ahnung von der Art seines einstigen Wirkens. Das einzige, was ihm Ohr und Herz bewegte, war jüdische Tempelmusik, ein seltsames Ding, fast so sonderbar, wie deren äusseres Auftreten in der Person der Cantoren, Sänger, Bässe und Knaben, wie es Heine im „Rabbi von Bacharach" so köstlich geschildert hat. Instrumente waren selbstverständlich verpönt; der melodische Charakter der Gesänge war aus allerlei Elementen zusammengesetzt, aus alten spanischen, deutschen, ungarischen Klängen und selbst italienischer Opernmusik, zum Theile aber auch aus uralten Leberlieferungen, durch die sich ein manchmal hervortretender jüdischer Grundeharakter schliesslich doch aus nationaler Uranlage herleiten liesse. So kam es, dass manchmal selbst die leichtgeschürzte Muse Offenbach'scher Operetten, in das Gewand des Freita^r-Abendliedes gehüllt, im Tempel ihre Bewunderer fand. Das Wort „Melodien" drückt nicht die Fülle von Seele aus, die z. B. in einem Kol Nidre lag, dass Franz Liszt aus ihnen den Schmerz einer grossen Nation und die Hoffnung auf herrliche Erlösung vernahm. Das Charakteristische an dieser Vocalmusik, der die Harmonie eigentlich fehlt, war die reiche Modulation, die sich zum Ausdrucke der so vielfach wechselnden Stimmungen der jüdischen Volksseele am besten eignete, die aber die improvisierenden Sänger zu den verwegensten Cadenzen und Schnörkeln verleitete. So geartet waren die ersten musikalischen Eindrücke Goldmarks, und dennoch offenbart sich sein Talent frühzeitig. In einem benachbarten Orte lernte er Violinspiel und pflegte dasselbe, da die Familie sehr arm war, in Schenken und bei Tänzen zu verwerten. Aber bald trieb es ihn nach einer Stätte, wo er sein Talent ausbilden und zur Reife bringen konnte. 17.Jahre alt, dabei in allen Wissensgebieten gänzlich zurück — er konnte kaum deutsch lesen und schreiben — kam er nach Wien, wo er an seinem Bruder, einem Primarärzte des Allgemeinen Krankenhauses, eine Stütze fand und im Conservatorium die Grundlagen der Harmonielehre, ausserdem Violin- und Clavierspiel lernte. Aber auch jetzt sollte er nicht das Glück geniessen auf dem gewöhnlichen Wege des öffentlichen Studiums emporzukommen — und des Studiums bedurften ja selbst die grössten Meister — sondern das Jahr 1848, in welchem sein Bruder, der Theilnahme an der Ermordung des Kriegsministers Latour beschuldigt, nach Amerika fliehen musste, zwang ihn, sich nach Ungarn zurückzuziehen, wo er als Autodidakt tiefer in das Studium der classischen Tonwerke eindrang. Er lebte in Ofen nnd Raab und kehrte erst im Jahre 1S5U nach Wien zurück, wo er Mitglied des Carl- Theater-Orchesters wurde und sich allmählich dem Wiener Publicum bekannt machte. Im Jahre 18i;<), nachdem er seine theoretischen Studien beendet hatte, trat er zum erstenmal mit einem Concertrepertoire vor das Publicum. Seine Musik ist durchaus classisch, und dabei, was heutzutage viel besagen will, eigenartig, seine Individualität ganz ausprägend, nämlich stark und von prächtiger Klangwirkung. Nebst einigen Quartetten und Quintetten schuf er anfangs mehrere Ouvertüren, wie „Penthesilea", „Sappho", „Prometheus" und „Sakuntala", welch letztere zuerst seine eigenartige, fast fremdländisch klingende Hannonienfolge und -Fülle zeigt, der wir insbesondere wieder in der „Königin von Saba" begegnen. Zwischen Werken von breit hinwallendem. fast glühendem Pathos finden sich lieblich einfache, volkstümliche Weisen, wie in der „Frühlingsouverture", der „Ländlichen Hochzeit" und unter den Opern insbesondere im „Heimchen am Herd". Seine Operustoffe wählte Goldmark aus allen möglichen, aber aus poetisch-musikalischer Darstellung wirklich günstigen Ideenkreisen, bald aus dem uralten jüdischen Leben, bald aus dem trojanischen Sagengebiete, bald aus romantischer Ritterwelt. bald aus einfach bürgerlichem Familienleben; so entstanden „Die Königin von Saba", „Das Heimchen am Herd", „Merlin" und „Die Kriegsfangene". Merkwürdigerweise steht gerade die erste, in welcher der Meister in die Vergangenheit seines eigenen Volkes hinabstieg, auch musikalisch am höchsten und ist gleichzeitig diejenige Oper, die Goldmarks Eigenart am deutlichsten ausprägt. Selbst der Text, der von Mosenthal, dem bekannten Dichter der „Deborah", herrührt, überragt an poetischem Werte die gänzlich hohlen Phantasiaden der älteren Opern. Wie in einigen Wagner'sehen Dichtungen der Kampf zwischen Heidenthum und Christenthum, wie er sich im deutschen Mittelalter abspielte, so tritt hier der Gegensatz zwischen orientalischer Sinnlichkeit und altjüdischer Einfachheit und Innigkeit, wie er in den urältesten Zeiten bestand, in lebhafter Gestaltung vor uns. Goldmark hat diesen Gegensatz musikalisch auf das schönste verdichtet, indem den bestrickend glühenden Weisen der Königin von Saba die innig-lieblichen und im Schmerze unendlich wehmüthigen der Sulamith gegenübergestellt sind, dem pomphaften Hofstaat der Königin das ruhig-ernste Auftreten des Salomo und dem berauschenden Zauber der Liebesnacht die Erhabenheit eines Morgengebeteb im salomonischen Tempel. In dieser Tempelscene insbesondere hat Goldmark die höchste Weihe des altbiblischen Lebens in Harmonien zum Ausdruck gebracht, die, von der üblichen Art. Feierlichkeit in Tönen darzustellen, sich entfernend, in ihrer seltsamen Schönheit unmittelbar der Eigenart des. Componisten zuzuschreiben sind und aus tiefstem nationalen Empfinden hervorgeströmt zu sein scheinen. Ernst Müller. Hilfe für die rumänischen Juden. In der letzten Jahressitzung der Wiener „Allianz" brachte Dr. Bloch den Vorschlag, ein, es möge der Präsident Ritter von Gutmann bei den europäischen Finanzmächten intervenieren, damit der rumänischen Regierung für die Bedrückungen der dortigen Juden der von ihr jetzt angesuchte Credit verweigert werde. Gegen diesen Vorschlag wendete sich Dr. Herzl mit einigen Worten, deren ironische Wendung wohl kein Vernünftiger missverstehen könnte. Dr. Herzl bemerkte, er müsse sich gegen diesen Antrag aussprechen, weil er nicht den Präsidenten einem Refus aussetzen wolle, denn er glaube erstens nicht an die angerufene Solidarität der Finanzmächte, und zweitens, selbst wenn eine solche bestünde, so würde sie den Lockungen, die V« Percent mehr auf dem Anlagemarkte biete, sicherlich nicht widerstehen können. Es wird wohl niemand glauben, dass Dr. Herzl Herrn von Gut mann, dem ja ein Korb nicht schaden könnte, schonen wollte, und selbst unseren wüthendsten Gegnern wird es nicht einfallen, zu behaupten, dass Dr. Herzl sich einer Hilt'saction gegen die armen rumänischen Juden widersetzen wollte. Man sehe sich einmal diese „Hilfsaction" genauer an. Dr. Herzl lenkte die Aufmerksamkeit der einmal im Jahre versammelten „Allianz/'-Leute auf die entsetzliche Lage unserer rumänischen Brüder, und man kam mit diesem phantastischen Auskunftsmittel. Dieser Vorschlag ist nicht nur unnütz, sondern auch gefährlich. Erstens würde schon die Ankündigung dieser „Hilfe" für die armen, wehrlosen rumänischen Juden ein entsetzliches Blutbad heraufbeschwören, zweitens wäre dem verhängnisvollen Schlagworte von der weltumspannenden Macht der jüdischen Finanzwelt neue Nahrung zugeführt, und drittens würde dieses mystische Auskunftsmittel für die Hex-ren einen billigen Vorwand ab-

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