Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Article
- [Kommentar] / M. Z.
- Date
- 1900-05-18
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 ,Die j$l Welt" Seite 13 hervorgerufen als diese, die vorher nicht nur in Russland, sondern auch in denjenigen .Ländern niemals existierte, mit denen wir zugleich unsere Juden erworben haben? Allein trotz des Art. 21« fasste das erwähnte Departement einen Beschluss, wonach die Talmudjuden, sowie deren Nachkommen, wenn auch sie Talmudjuden sind, die Adelsberechtigung haben und die Adelskammern verpflichtet sind, sie aufzunehmen, ihre Geburtsregister zu führen, ihre Kinder auf Kosten der Adeligen-Casse zu erziehen, sie zur Wahl zu stellen für jedes Amt etc. Hingegen sind die Juden, die zum Christenthum übergetreten sind, und deren christliche Nachkommen auf Grund des Art 110f> von allen diesen Rechten ausgeschlossen und können auf keine Weise Adelige werden. Ein solches Gesetz dürfte es schwerlich jemals in ganz Europa gegeben haben, bei uns aber ist es jetzt in Kraft." Nach weiteren heftigen Ausfällen gegen das Adelsdepartement fährt der „Swjet" folgendermassen fort: „Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, dass unsere Gerichtshöfe erst von 2710 rechtgläubigen Russen durchschnittlich einen verurtheilen, während schon von 715 Juden einer straffällig ist Da nun der Wucher, die Hehlerei, die Hinterziehung von Steuern und kleine Betrügereien Lieblingsgewolmheiten der Juden sind, wenn es ihnen auch oft gelingt, sich der Strafe zu entziehen, so ist es doch klar, dass die Juden ein verbrecherisches Element ohnegleichen nicht bloss in Russland, sondern auf der ganzen Erde bilden. Und diesem eigenartigen Elemente, diesem Krebsschaden schafft das Departement Eingang in den russischen Adelsstand, dem unter anderen alle Senatoren und auch die Mitglieder des Staatsrathes angehören!" Zahlreiche ernstere russische Blätter weisen die Ausfälle des „Swjet" energisch zurück und machen sich namentlich über die famose Criminalstatistik des Blattes lustig, die jeder thatsächlichen Grundlage entbehrt. M. Z. In der „Israelitischen Rundschau" setzt Dr. Niemiro wer seine Artikel über „Die jüdische Geschichte und der Geistes- Zionismus" fort. Den Juden wird so oft, besonders von Treitschke, der Vorwurf gemacht dass es ihnen an historischem Sinn mangelt, weil Mendelssohn einmal gesagt habe, dass die Geschichte ihm kein Interesse abzugewinnen vermochte. Was einer gesagt, hat. wird auf den ganzen Stamm übertragen. Vielleicht sei in früheren Zeiten ein Mangel an historischem Rinn bei den Juden vorhanden gewesen. Die Gründe liegen vielleicht darin, weil in der Religiosität Israels, die seinen Stolz und Ruhm bildet, der Mangel an Geschichtssinn zu finden sei. Der Religiöse ist durch den erhabenen Vorsehungsglauben, dessen Wert allerdings alle Geschichtsweisheit aufwiegt, nicht leicht imstande, das Causalitätsgesetz in der Geschichte voll und ganz zu erkennen. In unserem zu Ende gehenden Jahrhunderte hat aber der Eintritt Israels in das staatliche Völkerleben einen grossen Umschwung hervorgerufen. Die vielen Vereine bewirken die Vertiefung der Kenntnis unserer Vergangenheit. Dieses Kennen führt aber zum Können, zu bedeutsamem Wachsen des Stammesgefühles und Volkswillens. Von der werdenden Geschichte wird Lebensmacht zurückströmen in die gewordene ... Der „Zion" in Berlin hat sein Erscheinen eingestellt. „Hameliz" veröffentlicht unter dem Titel „Der neue Curs in der Opposition gegen den Zionismus" einen überaus interessanten Artikel von J. A n i x t. Es wird darin gegen die antizionistische Broschüre „Or Lajescharim" des sattsam bekannten Kownoer schwarzen Cabinets in sehr glücklicher Weise polemisiert. In demselben Blatte nimmt A. Singer das Wort zur Culturfrage. Ferner finden wir im „Hameliz" einen lesenswerten Aufsatz von Frl. Rebekka Lipschitz-Leman über „Die Lebensweise unserer Mädchen und deren Einfluss auf den Geist ihres Volkes". „Hazefira" bespricht in einem Leitartikel „Die Notwendigkeit hebräischer Landkarten". Dasselbe Blatt bringt einen Artikel von Dr. M. Z w e i fei, in dem die Bedeutung der von Dr. Chasanowitz gegründeten Nationalbibliothek in Jerusalem gewürdigt und zugleich beklagt wird, dass dieses Institut von Seiten des grossen Publicums nicht genügend unterstützt wird. Feuilleton. Kleine Geschichten. Von Max Rotter. (IV. Serie.) I. Vertrauliche Gespräche. Dr. Stransky: „Na, was sagen Sie dazu? Haben Sie gelesen, wie man mich behandelt hat? Sie haben sich gewiss noch nicht von dem Entsetzen darüber erholen können . . ." Dr. Porz er: „Wie soll ich das verstehen? Ich weiss nicht, was Sie meinen. Aber eines scheint mir in Ihren Bemerkungen auf alle Fälle unlogisch zu sein. Sie klagen über eine Ihnen widerfahrene schlechte Behandlung, und ich soll darüber entsetzt sein? Erklären Sie sich doch deutlicher.-' Dr. Stransky: „Scherzen Sie nicht! Wir zwei können ja ganz offen miteinander sprechen. Sie wissen ganz wohl, was ich meine: Einen „Juden" haben Sie mich geschimpft! Mich, einen Juden! Das ist doch unerhört." Dr. Porz er (lächelnd): „Warum unerhört? Das kommt alle Tage vor." Dr. Stransky: „Ihre Ruhe bringt mich noch zur Raserei. Sie, der Dr. Porzer, bleiben gleichgiltig, wenn mich, den Dr. Stransky, die ("hristlieh-Soeialen einen „Juden" nennen? Das ist unfassbar." Dr. Porzer: „Was ist daran für Sie so Auffälliges 7 Die Leute sprechen halt einmal diesen Jargon." Dr. Stransky: „Wenn Sie doch einmal einen Satz anders als in Frageform heginnen wollten! Aber wollen Sie denn absolut nicht einsehen, dass es eine Tollheit ohnegleichen ist, wenn Ihre Leute, ich sage Ihre Leute, die Sie abgöttisch verehren, ja mehr als das, die sieh Ihnen mit ihren Processen anvertrauen, mich einen „Juden" nennen! Das ist mehr als toll, das ist lächei-lich." Dr. Porz er: „Warum ist das lächerlich?" Dr. Stransky (verblüfft) : „Jetzt bleibt mir aber der Verstand stehen '. Ja, was ist denn der Unterschied zwischen Ihnen und mir. Sie waren ein Jude, ich war es auch. Sie sind getauft, ich bin es auch. Wo gibt es da einen Unterschied zwischen uns beiden?" Dr. Porz er: „Wo der Unterschied ist? Aber lieber Freund, ein ganz kolossaler! Was nützt die Taufe? Das ist nichts. Wenn Sie wollen, dass man Ihnen Ihr Judenthum verzeihe, dann müssen Sie — Antisemit werden. Ich, sehen Sie, ich bin ein Antisemit!" Dr. Stransky: „So steht die Sache? Das wusste ich allerdings nicht." Dr. Porz er: „Das wussten Sie nicht? Komisch. Das ist ja klar. Meine Parteigenossen halten jeden Christen, der kein Antisemit ist, für einen Juden, wie sollen sie dann Sie für — keinen Juden halten?" Dr. Stransky (nachdenklich): „So ... so . . . Von der Seite habe iclr die Sache nicht betrachtet." *