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Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Wien
Date
1900-05-18
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 ,Die 2£ Weif4 Nr. 20 stellen wolle, doch müsse ein ausführliches Programm erst berathen und entworfen werden, um es einer nächsten Versammlung von Fachmännern vorschlagen und begutachten zu lassen und dann die Statuten des „Jüd. Schulvereines" von der Regierung bestätigt zu erhalten. Herr Dr. Zang wünscht dem neuzugründenden Vereine Glück und Gedeihen und hofft von demselben viel Gutes für Israel. Der geistreiche, mit Bibelstellen und Midrasch-Citaten gezierte Vortrag fand allgemeine Zustimmung. An der Debatte betheiligten sich die Herren Rabbiner Sor und Buchsbaum, von denen ersterer für eine Vereinigung mit der bereits lange Jahre bestehenden „Talmud Thora" plaidirte, was aber auf vielseitigen Widerspruch stiess. Der ehemalige Lehrer der Anstalt, Herr Daniel Skutezky, nahm diese Schule gegen die unbegründeten Angriffe in Schutz, und auch ein ehemaliger Schüler, Herr Fleischmann, derzeit Vorstands- Mitglied des Vereines „Montefiore", sprach in ähnlichem Sinne, wenn er auch einzelne Schattenseiten zugab. Es wurden noch einzelne Redner angehört und zum Schlüsse ein achtzehn gliedriges Comite zur Einleitung der weiteren Schritte gewählt, wovon demnächst berichtet werden soll. Triest Wohl hat hier der Zionsgedanke etwas verspätet Eingang gefunden, bricht sich aber dafür umso kräftiger Bahn. In einem Vortrage, betitelt -II sentimento negli ebrei", den unser Gesinnungsgenosse Herr Rabbiner Dante A. L a 11 e s am 9. d. M. im SiUungssaale der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde vor einer zahlreichen, Kopf an Kopf gedrängten Zuhörerschaft hielt, wies unser ausgezeichneter Conferencier im Rahmen eines kurzen Ueberblickes der jüdischen Geschichte nach, dass wir Juden zu allen Zeiten für andere Völker die Kastanien aus dem Feuer geholt haben. Die Revolutionen und der Kampf um die allgemeinen Menschenrechte haben uns Juden nur Enttäuschung gebracht. Redner concludierte dahin, dass es jetzt, im Jahrhundert der Nationalitäten, hoch an der Zeit sei, dass auch wir Juden uns auf unsere Nationalität besinnen, zumal die Millionen Juden in Russland, Galizien und Rumänien ihre Nationalität nie verkannt haben und sich nie und nimmer ihrer Nachbarschaft assimilieren können und wollen. Redner führte aus, das einzige Heil für uns liege in der Selbsternancipation, wie sie uns der Zionismus weist. Dieser sei der idealste und zugleich praktischeste Gedanke, zu dem sich das moderne Judenthum emporgeschwungen hat Redner erntete für seine gediegenen Ausführungen stürmischen Applaus. Für die nächsten Vorträge des Herrn Rabbiner L a 11 e s muss man sich um einen grösseren Saal umsehen, da hunderte von Personen zur gestrigen Conferenz aus Raummangel keinen Einlass finden konnten. Dass gerade Herr Rabbiner L a 11 e s sich um den Zionismus so bemüht, ist für uns Zionisten doppelt erfreulieh, da er als Mitarbeiter des hiesigen „Corriere Israelitico", sowie als Lehrer an der hiesigen jüdischen Volksschule die Zionsidee sowohl in dem zeitungslesenden Publicum als auch unter der Jugend zu propagieren in der Lage ist. J. W. Mähr.-Ostrau. Am 1± d. AI. fand hier die constituierende Versammlung des jüdischen Turnvereines statt Gewählt wurden zum Präses: Dr. Jakob Beer, zum Vicepräses: mag. ph. Jac. Fleischer, zum Turn wart: Lehrer A.Kraus, zum Schriftwart: Ludwig L a n y i. Tobitschau. Der für Kojetein und Tobitschau neuerwählte Rabbiner, unser Gesinnungsgenosse Herr Doctor Rosenzweig, hielt in der Vorwoche im hiesigen Tempel seine erste Predigt, der alle Mitglieder unserer Gemeinde beiwohnten. Die tief durchdachte zionistische Rede wirkte begeisternd auf sämmtliche Zuhörer, die nach Sehluss dem Redner gratulierten und das Ansuchen an ihn richteten, recht oft nach Tobitschau zu kommen, um uns über Judenthum und Zionismus zu belehren. Es wäre zu wünschen, dass alle Rabbiner in Israel von demselben Geiste durchdrungen wären und ebenso begeistert für unsere heilige Sache wirkten. J. G. Bielitz. Wenn irgendwer noch bezweifeln wollte, dass wir hier »den schönsten Hort confessionellen Friedens" haben, so sollte er durch das folgende Histörchen eines besseren belehrt werden. Zum 40jährigen Jubiläum des israelitischen Frauenvereines findet eine Wohlthätigkeitsvorstellung statt, dessen Reinertrag dem katholischen und evangelischen Frauenvereine hätte zukommen sollen. Da nämlich der jüdische Frauenverein aus zwei früheren Vorstellungen schon einige hundert Gulden für unsere armen Glaubensgenossen zurückgelegt hatte, hegten die werten Damen die sehr begründete Besorgnis, es könnten durch weitere Unterstützungen die Armen in Israel sich leicht der Schlemmerei hingeben oder am Ende gar so reich werden, das der hochlöbliche Frauenverein seine Thätigkeit wegen Mangels an Armen einstellen müsste. Rechnet man dazu das „böse Blut", das die Concurrenz, die man der „christlichen Nächstenliebe" macht, ganz unausbleiblich im Gefolge hat, so wird man es gewiss begreiflich finden, dass der katholische und der evangelische Frauenverein eine kleine Zuwendung nothwendiger brauchen, als z. B. die Boryslawer Arbeiter, die vielleicht gar — horribile dictu — Zionisten sind. Der katholische und der evangelische Frauenverein verzichteten indes beide dankend auf das Geld des jüdischen Vereines, angeblich zugunsten der Abbrändler in Biala, de facto aber, weil jetzt die christlichen Frauenvereine selbst Wohlthätigkeitsvorstellungen veranstalten und sie bei der Revanche für jüdische Courtoisie wahrscheinlich mit Schaden davongekommen wären . . . Oo. Tt. Zeitschriftenrundschau. Der „Swjet", ein russisches Antisemitenblatt, beschäftigt sich in seiner Nummer low mit der Frage der Adelsberechtigung der Juden. Das Blatt führt aus: „Als Russland neue Länder erwarb, übernahm es auch die Adeligen fremder Völker und verleibte sie dem russischen Adelsverband ein. Als aber die Regierung wahrnahm, dass es unter den Adeligen der fremden Völker auch solche gab, die jüdischer Abstammung waren und das Christenthum angenommen hatten, untersagte sie streng deren Aufnahme in den Adelsstand (Band IX, Art. 1106). Was nun die Talmudjuden*) anbelangt, so findet sich von ihnen nicht nur unter den ursprünglichen Adeligen Russlands, sondern auch unter den Adeligen Polens, Lithauens und Kleinrusslands nicht die geringste Spur. Als daher der erste Talmudjude einen Orden oder Titel erhielt, auf Grund dessen er das Recht hatte, dem Adelsstande zugezählt zu werden, und er sich demgemäss an das Adelsdepartement um Aufnahme wandte, so hätte dieses ihn von rechtswegen zurückweiseu müssen, da der Art. 1106 strenge untersagt, jemanden in den Adelsstand aufzunehmen, der jüdischer Abstammung ist. Wenn aber das erwähnte Departement dies unter dem Einflüsse der Ideen und der leitenden Männer der Siebzigerjahre nicht thun konnte, so hätte es gemäss dem Art. 216 der Satzungen des regierenden Senates, wonach jede neue actuelle Frage der Plenarversammlung der Senatsmitglieder und sodann (auf Grund der Art. 116—IIS) dem Staatsrathe zu unterbreiten ist, vorgehen müssen. Denn welche Frage wäre wohl eher durch die Zeitumstände *) In Russland gibt es bekanntlch auch Karäer, die den Talmud nicht anerkennen. Anm. der Redaction.

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