Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1900-05-18
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 „Die x£ Welt'* Seite 11 allen seinen Dramen hervorgeht. Er wollte lediglich eine volksthümliche Gestalt schaffen, die er sich als komische Figur dachte. Anstatt dessen wurde sie eine tragische Verkörperung des Judenelends. Der Redner gieng dann auf die einzelnen Momente der Tragödie ein, speciell auf die Frage, ob Shakespeare seinen Helden doch nach einer ihm bekannten Figur umgemodelt hat. Und diese Frage müsse nach den neuesten, noch nicht ganz abgeschlossenen Forschungen unbedingt bejaht werden. Hier beginnt der Redner von seiner im Jahre 18S."> im British-Museum gemachten Entdeckung von zwei altvenetianischen Gedichten zu sprechen und zeigt. Schritt für Schritt in dem Helden der Gedichte, dem Juden Don Josef Nassi. die Ouelle, aus der der grosse britische Dichter geschöpft. Dieser~berühmte Jude von Malta, voll von Ehrgeiz, wurde im Laufe eines wechselvollen Lebens aus einem verfolgten ein verfolgender Jude. Er rächte sich an allen, die ihm Böses gethan. In England gab es zahlreiche umherziehende Schauspieler. Eine Truppe kam auch nach Wien und Graz. Dort spielte sie auch ein Schauspiel „Der Jude von Venedig", dessen Hauptfigur Josef hiess, nicht Shylock. Shakespeare machte die Quelle absichtlich unkenntlich. Von der ursprünglichen Gestalt ist fast nichts übrig geblieben, nur ein Jude in übernatürlicher Grösse. — Reicher Applaus lohnte den geistvollen Redner. Das 2. Referat des Abends — die Gemeinde wählen in Wien — konnte der vorgerückten Zeit wegen nicht mehr zur Behandlung kommen. Wien. (Mo ri a", literarisch erGeselligkeit s- Verein jüdischer Mädchen.) Am »;. Mai l'-KK) hielt Herr Dr. Max Jerusalem einen überaus fesselnden Vortrag über „Shylock" aus „Der Kaufmann von Venedig". Die Zuhörer folgten mit gespanntester Aufmerksamkeit den scharfsinnigen Ausführungen und belohnten dieselben mit anhaltendem Applaus. Der nächste literarische Nachmittag findet Sonntag den 20. Mai im Vereinslocale. IX., Bergg. :><> statt. Referent: Herr Dr. Margulies. Thema: „E i nführung in die jüdische Literatur und Geschichte". Beginn präcise M Uhr. Gäste (Damen) herzlichst willkommen. Nadwörna. Wie mächtig »der zionistische Gedanke in der hiesigen jüdischen Bevölkerung Wurzel geschlagen hat. documentiert sich aufs erfreulichste bei den jedesmaligen feierlichen Veranstaltungen unseres Vereines. Für Dienstag den l. Mai, S Uhr abends, wurde durch öffentliche Maueranschläge eine Feier angekündigt. Schon vor der festgesetzten Stunde kamen zahlreiche Gäste herbeigeströmt und füllten den hell erleuchteten und geschmackvoll decorierten Saal bis aufs letzte Plätzchen. Die grosse Zahl der Nachdrängenden musste sich im Hausflur postieren. Die Rednertribüne war rechts und links von blau-weiss decorierten Säulen eingefasst, über die sich herrliche Blumengewinde rankten. Nachdem unser Vereinspräsident Herr Josef Mehr die Festversanimlung begrüsst hatte, ertheilte er Herrn F. Dunajer das Wort zur Festrede. Redner beleuchtete den ganzen Werdegang des modernen Zionismus. Er besprach eingehend die Bedeutung der Baseler Congresse und der Jüdischen Colonialbank, dieser grossen Schöpfungen. Die schwungvolle Rede übte einen nachhaltigen Eindruck auf alle Anwesenden. Das Schlusswort hielt Herr D. Bas och es. Wir haben einen grossen moralischen Erfolg zu verzeichnen. Viele traten unserem Vereine als Mitglieder bei. Der Feier schloss sich ein animierter Commers an, bei dem die Herren J. Mehr. D. B a s e c h e s, J. Burstyn und F. Du.naje r Toaste ausbrachten. Bochnia. Am 4. April a. c. hat auf seiner Durchreise von Wien Herr Dr. Sal. Rosenheck aus Kolomea uns mit seinem Besuche beehrt und im Bethause „Chaduschini" einen Vortrag gehalten. — Sonntag den 15. April a. c. hielt vor einer zahlreich besuchten Frauenversammlung Herr Julius Dresner cand. jur., eine Vorlesung. Thema „Das Jüdische Weib". Rozniatow. Gestern, am <>. Mai a. c, hielt der hier neugegründete Verein „Chowewe Zion" des „Zion" seine erste ordentliche General - Versammlung ab. Eröflhungsi eden hielten die Herren J. Tann e, M. Jäckel und M. Gross. In den Vorstand wurden gewählt die Herren: L. Turteltaub. Präsident: Cultusvorstand J. Gerner als erster Vicepräsident; J. Tann e, zweiter Vicepräsident; L. J e k e 1. erster Cassier; B. G e 1 1 e r. zweiter Cassier; M. Jäckel. erster Schriftführer: Jakob K e 111 e r, zweiter Schriftführer : H. Baruch Horovitz, Schriftführer für hebräische Sprache. Correspondenzen. Wien. Einen überraschenden Verlauf nahm die am lo. d. M. abgehaltene XXVII. General-Versammlung der „Israelitischen Allianz". Nach Verlesung des /Jahresberichtes eröffnete der Präses, Herr David Ritter von Gutma» n, die Debatte und ertheilte als erstem Redner Herrn Dr. Theodor H e r z 1 das Wort. Unter Bezugnahme auf den Passus des Berichtes: .Auch fanden sich bei uns des Oelleren rumänische Glaubensgenossen ein, denen die Behörden Auslandspässe mit dem Vermerk „Rückkehr untersagt" eingehändigt hatten. Wir hallen jedem, so weit es in unserer Kraft stand, damit er in die Lage "feimme, sich im Auslande eine Existenz zu gründen," fragte Dr. Herzl das Präsidium, ob es sich mit der rumänischen Frage beschäftigt habe und was die „Allianz" zu thun gedenke, um eine umfassende Hilfsaction ins Werk zu setzen. Die rumänische Judent'rage habe speciell für Oesterreich eine sehr ernste Seite. Die nothgedrungene Auswanderung birgt eine wirtschaftliche Gefahr in sich, und es gehe nicht an, darüber einfach zur Tagesordnung zu schreiten. In gleichem Sinne sprachen die Herren Dr. Bloch und Sigmund M e y e r. Herr Salo C o h n sprach über Palästina und die dortigen Schulen. Der Redner entwickelte dabei Ansichten über Colonisation in Palästina, die im absoluten Widerspruche stehen zu allem, was man bis jetzt von berufenster Seite darüber gehört hat. Redner meinte z. B., Palästina läge „zu sehr aus dem Wege". Er kam dann auf das Einwanderungsverbot der Türkei zu sprechen, das, wie ja männiglich bekannt, die Zionisten verschuldet hätten. Hatte Herr Dr. Herzl eingangs seiner Rede erklärt, er wolle über Zionismus nicht sprechen, so war er nunmehr dazu gezwungen. Er sowohl, wie Herr Y o r k- Steiner nahmen Veranlassung, die zahlreichen Unrichtigkeiten zu rectificieren. Letzterer bemängelte namentlich das ganze System, mit dem die verschiedenen Vereint' arbeiten. Es nahmen noch verschiedene Redner das Wort, mehr oJer weniger den Bericht kritisierend, und zwar ineist in gleichem Sinne wie Herr Dr. Herzl es gethan. Der Präs es konnte nur zugeben, dass mau über den rumänischen Nothstand noch nicht gesprochen und zur Linderung desselben noch nichts gethan habe. Es scheine ihm auch „nicht so argtt dort zu sein. Die Versammlung nahm diese Aeusserung mit sehr gemischten Empfindungen zur Kenntnis. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden per Acclamation wiedergewählt. Wien. Während im Lemberger Gemeindetage der zionistische Antrag des Rabbiners Levin betreffs Gründung eines jüdischen Gymnasiums zur Förderung der hebräischen Sprache und Wissenschaft durchdrang, fand hier am Sonntag auf Anregung des Vereines „Marpe lanefesch" im Clubiocale des „Cafe Adria" eine gutbesuchte Versammlung statt, an der sich jedoch die übrigen conservativen Vereine nicht betheiligten. Vereins-Obmann Herr Steiner begrüsste die Erschienenen, legte in Kürze die Nothwendigkeit einer höheren Schule für jüdische Jünglinge vom jüdischen Standpunkte dar und ertheilt Herrn Rabbiner Dr. M. Zang aus Ung. - Brod das Wort zum Referate. Redner schilderte in knappen, charakteristischen Zügen die traurigen Zustände der Gegenwart, in der die vielen nationalen Vereine einen kleinen Lichtblick bilden, denen jedoch der rechte Geist erst eingeimpft werden müsse, wenn sie nicht „verdorrten Gebeinen und zerstreuten Gliedern" gleichen sollen. Referent hat auf dem Gebiete des Unterrichtes vielfache Erfahrungen, die er gerne in den Dienst der guten Sache