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Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Die Entführung von Madame Gyp
Date
1900-05-18
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die & Welt" Nr. 20 gut, denn in der Höhe von drei Metern riss das Seil und ich fiel weich und ohne mich zu verletzen nieder. Nun befand ich mich zwar schon im Schlossparke, aber ich musste jetzt noch, um ins Freie zu gelangen, erst das zweieinhalb Meter hohe Parkgitter üserklettern. Nun bin ich zwar Gymnastikerin, und es gelang mir wohl, über das Gitter zu kommen, aber beim Hinabspringen von seiner Höhe verletzte ich mich am Finger und zerriss meine Kleider. Ins Freie gelangt, lief ich nun planlos durch die mir ganz unbekannte Gegend, bis ich endlich zu einem Zollwächterhause kam. wo ich mein Abenteuer erzählte und mich ausrnhte. Ich befand mich, wie ich erfuhr, auf dem Wege nach dem 13. Bezirke. Ich setzte meine Wanderung fort. Ich wandte mich an zwei Wachmänner, die mich, trotz meines Widerstrebens — denn ich wollte mein Abenteuer geheimhalten — veranlassten, auf der Wachstube der Mairie meine Erzählung zu wiederholen. Da man mir etwas skeptisch entgegenkam, liet-s ich mich zu dem in diesem Bezirke wohnhaften Deputierten Mery führen, welcher zwar über den nächtlichen Besuch erstaunt war, aber nicht besonders gestört schien, da er als Doctor der Medicin mitunter geweckt zu werden pflegt. Paulin M e r y bezeugte meine Identität, liess dann einen Wagen holen, mittelst dessen ich endlich um 4 Uhr morgens, tief ermattet, heimkehrte." Das ist die Darstellung, die Madame Gyp von dem Abenteuer gibt, für welches die Roman-Schriftstellerin bisher allerdings wenig Gläubige gefunden hat. Der „Figaro" hebt hervor, dass die von der Polizei eingeleiteten Recherchen bisher keine Handhabe für die Bestätigung der abenteuerlichen Geschichte geboten haben, und dass man in polizeilichen Kreisen, ebenso wie in gesellschaftlichen, in denen man die Gräfin M a r t e 1 genauer kennt, das ganze im besten Falle für eine Hallucination hält, deren Opfer die nervöse Schriftstellerin gewesen. Madame Gyp verwahrt sich gegen diese Annahme und sie erwähnt so nebenher, dass den Nationalisten bereits vor einem Jahre in einer ihr zugekommenen Affiche, die indessen niemals placatiert worden ist, gedroht wurde, man werde sie als Geisel entführen. Der „Figaro" rückt auch den Details der Entführungsgeschichte zu Leibe und constatiert vor allem auf Grund glaubwürdiger Aussagen verschiedener Kaufleute und Wirte aus der Gegend, in der die Affaire angeblich gespielt hat, dass zu der kritischen Zeit dort kein Wagen stationierte. Hermann Levi. In München istam 12. d.M. mittags der bayrische General-Musikdirector i. P. Hermann Levi im 61. Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist eine höchst interessante Künstlererscheinung, eine Persönlichkeit dahingegangen, welche tief eingriff in die musikalische Bewegung halbvergangener Zeiten, ein Mann, dessen Name stets genannt werden wird, wenn man Richard Wagners und seines Lebenswerkes gedenkt. Levi war am 7. November 1S39 in Giessen als Sohn des dortigen Rabbiners geboren, wurde mit dreizehn Jahren Schüler Vinzenz Lachners in Mannheim und studierte dann noch — von 1S55 bis lSöS — am Conservatorium in Leipzig. Sein Streben umfasste keineswegs bloss das Clavierspiel, in dem er es bis zu ansehnlicher Höhe gebracht hatte, sondern das gesammte Gebiet der Musik. Auch die allgemeine Bildung wurde nicht vernachlässigt. Levi erwarb sich hervorragende Kenntnisse auf literarischem Gebiete und bildete sich zu einem der feinsten Bilderkenner unserer Zeit aus. lSö'J wurde Levi Kapellmeister in Saarbrücken, ISiil in Rotterdam. Von 1S64 an war er als Hof- Kapellmeister in Karlsruhe thätig. Aus dieser Zeit stammt seine Freundschaft mit Johannes Brahms und dem Maler Anselm Feuerbach. 1872 kam er in leitende Stellung nach München, wurde General-Musikdirector und entfaltete eine rastlose, segensreiche Thätigkeit auf dem Gebiete der Musik, indem er als Dirigent die Anregungen Richard Wagners in die Praxis umsetzte, mit manchem alten Schlendrian brach und Neues, Vollwertiges dafür setzte. Den Weltruhm Levis begründete seine Direction der ersten „Parsifal"-Aufführung in Bayreuth (18S2), eine wahrhafte Grossthat auf dem Gebiete reproducierender Kunst. Von da an blieb Levi der Familie Wagners eng verbunden. Bis 18!)i fungierte er als Festspieldirigent. ISiHj legte er Aemter und Würden nieder und zog sich ins Privatleben zurück. Nebst seiner Wirksamkeit als Theater- und Concertdirigent hat sich Levi durch seine feinfühligen Bearbeitungen Mozart'scher Opern — eine Arbeit, deren Anfänge in die Karlsruher Zeit zurückdatieren — grosse Verdienste erworben. Auch war er für die Verbreitung der Werke von R. Strauss und Anderer thätig, indem er unter einem Pseudonym erschienene, sehr gut spielbare Ciavierauszüge dieser allerneuesten Orchestersachen verfertigte. Levi bethätigte seinen regen Kunstsinn auch noch andererseits durch lebhaften Verkehr mit Malern. Er besass eine der schönsten Privatgallerien, in welcher neben den Bildern grosser alter Meister eine ganze Sammlung kostbarer Feuerbach prangte. In den letzten Wochen war der lebhafte, liebenswürdige Mann herzleidend, und diesem Leiden ist er auch erlegen. Die jüdische Coloniaibank. Wie wir erlaliren, besteht in den leitenden Kreisen der Bank die Absicht, Filialen an den wichtigsten Punkten des jüdischen Geschäftsverkehres zu begründen; insbesondere sind für den Anfang Jaffa und Wilna in Aussicht genommen. Vereinsnachrichten. Wien. (Verein jüd. Mädchen „Hadassa'.) Samstag den 1!). Mai findet im Restaurant Khuner, I., Adlergasse, eine Akademie mit anschliessendem Tanzkränzchen statt. Beginn halb 0 Uhr abends. Regiebeitrag 1 Krone. Wien. Am Ii. April d. J. vereinigte der Einzelverein ,,Fünfhaus" des „Zion" in Herlingers Restauration, XIV., Schwendergasse 1, ein überaus zahlreiches und sehr distinguiertes Publicum. Als Gäste waren erschienen: Frau Smolensky. Rev. William H e c h 1 e r, Prof. Dr. Kelln er, Dr. Alexander Marmorek, Fabrikant Kremeretzky, Primarius Dr. Kornfeld, Dr. Werner, Herr H. „Y o r k- Steiner; die drei letzteren mit ihren Gattinnen. Es galt zuerst, dem neuen Vereine zionistischer Frauen und Mädchen von Fünfhaus den Weg in die Oeffentlichkeit zu bahnen. Der Unermüdlichkeit der Frau Leo Weiss, des Fräuleins Walter und des Herrn Rechnitzer verdankt der neue Verein sein Entstehen und eine grosse Zahl von Mitgliedern. Als Präsidentin des Vereines wurde die Fabrikantensgattin Frau Baad berufen. Vicepräsidentinnen sind die Frauen Weiss un d Dr. R o s e n s t a d t, Schriftführerin Fräulein Walter. Dem Ausschusse gehören ferner an die Damen: Frau Kahane, Frau Pick, Frau Dr. Kornfeld, Frau Ehrenstein, FrL Brumm, Frl. Schwarz, Frl. Gelbtuch.Nach der Constituierung brachte Hr. Heinr.York-Steiner seine noch ungedruckte Novelle: „An der Klosterpforte" selbst zum Vortrage. In fein nuancierter Weise las Herr York- Steiner diese seine neueste Schöpfung. — Nach dieser Vorlesung kam eine Resolution zur Annahme, welche den Fall A raten behandelte und den jüdischen Gemeindebund zur Hilfeleistung aufforderte. Nun ergriff Reverend Kechler das Wort, um durch die Worte der Propheten zu zeigen, dass die Sehnsucht Israels gerechtfertigt und erfüllbar sei. — Herr Dr. Alexander Marmorek, mit Jubel begrüsst, schilderte den schweren Kampf für den zionistischen Heilsgedanken in Frankreich. Mit edler Wärme forderte er uns zum Beharren bei der zionistischen Fahne auf. Grossen Erfolg hatte der Rabbinatscandidat Herr B. Margulies mit seinem Vortrage: „Was heisst und zu welchem Zwecke studiert man jüdische Geschichte und Literatur?" Der Vortrag bildete die Einleitung zu den am 1. Mai beginnenden Literaturabenden des Vereines. Sie hätten nicht glänzender inauguriert werden können. Allseitig wurde der Verein zu dem gelungenen Abend beglückwünscht. Wien. Vor einer äusserst zahlreichen und distinguirten Zuhörerschaft hielt Herr Professor Leon Kellner im Einzelverein „Leopoldstadt - Praterstrasse" des Zion einen äusserst fesselnden Vortrag über „Shylock*. Wie hat Shakespeare seinen Shylock darstellen wollen, und wie hat er sich diese Figur gedacht? Von dieser Frage gieng der Vortragende aus. Man muss, führte er aus, die Frage nach drei Seiten stellen, denn es handelt sich bei dieser berühmten Bühnengestalt um eine Judenfrage, eine Schauspielerfrage und eine juristische Frage. Ueber alle drei Gebiete gibt es schon eine grosse Literatur und noch immer bildet der Shylock ein actuelles Thema« Da ist zunächst Shylock, der Jude. In dieser Beziehung war der Dichter genau so befangen, wie etwa das Währinger Stadttheater. Es ist Thatsache, dass Shakespeare die Juden nicht kannte, er wollte auch keinen Typus zeigen, sondern nur einen Juden, wie ihn sich die Phantasie des 14. und 15. Jahrhunderts ausmalte. Ihm lag jedes agitatorische Element fern, was übrigens aus

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