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Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Carl Goldmark
Date
1900-05-18
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 ,Die & Welt** Seite 9 unserem Volke angehört — denn trotz des Leugnen* Wagners, dass das Judenthum zur Musik nicht begabt sei, zeigt eine objecüve Durchsicht der Musikgeschichte dieses Jahrhunderts, wie viele hervorragende Meister der Tonkunst jüdischen Stammes sind — uns Juden freut es insbesonders, dass dasjenige Werk, welches den Namen Goldmarks weit über die Grenzen seines Vaterlandes bekannt und berühmt gemacht, eine echt national-jüdische Oper, „Die Königin von Saba" ist. Wenn auch der rüstige Meister, wie wir mit seinen Freunden und Bewunderern ihm von Herzen wünschen, noch manch grosses Werk der Kunst schenken wird, der Jude Carl Goldmark bleibt für immerwährende Zeiten der Schöpfer einer jüdischen Oper. Der Process Hülsner. Der Pro cess gegen Leopold Hülsner. welcher am 12. Juli vor dem Kreisgerichte Pisek beginnt, wird noch längere Dauer haben als der Kuttenberger Process. Es sind zur Durchführung vorläufig zehn Tage in Aussicht genommen, da diesmal gegen hundert Zeugen geführt werden. Das neue Zeugenmaterial wurde durch den Untersuchungs richter Geriehtssecretär Dr. Glossauer in Kuttenberg, der nach dem Gerichtsadjuncten Baudisch die Untersuchung übernahm, in Polna, wo Dr. Glossauer im April dieses Jahres längere Zeit weilte, sowie in Klein-Wesnitz, dem Heimatsorte der Hruza, zutage gefördert. Hülsner wird nur wegen der Ermordung der Anna Hruza sich zu verantworten haben, da die Untersuchung wegen Ermordung der Marie Klima eingestellt wurde. Die neue Verhandlung wird auf Grund der Kuttenberger Anklageschrift durchgeführt werden. Den Vorsitz wird der Kreisgerichtspräsident Dr. Ottokar Winter führen. Die Anklage vertritt der erste Staatsanwalt von Pisek, Dr. Maliovsky. Hülsner wird von Dr. Zdenko Aurednicek vertheidigt. Als Vertreter der Privatbeteiligten wird auch diesmal Dr. Baxa intervenieren. Rabbiner-Congress. Der Hauptrahbiner der jüdischen Colonien im Gouvernement Cherson. M. K r e p s, hatte seinerzeit vom Minister des Innern, Hofmeister Sipjagin, den Auftrag erhalten, eine Rabbiner-Conferenz einzuberufen, um über die Frage der Einberufung eines altrussischen Rabbiner-Congresses, und über die Fragen, welche dem Congresse unterbreitet werden sollen, zu berathen. Diese Conferenz hat nun, wie die „Odesskija Nowosti" melden, ihre Berathungen in Nikolajew eröffnet. Die Beschlüsse der Conferenz werden dem Departement für geistliche Angelegenheiten übergeben werden, das den Zeitpunkt für den Zusammentritt des altrussischen Rabbiner-Congresses festsetzen wird. Aus den uns vorliegenden Privatmeldungen aus Russland steht die Einberufung des Rabbiner-Congresses in Verbindung mit der Lösung der sogenannten Judenfrage in Russland, welche Minister Sipj agin vornehmen will. Von dem einzuberufenden Rabbiner-Congresse erwartet die Petersburger Regierung die Klarstellung der gegenwärtigen Lage der Juden in Russland vom Standpunkte der geistlichen Vertreter der Juden. G. Das „Neue Ghetto" von Theodor Herzl wurde im Stadttheater von Odessa am 15. Mai unter grossem Beifalle aufgeführt. Der antisemitische Gemeinderath von Paris. Der Pariser Gemeinderath zählt SO Mitglieder. Mit Einbeziehung der alten reactionären Elemente werden die Antisem iten eine Majorität von 51 Stimmen bilden, da bloss 39 Mitglieder der Regierungspartei und der republikanischen, radicalen und socialistischen Partei angehören. Die ~A Antisemiten gruppieren sich folgend erweise: Zehn Mitglieder der alten Rechten, welche von der Vaterlandsliga unterstützt wurden, 32 Nationalisten, 5 nationalistische radicale Socialisten und 4 nationalistische Socialisten. Die republikanischePresse täuscht sich nicht über den von den Antisemiten errungenen immensen Sieg hinweg. „Lanterne* schreibt: „Wir werden uns nicht begnügen, das z u r Filiale der S a c r i s t e i gewordene Rathhaus von aussen anzuschauen. Wir werden kämpfen, damit Paris wieder an uns zurückfalle." — In der „Petite Republique" constatiert Jaures, dass zumindest die socialistische Partei ihre Positionen behauptet hat und in dem neuen Gemeinderathe die Republik und die Civilisation gegen die Jesuitenhorde vertheidigen wird. Die Kirche hat seit langem ihre Action vorbereitet, um vorerst den Antisemitismus, dann die Gehässigkeit gegen die Freimaurer und Freidenker einzuimpfen. Sie war in der Campagne durch ihre Reichthümer unterstützt. Die kleine Geschäftswelt glaubte in der Beschränktheit ihrer Existenz, dass die Affaire Dreyfus einen Verdienstentgang herbeigeführt hat. Dieser Irrthum wurde von der antisemitischen Reaction zu ihren Gunsten ausgebeutet. — „Figaro" ermahnt die neue Majorität des Gemeinderathes, sich nicht intolerant zu geberden, sondern den Interessen aller zu dienen und namentlich im Interesse des Gelingens der Weltausstellung sich der Regierung und der Präsidentschaft der Republik gegenüber nicht allzu schroff zu benehmen. Die Entführung der Madame Gyp. Samstag nachts tauchte in politischen und gesellschaftlichen Kreisen plötzlich die Nachricht auf, dass Madame Gyp (Grätin Martel), die früher vielgenannte, durch ihre antisemitische Propaganda bekannte Schriftstellerin, die sich unter der Präsidentschaft Faures eines gewissen Einflusses rühmen konnte, von drei Männern entführt worden sei. Es hiess weiter, dass die Entführung nachts mittelst Wagens stattgefunden habe, dass die Gyp nach einem Landhause gebracht worden sei, von dort jedoch sich flüchten konnte, indem sie aus Leintüchern ein Seil fabricierte, aus dem zweiten Stockwerke des Hauses sich herabliess und ins Freie gelangte. Die Erzählung erregte Aufsehen, aber auch vielfach Zweifel. Madame Gyp bestätigt die Einzelheiten und ist als eifrige Nationalistin natürlich geneigt, die ganze Affaire den „Dreyfusards" in die Schuhe zu schieben, ohne indes erklären zu können, welches Interesse gerade die sogenannten „Dreyfusards" an ihrer Entführung haben sollten. Die Gyp wurde von verschiedenen Journalisten interviewt und erzählte diesen Folgendes: Sie habe Freitag abends einer nationalistischen Wählerversammlung in der Rue Alesia beiwohnen wollen, wohin sie sich um"s Uhr abends begab. Da vor dem Locale eine grosse Menschenmenge stationierte, habe sie es vorgezogen, ihren Wagen zu verlassen. „Ich näherte mich" — so erzählte Madame Gyp — „dem Thore, als ein Herr mit dunklem Teint und unbedeutendem Gesichte auf mich zutrat und mir sagte. Bariliier (ein Haupt der Nationalisten) empfehle mir, durch einen Seitengang der Im passe reille in den überfüllten Saal zu gelangen. Ich frug den Unbekannten: Wo ist diese impasse? Er erwiderte darauf: Wir werden Sie geleiten. Denn in diesem Augenblicke hatten sich ihm zwei Personen angeschlossen. Während nun die drei an meiner Seite dahinschritten, drängten sie mich, ohne dass ich es eigentlich merkte, nach dem Rande des Trottoirs und in einen knapp an demselben haltenden Wagen, dessen Thüre einer meiner Begleiter geöffnet hatte. Ehe ich mich dessen versah, befand ich mich in dem Wagen, in welchen mich meine Begleiter gedrängt hatten, sie warfen mir einen Ueberzieher über den Kopf, und nun gieng's im Galopp davon. Nach ungefähr einstündiger Fahrt machte man mir den Kopf wieder frei, und ich sah, dass wir uns in einer ländlichen Gegend befanden. Bald langten wir vor einem Schlosse an und man hiess mich aussteigen. Das Gebäude war unbewohnt, kein Licht, nichts zum Essen vorhanden. Einer der Entführer, der mir durch seine lächerliche Fistelstimme auffiel, erklärte mir, dass mir nichts zu Leide geschehen werde; in einer Stunde würde ich ein Souper serviert bekommen. Daraufhin verliessen sie das Schloss und fuhren davon, nachdem sie mich vorher in einem Zimmer des zweiten Stockwerkes eingeschlossen hatten. Als sie fortgiengen, hörte ich, wie einer zum anderen bemerkte: „Davonfliegen wird sie uns doch nicht!" Ich bin ihnen aber dennoch davongeflogen. Beim Schein des Vollmonds konnte ich mich ein wenig orientieren und sehen, dass ein Bett mit einer Matratze im Zimmer vorhanden war: ich wand mir aus dem Leintuche, sowie aus den Fenstervorhängen ein Seil, an welchem ich mich hinabliess. Vorsichtsweise hatte ich aber vorher die Matratze hinausgeworfen, und zwar unterhalb des Fensters, und das war

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