Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Jüdische Handelsangestellte und Arbeiter!
Date
1900-05-18
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315872-3369366--19708-3369479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20 ,Die & Welt" Seite 7 und Arbeiter einzuberufen. Die Erkenntnis unserer elenden Lage hatte in uns den Enlschluss gereift, endlich Wandel zu schaffen. Wir fühlten, wie schmählich und schädlich es ist, in fremdnationalen Parteien, die ja heute ohnehin nur mehr die ehrende Heimstätte der corrupten Elemente unserer jüdischen Bourgeoisie und der Tummelplatz charakterloser Streber und Geschäftspolitiker sind, Handlangerdienste zu leisten und uns als Stimmvieh missbrauchen zu lassen, und hatten es nur allzu stark am eigenen Leibe gespürt, dass man dem antisemitischen Boycott nicht mit Resolutionen und Deputationen, mit Protestversammlungen und pathetischem Hinweise auf unsere gebuchte und protokollierte „Gleichberechtigungbeikommen könne. Wir waren aber auch darüber einig, dass unser Heil nicht in jenen Reihen zu finden ist, die für den Arbeits ertrag kämpfen, während es uns noch an Arbeits gelegenheit mangelt. Weil wir die Wogen des Hasses und der Verhetzung stets höher gehen, die wirtschaftliche Sonderstellung und mit ihr den Verelendungsprocess stets vorwärtsschreiten und die Scharen unserer Hungerproletarier, Schnorrer und Luftmenschen erschrecklich anwachsen sahen, griffen wir zu jenem Mittel, das Welt-, Völker- und Tagesgeschichte als das einzig richtige anerkannt hat. und gaben die Parole der Selbsthilfe, die Devise der nationalsocialen Organisation aus. So kam der erste Parteitag am ü. und 7. August 1899 zustande. Die starke Betheiligung, der günstige Erfolg sprachen für seine Berechtigung und Notwendigkeit. Ein „Verband der jüdischen Handelsangestellten Oesterreichs" wurde ins Leben gerufen, eine Parteipresse wurde geschaffen, die gewerkschaftliche Organisation in Angriff genommen. Von der Ueberzeugung durchdrungen, dass die jüdische Rasse einen Fremdkörper im Riesenleibe Europas bilde und hinaus müsse, erklärt der Parteitag die Verwirklichung des politischen Zionismus als einzig mögliche, endgiltige Lösung der Judenfrage. Jüdische Handelsangestellte und Arbeiter! Mit stolzer Freude über das bisherige Gedeihen unserer grossen Sache fordern wir Euch heute zu zahlreicher Theilnahme am II. Parteitage auf, der am 3. und 4. Juni in Wien stattfindet. Er hat sich wichtige Aufgaben gestellt, wie Ihr aus den Resultaten der Vorconferenz ersehen habet, und fühlt sich vor allem berufen, die Initiative zur Gesammtorganisation aller unserer physisch und geistig Arbeitenden zu geben. Wollt Ihr nicht müssig und unbetheiligt im Kampfe um Eure ureigensten Interessen dastehen, der für Euch den Kampf um das heilige Recht auf Arbeit bedeutet, habt Ihr genug Urtheilskraft, um Euch Eurer Lage bewusst zu werden, und genug Ehrlichkeit, um Farbe zu bekennen, dann ist es Eure Piücht, für eine zahlreiche Beschickung des Parteitages zu sorgen, in Versammlungen auf seine Bedeutung hinzuweisen und in entsprechenden Kundgebungen Eure Solidarität zu manifestieren! Heraus denn zu ernster, erhebender Arbeit, die uns das Selbstbewusstsein wiedergibt, dieuns unser Recht er kämpft, die uns d i e F r e i h e i t erringt, die d a s V o 1 k errettet! Heraus jüdische Handelsangestellte und Arbeiter, zum Parteitag! Brünn, 1. Mai 1900. Das Executivconiite des „ Verbandes der jüdischen Ilandelsangestellten Oesterreichs". * * * Löbliche Redaction! Ich erlaube mir, Sie auf eine wichtige Entscheidung des k. k. Vervvaltungsgerichtshofes vom 5. April 1000 zu verweisen. Der k. k. Verwaltungsgerichtshot' hat anlässlich einer Beschwerde gegen eine Entscheidung des Ministeriums für Cultus und Unterricht (wonach Personen, welche sich selbst als Angehörige der czechischen Nationalität bekannt haben, als Czechen in den Bezirksschulrath entsendet wurden, bezw. ihre Entsendung bestätigt wurde), ausgesprochen, dass die Erklärung allein., dass jemand einer Nationalität angehöre oder angehören wolle, nicht genügt, dass er als in dieser Nationalität stehend angesehen werde, sondern dass gewisse Umstände, insbesondere die Abstammung von Eitern - eines gewissen Volksstammes etc., die Nationalität des Betreffenden ausmachen, so dass er unter Umständen einer anderen Nationalität zugezählt werden muss, als der er selbst anzugehören erklärt hatte. Diese Entscheidung ist für uns nach zwei Richtungen von der grössten Wichtigkeit. Zunächst ist es eine Stigmatisierung der Assimilationsjuden, welche glauben, sich ohne Rücksicht auf ihre Abstammung von jüdischen Eltern. Voreltern als Angehörige irgend einer Nationalität gerieren zu können, deren Sprache sie recht, manchmal aber auch schlecht beherrschen. Von dieser Sorte von Juden, welche sich an die Rockschösse einer fremden Nation trotz der diversen Fusstritte, die sie dabei erfahren, anklammern, hört man meist, dass ihnen die Nationalität trotz der offenbar antisemitischen Majorität des bezüglichen Volksstammes nicht abgesprochen werden könne, solange „sie selbst sich als jener Nationalität angehörend erklären und erachten". Die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes dürfte diesen Assimilanten endlich den Standpunkt klar gemacht haben, so dass, wenn sie nicht ihre Mutter des Ehebruches beschuldigen und sich dadurch die Afterangehörigkeit zu einer fremden Nationalität zuschreiben wollen, sie bekennen müssen, dass sie, weilvon jüdischenEltern abstammend, folgerichtig Juden von Nationalität sind. Da mit Recht der Verwaltungsgerichtshof das Hauptgewicht auf die Abstammung legt und kein vernünftiger .Mensch behaupten kann, dass z. B. jemand, der von englischen Eltern geboren ist, selbst wenn er z. B. in Wien geboren, daselbst deutsche Schulen besuchte, ein Deutscher sei, so kann man auch nicht behaupten, dass jemand, der von jüdischen Eltern abstammt, selbst wenn er czechische oder deutsche Schulen besuchte, ein Deutscher oder Czeche sei. sondern immer ein Jude. Diese selbstverständliche Lehre haben die Assimilationsjuden übrigens wiederholt aus dem Munde ihrer Optionsvolksgenossen zu hören bekommen. Und wenn einem bekannten jüdischen Gemeinderathe, der zur Zeit Pohlas nichts Wichtigeres zu thun hatte, als seiner Entrüstung über die Entweihung des „deutschen Charakters" der Stadt Wien Ausdruck zu geben, weil im 10. Bezirke czechische Firmatafeln bestehen, zugerufen wurde: „Was geht's Dich an, Du bist ein Jude", und einem anderen im Reichsrathe in derselben Zeit der Standpunkt in ähnlicher Weise klar gemacht wurde, so mag dies in der Form, wie es vorgebracht wurde, brutal sein, in der That ist es richtig, und jeder nationalbewusste Jude wird aus der Erfahrung be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.