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Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Die israelitische Erziehungsanstalt und Gärtnereischule zu Ahlem bei Hannover
Date
1900-05-18
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die & Welt- Nr. 20 Der vierte Jahresbericht der Anstalt ist soeben erschienen; wir entnehmen demselben folgende Daten: Die Zahl der Zöglinge betrug Ende 1S9S 50 Lehrlinge und 32 Schüler, Ende 1899 deren 45 respective 28. Der Rückgang erklärt sich daraus, dass auf Empfehlung wohlmeinender Freunde der Versuch gemacht worden, nur zahlende Zöglinge aufzunehmen. Die consequenterweise nothwendig gewordene vermehrte Zahl der Abweisungen legte es der Verwaltung nahe, es bei dem „Versuche" bewenden zu lassen. Man hoffte, es werden sich Wohlthäter genug finden, um auch weiterhin die Aufnahme bedürftiger Knaben zu ermöglichen. Der Schülerunterricht geschieht nach dem Lehrplane der städtischen Volksschulen und zeigt recht erfreuliche Resultate, obgleich in der Anstalt manche zurückgebliebene Knaben Aufnahme finden; ihnen wird in besonderen Arbeitsstunden Nachhilfe ertheilt. Sobald die Witterung es gestattet, werden die Lehrlinge in praktischer Arbeit unterrichtet. „Gerade unsere jüdischen Lehrlinge müssen so viel als möglich mit körperlicher Arbeit beschäftigt werden, weil sie aus ihren ehemaligen häuslichen Verhältnissen an körperlicher Tüchtigkeit und Geschicklichkeit weniger mitbekommen haben, als andere Lehrlinge: Söhne von Landwirten, Handwerkern u. dgl., die sich der Gärtnerei und Landwirtschaft widmen." Während des ganzen Winterhalbjahres beträgt der theoretische Unterricht 81/, Stunden per Woche, und für die Zeit vom 15. November bis 1. März weitere 6 Stunden. Das ganze Erziehungswesen liegt in Händen des Herrn Inspector Silberberg und seiner jungen Gattin, welch letztere so liebenswürdig war, dem Schreiber dieses gelegentlich eines nach Schluss des vorjährigen Baseler Congresses ausgeführten Besuches der Anstalt als Cicerone zu dienen. Mit der jungen Hausmutter ist auch ein wahrhaft jüdischer Familiengeist in die Anstalt eingezogen. Diese ist zu einem Schatzkästchen geworden, auf das die jüdische Gemeinde Hannover nicht nur, sondern auch die städtischen wie die staatlichen Behörden mit berechtigtem Stolze und Wohlgefallen sehen und bei jeder sich darbietenden Gelegenheit dieses documentferen. Selbstverständlich steht auch der Gesundheitszustand der Schüler unter fortwährender ärztlicher Controle. Ausser dem fest angestellten Anstaltsarzte stehen in Specialfällen die besten hannoverischen Aerzte unentgeltlich zur Verfügung. Durch Herrn Dr. Caro wurden Beamte und Lehrlinge im Samariterdienste ausgebildet, wozu das Traindepöt des X. Armeecorps die nöthigen Geräthe zur Verfügung stellte. Einige kleine Schadenfeuer in der Anstalt waren die Veranlassung zur Anschaffung einer Feuerspritze, wozu der Landtag 100 Mark bewilligte. Schon kurz nach deren Anschaffung hatte die Jungmannschaft Gelegenheit, bei einem Brande im nahen Limmer eine Probe ihrer Leistungsfähigkeit zu geben, wofür ihr eine Prämie zuerkannt wurde. Anlässlich einer Inspection durch die Beamten der königlichen Regierung sprachen sich diese sehr lobend über die Lebensführung und Leistungen der Schüler aus. Gleiches geschah durch die städtische Behörde, die ausserdem das städtische chemische Untersuchungsamt anwies, Untersuchungen von Düngmitteln und der Brunnen kostenfrei zu besorgen. Ein freundschaftlicher Verkehr wird auch mit dem nahen, rühmlichst bekannten Stephan-Stifte gepflogen, dessen geistliche Vorstände nicht versäumen, den sie besuchenden Amtsbrüdem die Ahlemer Anstalt zu zeigen. Die jährlichen Beiträge beliefen sich 1899 auf 11.800 Mark (8755 Mark in 1898), darunter 1000 Mark mit der Bedingung, den Namen des Spenders nicht zu nennen. An einmaligen Spenden giengen ein 14.000 Mark (1898 11.300 Mark). Ohne irgendwelches zinstragendes Capital, das eine regelmässige Einnahme böte, errichtet, da die ursprünglich zur Verfügung gestellten 216.000 Mark zum Ankaufe von circa «0 Morgen Land, Errichtung von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden verausgabt sind, ist die Anstalt auf die -.verkthätige Hilfe aller Freunde ihrer Bestrebungen angewiesen. Die Heimatsverhältnisse der Schüler, respective Lehrlinge sind : Preussen 37, Sachsen 9, Hamburg 1, Coburg 1, Holland 1, Oesterreich 7, Russland 15 (für Rechnung der J. C. A.) und Schweiz 2. Eine der angesehensten Zeitungen Norddeutschlands schrieb unlängst: „Unsere jüdischen Mitbürger müssten es sich geradezu zur Ehre gereichen lassen, zur Förderung dieses Culturwerkes nach Kräften beizutragen." Diesem Wunsche uns anschliessend, wollen wir mit den Worten enden, die der geistliche Vorsteher des oben erwähnten Stephans-Stiftes am Schlüsse eines Briefes schreibt: „Ich bin der Ueberzeugung, dass Sie mit dieser Anstalt ein in unserer Uebergangszeit hochnöthiges und wertvolles Werk unternommen haben, zu welchem ich Ihnen Gottes Segen, den Lehrern und Leitern Weisheit, Liebe und Geduld, und dem Directorium auch allseitige Förderung und verständnisvolle Unterstützung wünsche." Jüdisches Turnwesen. In Berlin ist kürzlich die erste Nummer der „Jüdischen Tumzeitung", des ofnciellen Organs des jüdischen Turnvereines „Bar-Kochba", erschienen. Der Redactions-Ausschuss besteht aus den Herren : Hermann Jalowicz, Berlin N., Schönhauser Allee lS2a; Richard B 1 u m, Berlin C, Rosenthalerstrasse 72; Max Z i r k e r, Krausnickstrasse 16. Die „Jüdische TurnzeitungÄ legt ihr Programm in folgenden Leitsätzen dar: „Gesunder Geist wohnt in gesundem Körper! Dieses alte Latinerwort hat bei uns Juden, obwohl wir seine Wahrheit nie bestritten haben, nicht die gebürende Beachtung gefunden. In der Theorie anerkannt, wurde der Gedanke nicht zur That. Die einseitige Ausbildung des Geistes, die unsere Ner70sität und geistige Abspannung hervorgerufen hat, bekämpfen wir! Wir wollen dem schlaffen jüdischen Leibe die verlorene Spannkraft wiedergeben, ihn frisch und kräftig, gewandt und stark machen. Wir wollen dies aber in einem jüdischen Vereine, damit wir in ihm gleichzeitig das schwindende Gefühl unserer Zusammengehörigkeit stärken, und das sinkende Selbstbewusstsein heben können. Wir wollen die alten jüdischen Ideale, für die unsere Jugend fast ganz das Verständnis verloren zu haben scheint, wieder zur Geltung und zu Ehren bringen. Wir wollen dem Antisemitismus, der heute seine lärmende Form zwar abgestreift, aber an Intensität gewonnen hat, muthig und mit Energie entgegentreten. Wir wollen ein edles Nationalgefühl pflegen, das frei von jeder Ueberhebung ist und die Arbeit für die gesammte Menschheit keineswegs ausschliesst. Offen vor aller Welt bekennen wir uns zu unserer Nationalität, der wir Treue bewahren, wie wir gewissenhaft und treu unsere staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen! Das sind unsere Ziele! Die „Jüdische Tumzeitung^ wird diesen Ideen Ausdruck leihen und für ihre Verbreitung sorgen. Sie wird Nachricht geben von erwähnenswerten Vorgängen in unserem Vereine. Sie wird ferner in populär geschriebenen Aufsätzen über turnerische Angelegenheiten, Hygiene, jüdische Zeitfragen und jüdische Geschichte die Leser zu belehren und anzuregen suchen. Schliesslich wird sie für die Errichtung jüdischer Turnvereine allerorten Propaganda machen und einen Zusammenschluss der schon bestehenden durchzuführen versuchen, denn „grosses Werk gedeihtnur durch Einigkeit!" Das Erscheinen der . Jüdischen Turnzeitung" darf mit grosser Genugthuung begrüsst werden. Der Zionismus kann es als sein Verdienst in Anspruch nehmen, in der jüdischen Jugend den Sinn für gesunde turnerische Bethätigung der Körperkräfte geweckt zu haben. Die Leistungen der Berliner „Bar-Kochba" auf dem Gebiete der Turnkunst, die erst jüngst auf dem Schauturnen des Vereines glänzend zum Ausdrucke kamen, beweisen, dass der jüdische Turner, auch wenn er nicht in schwarz-roth-goldenen Hosenträgern turnt, auf Reck und Barren vortrefflich hantieren kann. Auch der Wiener „Jüdisch-akademische Turnverein" gedeiht vorzüglich. Die Turnabende — viermal wöchentlich — erfreuen sich eines äusserst regen Zuspruches. Unter der strammen Leitung der Vorturner Dr. Max Jerusalem, Ing. Emil Fried, H. Felsenburg und H. Diamant macht die Turnmannschaft sichtliche Fortschritte. Die Abende werden zwar nicht mit einem Umzüge unter den majestätisch-germanischen Sangesklängen des „Stimmt an mit hellem hohem etc.* eröffnet, sie werden auch nicht mit einem dröhnenden „Heil" abgeschlossen, aber Kippe und Felge werden hier zum mindesten ebenso correct ausgeführt, wie von den waschechtesten Teutonen. Auch in Bielitz ist vor einiger Zeit ein jüdischer Turnverein entstanden. Und in Mährisch-Ostrau hat erst kürzlich Herr jur. Arthur Imme rglück von der Wiener „IVria" den Grundstein zu einem jüdischen Turnvereine gelegt. Es wäre zu wünschen, dass die bestehenden jüdischen Turnvereine behufs gegenseitiger Förderung und Anregung baldigst in einen engeren Contact träten. r. Tribüne. Jüdische Handelsangestellte und Arbeiter! Es ist kaum ein Jahr her, da wir darangiengen, den ersten Parteitag der "üdisehen Handelsangestellten

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