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Die Welt · 1900-05-11 · 19 (11.5.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
19 (11.5.1900)
Article
Die Musik meiner jüdischen Singspiele
Date
1900-05-11
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 ,Die 2$ Welt" Ni. 19 — von einem Cantor einige hübsche Tacte aus seiner "rtS7T7p»; von einein andern solche aus ""llTiSn TD"; von einem dritten ein paar Accorde aus seinem "p2£"l TP* u. s. w. — Und alle diese melodiösen „Stückchen" der verschiedensten Tonarten schmelze ich unter Mithilfe meines Kapellmeisters im Tiegel des Geschmackes und der Harmonie zusammen, so dass ein vollständig neues, kunstgerechtes Duett etc. entsteht. Ich mache kein Hehl daraus: In den ersten Jahren nach meiner Begründung des jüdischen Theaters erlaubte ich mir dann und wann manche kleine Anleihe, von der ich meinen Schuldherrn nicht benachrichtigt hatte. Ich schmuggelte gelegentlich in meine Stücke leichte Melodien von Offenbach, Lecocq, Verdi, Meyerbeer, sogar von Wagner ein. Zu meiner Entschuldigung kann ich. neben dem Heine'schen Ausspruch „Es gibt in der Kunst kein sechstes Gebot", auch den Umstand anführen, dass mich bei meinen kleinen Zwangsanleihen nicht Eigennutz und Profitsucht leitete — welchen Nutzen könnte auch ein armer Compoistn meines Schlages selbst von „Plagiaten" in grösserem Stile ziehen? — sondern ausschliesslich das Bestreben, den musikalischen Geschmack weiter Kreise meines Volkes auf diese Weise zu läutern. Leider verfehlte auch dieses etwas kühne Mittel den Zweck. Der Geschmack der unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung war eben so verdorben, dass ihnen jede europäische Musik einfach zuwider war. Ihr Ohr war zur Aufnahme andersartiger Melodien als der in der Synagoge und „Klaus'" gesungenen total unfähig. Ich musste die zwecklosen Versuche aufgeben und neue Töne anschlagen. So beschränkte ich mich denn auf die Pflege einer eigenartigen judischen Volksmusik, deren Charakteristiken eine gewisse phrygische Tonart ist, und meine Bemühungen nach dieser Richtung hin wurden in der That von grossen Erfolgen gekrönt. Beiläufig bemerke ich, dass das jüdische Theater in seinen ersten Anfängen bloss von den culturell am tiefsten stehenden Volkselementen besucht war, die von einer Bühne und deren Erfordernissen nicht den mindesten Begriff hatten. Die mehr „bürgerlichen" Elemente eines jüdischen Städtchens, die strengeonservativen Wächter von Zucht und Vätersitte, versagten sich und ihren Kindern auf das strengste den Besuch eines solchen „Therioters", wo „Lezim", das heisst frivole Spötter, die „Jüdischkeit" der allgemeinen Verhöhnung preisgäben. Viele Arbeiter, Handwerker etc. mussten sich heimlich ins Theater einschleichen, um unangenehmen Auseinandersetzungen zu entgehen. Es versteht sich von selbst, dass einem Publicum von dieser Zusammensetzung, einem Publicum mit ganz primitivem Kunstsinn und unentwickeltem musikalischen Geschmack gar „leichte" Kost vorgesetzt werden musste. Chöre, Arien, Duette u. s. w. schob ich bloss wegen des Bühneneffectes ein; für mein Auditorium hatte all das keinen Reiz, es „brummte ihm nur den Kopf voll", wie sich mancher missvergnügte Theaterbesucher ausdrückte. Hingegen hegte dieses eigenthümliche ThSaterpublicum Vorliebe für sentimentale Volkslieder und komische Chansonettes, die es mit Gier verschlang und zuhause bei der Arbeit und beim Festmahle immerfort vor sich hinsummte. Ich erwähne bloss das Lied „Rosinen und Mandeln" aus „Sulamith% das Hirtenlied aus „Bar Kochba", „Jankele geht in die Schul" aus „Ahasverus", „Geh' geh'" aus „Almatado". Freilich, grosse Musiker, wie Herr Davidsöhn, werden sich nicht dazu verstehen, von ihrem Olymp herabzusteigen, um einem verwahrlosten Volke ärmliche Kunst zu bringen; eigenartige Volksmusik zu componieren, die jedem Ansprüche auf Beachtung in der grossen musikalischen Welt von vornherein entsagen muss. Und wenn sie es auch unternehmen wollten, bliebe die Frage immer noch offen, ob sie imstande wären, in das Wesen der jüdischen Volksmusik iutuitiv einzudringen und ihren Compositionen das Gepräge echter jüdischer Volksthümlichkeit aufzudrücken. Ich habe mich nicht gescheut, zum Volke herabzusteigen und ich habe ihm Melodien gegeben, die aus seinem ureigenen Geist heraus geschaffen sind und sein Gemüth daher so sehr ansprechen. Nun etwas über die Art meines Schaffens. Ich singe oder spiele auf dem Piano die von mir gedichtete Melodie vor, während ein musikalisch gebildeter Mitarbeiter sie rasch auf Notenpapier copiert. Die Partitur wird darauf von meinem Mitarbeiter zum Zwecke der Orchestrierung nachhause genommen. Vorher aber ertheile ich ihm, obgleich ich mich auf Contrapunkt nicht verstehe, in Betreff der Instrumentation genaue Weisungen. Ich ordne z. B. an, dass eine gewisse Melodie nur leise von Streichinstrumenten mit leichtem Flötenaccompagnement, keineswegs aber von schweren Blas- oder Schlaginstrumenten begleitet werden dürfe. Oder ich mache ihn aufmerksam, dass eine gewisse Nummer den Charakter eines Schlafliedes trägt, eine andere aber als Schäterlied gedacht ist, weswegen nur die Flöte Solo nehmen darf u. s. w. Bei echt phrygischen Motiven dulde ich überhaupt keine Instrumentation, sondern lasse die betreffende Nummer unisono vortragen. In solchem Falle rümpfen meine Kapellmeister regelmässig die Nase und fügen sich meinem Wunsche, die melodische Prima mir frei zu lassen, nur widerwillig. Bin ich musikalisch? — Diese Frage stellte einst unser ausgezeichneter, verehrter Dr. Max Nordau an mich. Ich antwortete ihm, dass wir östlichen Juden alle mehr oder weniger musikalisch sind. Begleitet doch jeder fromme Jude von seiner Kindheit an alle seine Gebete mit Gesang. Und wenn der Cantor in der Synagoge gewisse Gebetstücke recitiert, fällt die Gemeinde unisono ein (SnpT pH)- Ferner: wenn der Jude Freitags den Wochenabschnitt (rVTÜvS?) liest, so muss er ja den Noten (7113^3) folgen, die oberhalb oder unterhalb eines jeden Wortes gesetzt sind. Man besuche doch an den Sedernächten oder auch nur an einem Freitagabend ein beliebiges jüdisches Haus im Osten, und man wird wahrnehmen, wie alles bei Tische singt. Der „Prinzessin Sabbath" zu Ehren werden Hymnen angestimmt, riTVE" genannt. Da wird nicht gefragt, ob man Stimme und musikalisches Gehör hat oder nicht — man muss mitsingen. Die Synagoge war bei den- Juden von jeher eine Pflegestätte der Musik. Der Cantor oder Vorbeter, meist ein begabter Tenorist oder Baritonsänger, pflegte originelle Melodien im traditionellen Modus zu componieren, ohne die geringsten theoretischen Kenntnisse zu besitzen. Diese Melodien zogen dann geflügelt von Mund zu Mund und wurden im Städtchen oft ein Jahr hindurch von Klein und Gross gesungen. Späterhin tauchten Spassvögel, „Marschalke" und „Reimmacher" auf, die bei allen Hochzeiten Knittelverse und Bänkel im Jargon improvisierten und die Festgäste lachen oder weinen machten. Auch Volkssänger erstanden, deren Lieder sich namentlich bei der Arbeiterclasse grosser Beliebtheit erfreuten, während die Bürgerlich-Conservativen auf derartige Volkslieder nicht gut zu sprechen waren, da manche Volkssänger (beispielsweise W. Zbarazer) in ihren Liedern die religiösen Bräuche verspotteten. Als ich in meiner Jugend „liedelte", nahm ich auch die Religiösen für meine Muse ein; denn meine Lieder zeichneten sich durch religiös-nationale Tendenz des Textes und „Jüdischlichkeit" der Melodien vortheilhaft aus. Schon;damals schuf ich Text und Musik zusammen. Darum sind <auch in meinen Theaterstücken die Lieder das vorherrschende Element, Ohne diese kann ein jüdisches Bühnenwerk unmöglich reüssieren. Zum Schlüsse sei mir noch eine rein persönliche Bemerkung gestattet. Ganz unbegreiflich ist es mir, wie es ein Theaterdirector über sich bringen kann, mein Singspiel „Sulamith" oder ein anderes Bühnenwerk von mir aufzuführen und circa 30.000 Gulden einzusacken, ohne mir, dem lebenden Textdichter und Componisten, auch nur einen Kreuzer für meine geistige und physische Arbeit zukommen zu lassen. (Aus dem Jargon-Manuscripte übertragen von Moriz Zobel.) Spenden. Für zionistische Zwecke: Zu Ehren des 40jähr. Geburtstages eines Parteigenossen: Leiser Förster K 1.—, Meier Hübner K 1.—. Zusammen K 2.—. Für Verein „Harfe", Wien. S. B., cand. jur. in Wien K 4. Für die hungernden Bergarbeiter in Boryslaw: Als Ballerträgnis der jüdisch-akademischen Verbindung Unitas" K 100.—. Briefkasten. J. H., J ä g e r n d o r f. Besten Dank. Der genannte Umstand war bekannt. Es wird auch darauf angespielt. Dr. J. Mar m. Herzlichsten Dank. M. Moses. Besten Dank. J u 1. H o c h f. Verspätet. Nächste Nummer. Besten Dank. S c h. G., Eomny. Vielleicht kann Ihnen die Verlagsgesellschaft „Tuschijah" darüber Auskunft geben. A. K., Bamberg. Durch die Witwe des Dichters (Wien, IX., Stroheckgasse 11) zu beziehen.

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