Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Article
- Judenfeindliche Excedenten vor Gericht
- Date
- 1900-05-11
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 ,Die s£ Welt" Seite 11 nehmen konnten, kurz und klein geschlagen. Den angerichteten Schaden beziffert Kapion auf 400 Rubel. Der Vertheidiger machte geltend, dass die Angeklagten zur Zeit der Excesse .total berauscht waren, und beantragte die Zuerkennung von Milderungsgründen. Der Gerichtshof gab diesem Ansuchen statt und verurtheilte die Excedenten zu je einem Monat Arrest. Kapion wurde mit seinen Schadenersatzansprüchen abgewiesen, da diese nicht genügend präcisiert waren. Die Juden bei der Kaiserzusammenkunft. Unter diesem Titel stösst ein Wiener Antisemitenblatt nachfolgenden tiefen Seufzer aus: „Wie uns aus Berlin geschrieben wird, ist von den „drei deutschen Jungfrauen", die von der freisinnigsocialdemokratischen Stadtvertretung zur Begrüssung des Kaisers Franz Josef bestimmt wurden, nur eine einzige ein Deutsche. Von den anderen beiden ist Fräulein Jacolii eine getaufte Halbjüdin, Fräulein Knoblauch aber eine Voilblutjüdi n." Affaire Könitz. Die Stimmung in antisemitischen Kreisen spiegelt folgender phantasiereiche Bericht eines Wiener Blattes wieder: Der Konitzer Jünglingsmord hält noch immer ganz Westpreussen in Aufregung. Bei der Staatsanwaltschaft in Könitz fand die Auszahlung der für Auffindung des Winter'schen Kopfes ausgesetzten Belohnung an die Finder (vier Knaben) statt. — Bisher ist noch nicht festgestellt worden, ob das bei Schneidemühl aufgefundene, blutgetränkte, mit E. W. bezeichnete Manneshemd dem Ermordeten gehört hat. Bei dem Fleischer Levy fand eine erneute Hausdurchsuchung statt. Von dem »veitverbreiteten Gerüchte, der in Haft befindliche Israelski habe einen Selbstmordversuch gemacht, war an zuständiger Stelle nichts bekannt. Der Bahnwärter Beckmann hat bei einer abermaligen Absuchung der Fundstelle auch noch ein wollenes blutgetränktes Tricothemd unweit vom Stewener Wege gefunden. Die Schneidemühler Polizeiverwaltung hat auch dieses Hemd, das zum Theile in der Erde verscharrt war, der Staatsanwaltschaft in Könitz übersandt. Unter den rothen Anschlagzetteln der Regierung, betreffend die Belohnung von 20.000 Mark für die Ermittlung der Mörder des Max Winter, sind vielfach polnische Bemerkungen angeklebt. („Hep-Hep, zida wtep!" Auf Deutsch soll dieses heissen: „Juden Kopf abschlachten.") Auf einem grossen Bogen fand sich ein geschriebenes Spottgedicht auf die Juden an der Synagoge angeklebt, das in mehreren Versen jüdische Liebesverhältnisse Winters und seine Tödtung behandelt. Die Untersuchung wird mit grossem Eifer fortgesetzt, hat aber bisher zu keinem ausschlaggebenden Ergebnisse geführt; nur ist im allgemeinen fast unwiderleglich festgestellt, dass die Mörder Juden gewesen sein müssen, auch wenn es sich in keiner Weise um einen sogenannten Ritualmord handeln sollte. Vielfach wird geglaubt, dass es sich um einen Rachemord an Winter handelt, der zahlreichen vielbegehrten jungen Jüdinnen die Köpfe verrückt haben soll. Allerlei Nachrichten. Ein grossartiger Plan soll in Amerika binnen kurzem zur Ausführung gelangen. Die Amerikanisch-orientalische Gesellschaft beabsichtigt nämlich die Gründung eines Instituts zur Erforschung Palästinas. Durch die Beihilfe der grossen amerikanischen Universitäten, welche regelmässige finanzielle Unterstützungen auf eine Reihe von Jahren hinaus zugesagt haben, erscheint der Plan gesichert. Eine neue Einschränkung steht den russischen Juden bevor, falls nicht der Senat — wie schon so oft — sich ins Mittel legt. Es soll nämlich den Juden der Aufenthalt innerhalb 40 Kilometer von der Grenze verboten werden. Würde diese durch gar nichts gerechtfertigte drakonische Massregel durchgeführt, so wären tausende von jüdischen Familien zur Auswanderung geradezu gezwungen. Ein junger jüdischer Gelehrter, Professor Holländer von der John Hopkins-Universität, wurde von der amerikanischen Regierung zum Commissär von Porto Rico ernannt, mit der speciellen Mission, die finanzielle Lage der Insel zu studieren. Professor Holländer ist ein in Amerika berühmter National-Oekonom. In Leipzig fand am 4. d. M. eine von circa achthundert Personen besuchte antisemitische Versammlung statt, in der der bekannte temperamentvolle Antisemit Graf P ü c k 1 e r über die Judenfrage sprach. Die neueste Chicane der rumänischen Regierung gegen die Juden besteht darin, dass in den jüdischen Schulen wöchentlich nicht mehr als drei Stunden hebräisch gelehrt werden darf. Auch wurde verboten, beim Unterrichte den Kopf bedeckt zu haben. Mr. A. Jacobs schreibt einem amerikanischen Freunde aus Capstadt über ein Interview mit Feidcornet Morri s, zu General Frenchs Stab gehörig: Morris ist ein Sohn von Mr. B. W. Morris, Rabbi am Tempel Bethel. Long Branche N. J. Schon zu lö Jahren empfieng er die Feuertaufe : er focht im Sudan, Tel-el-Kebir, wofür er vom Khedive decoriert wurde. Er machte den Feldzug gegen die Aschanti und erhielt auch dort eine Medaille. In diesem Feldzugo diente er zuerst auf dem englischen Kriegsschiffe „Sir George" und gieng dann 1S!>6 mit Baden-Powell nach Westafrika. Nach Beendigung des Feldzuges kam er nach Johannesburg, von wo er auf Kosten einiger wohlhabender Juden nach Amerika zurück reiste. Im vorigen Jahre nahm er am Kriege in Cuba mit Auszeichnung theil und befindet sich nunmehr wieder bei Baden-Powells Armee. Wegen seiner Bravour erhielt er das „Victoria-Kreuz". In Hanno v e r fand letzte Woche ein „deutschnationaler Handlungsgehilfentag" statt. Paragraph 6 seiner Satzungen lautet: „Juden und sich in einem bewussten Gegensatze zum Deutschthum befindliche Angehörige können keinerlei Mitgliedsrechte erwerben." Dazu beantragte ein Mitglied die Einfügung des Wortes „Socialdemokraten" hinter „Juden". Der Antrag wurde mit grosser Mehrheit abgelehnt. Der Pfarrer Dr. Johannes Jäger in Ebrach, Oberfranken, hat gegen das neueste Märchen der Antisemiten, dass der Talmud die Besudelung des den Juden rituell unerlaubten Fleisches gebietet, in einer Broschüre : „Steht im Talmud etwas über Fleisch-und Fettbesudelung?" das Wort ergriffen. Die vom Geiste echter Menschenliebe getragene Schrift tritt warm für die Juden ein. Noch eine „Curiosität", das Hebrew-Union-College betreffend. Laut einer officiellen Bekanntmachung soll der Lehrstuhl Dr. Wises für ein Jahr unbesetzt bleiben und die von dem gelehrten Gründer der Schule vorgetragenen Disciplinen — ausfallen. Unter diesen Umständen fürchtet man mit Recht für den Weiterbestand der Schule. Die rumänische Regierung ist wiederum auf der Suche nach Geld. Sie wird es auch finden, und jüdische Banken werden ihr dazu behilflich sein. Das bekannte jüdische „ Solidaritätsgefühl".