Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Article
- Der Sieg der Pariser Nationalisten
- Date
- 1900-05-11
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die & Welt« Nr. 19 nalionalistisch-monarchisch-antisemitische Presse jubelt und träumt bereits von einer nationalistischen Majorität im Pariser Hotel de ville nach dem Muster des Wiener Gemeindevsthes. Auswanderung. Die vom österreichischen „Arbeitsstaüstischen Amte" herausgegebene „Sociale Rundschau" (März 1900) bringt in einem Artikel über die Auswanderung aus Oesterreich-Ungarn nach den Vereinigten Staaten von Amerika während des Fiscaljahres 1898/99 manche Daten, die ihres grossen Interesses wegen hier wiedergegeben worden mögen. Unter den sämmtlichen Auswanderern des Jahres 1S99 wurden gezählt: Römisch-Katholische ..... 39.684 Griechisch-Katholische..... 7.699 Protestanten......... 5.009 Israeliten........... 11.071 Diverse........... 1.362 Bei der Eintheilung der Auswanderer nach Nationalisten zählt der Bericht auf: Mit einer Durchschnittsbarschart von Dollars 4.313 Deutsche.............49.09 2.526 Böhmen und Mährer (slav. National.) . 28-90 367 Dalmatiner, Bosniaken, Hercegorzen . 24.60 1.047 Italiener.............21.10 8.643 Croaten und Slovenen.......14.30 I. 436 Ruthenen............12.85 15.83S Slovaken............ 12.60 4.900 Magyaren............10.90 11.660* Polen.............!j.60 780 Hungarians**..........9.50 II. 071 Israeliten (also auch hier als Nationalität angeführt)...........8.60 Bemerkt sei noch, dass der Bericht bei den Juden hinzufügt, dass die Zahl der Kinder eine unverhältnismässig grosse ist, was eine erhöhte familienweise Auswanderung beweist. * In dieser Zahl sind auch die Polen aus Rnssland und Deutschland mitiubagriflen. ** Loute mit ungarischer Muttersprache. Ueber eine jüdische Privatbibliothek enthält das „Israelitische Familienblatt" interessante Mitth eilungen. Es handelt sich um die hebräische Bibliothek des Herrn Rechtsanwalts Dr. B. Levy, lange Jahre Mitglied der Bürgerschaft und des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Die Bibliothek besteht aus 108 Manuscripten, 45 vor 1Ö04 und 704 später gedruckten hebräischen Werken und 240 Nummern Judaica. Ganz besonders sind es die Handschriften, wie sie wohl interessanter und bedeutender in keiner Privatbibliothek zu finden sind, sowie die Incunabeln und manches interessante und seltene Buch, die die Aufmerksamkeit des Kenners fesseln. Von bedeutendem künstlerischen Interesse sind die Manuscripte Nr. 22, 45, 60, 147. Das Pentateuch-Manuscript Nr. 19, im Jahre 1310 vollendet, ist von besonders hohem Werte, es hat Moses Mendelssohn bei seiner Pentateuch-Uebersetzung vorgelegen, wie dies das darin befindliche Autograph Mendelssohns bekundet. — Die Abtheilung der liturgischen Manuscripte ist mit 42 Nummern vertreten. Nicht weniger als sieben römische Machsor-Handschriften sind vorhanden, deren älteste 1463 geschrieben ist. Auch hebräische Manuscripte über Medicin, Mathematik und Astronomie fehlen nicht. Hervorragende Raritäten finden sich auch unter den Druckwerken. Der Hamburger Buchhändler Herr Salomon Goldschmidt hat einen kürzlich erschienenen Katalog dieser Bibliothek sehr verständnisvoll bearbeitet. Ehrengabe. Zur Zeit, als die Dreyfus-AfTaire die ganze gt •bildete Welt beschäftigte, hat die englische Zeitung „Morning Herald" eine Sammlung eröffnet, deren Etrag zu einem Huldigungsgeschenk für Frau Dreyfus bestimmt war. Das Geschenk ist dieser Tage Frau Dreyfus durch den Herausgeber des „Siöcle", Herrn Yves Guyot, übergeben worden. Der „Siecle" hat darüber ausführlich berichtet und auch eine Illustration des Geschenkes veröffentlicht. Es ist ein aus massivem, ciseliertem und vergoldetem Silber künstlerisch ausgeführtes Kästchen von fast einem halben Meter Länge, auf dem in der Mitte eine Statue derGerechtigkeit sich erbebt während an den vier Ecken die Figuren der Wahrheit, des Gesetzes, der Treue und der Beständigkeit sitzen. Drei Miniaturen zeigen an der Stirnseite die Porträts von Dreyfus, Zola und Labori. Das Kästchen enthält eine Adresse an Frau Dreyfus und war von einem Schreiben begleitet, in dem es heisst, dass die Leser des „Morning herald", „eines der zahlreichen Blätter, die sich für die Revision eines ungesetzlichen Urtheils und die Wiedergutmachung eines Rechtsirrthums, begangen an einem loyalen Soldaten, eingesetzt haben", Frau Dreyfus respectvoll bitten, das Kästchen anzunehmen; es solle eine Familienerinnerung werden und ihren Kindern die Tugenden der Frau und Mutter für immer ins Gedächtnis zurückrufen. Das Kästchen trägt folgende Inschrift in englischer Sprache: „Frau Dreyfus von den Lesern des „Morning Herald" überreicht als Beweis ihres Glauben s an die tadellose Ehre des Capitäns Alfred Dreyfus und als Zeugnis ihrer Bewunderung für ihre muthvolle und standhafte Hingebung an ihren Gemahl während seiner unverdienten Leiden." Aus dem polnischen Lager. Der „Katholik" schreibt: „Es ist ein wunderlicher Fehler unserer Leute, dass sie alles bei Andersgläubigen kaufen, und die Katholiken treulos im Stiche lassen. Es gibt sogar solche, die Biblische Geschichten, Katechismen bei Protestanten, Kleidungsstücke zur Confirmation ihrer Kinder, Gebetbücher, Bilder, Kerzen bei Juden kaufen. Ist das schön und christlich, sein Kind zur Communion in einem Kleide von Juden, mit einer Kerze vom Protestanten zu schicken? Ist das durchaus nothwendig, unsere sauer verdienten Groschen zu Andersgläubigen zu tragen? Haben wir nicht genug bedürftiger christlicher Geschäftsleute, die wir zu unterstützen verpflichtet sind? Wann werden diese Leute endlich unseres Wahlspruches eingedenk sein : „Jeder zu den Seinen!" Sie alle wollen ihr Dasein besser gestaltet sehen, alle wollen glücklieh sein, und doch verstehen sie es nicht, mit vereinten Kräften auf dieses Ziel loszusteuern!" Man braucht zu diesem netten Zeugnis christlicher Duldsamkeit kein Wörtchen hinzuzufügen. Die Opfer des Blutmärchens. Wie der „Rumänische Lloyd" berichtet, haben in Jassy zahlreiche bei Juden bedienstete christliche Mädchen einige Tage vor Ostern heimlich ihre Stellen verlassen und sich in ihre Heimatsdörfer begeben, um der „Blutabzapfung", die ihnen von gewissenlosen antisemitischen Hetzern in Aussicht gestellt worden war, zu entgehen. Einige von den flüchtenden Dienstmädchen erfroren nun auf dem Wege, da um diese Zeit grimmige Kälte und heftiges Schneetreiben herrschte. Andere Mädchen werden vermisst, und man vermuthet, dass sie von Wölfen gefressen worden sind. Judenfeindliche Excedenten vor Gericht. Unsere Leser werden sich noch der Ausschreitungen gegen die Juden erinnern, die Ende April v. J. in der russischen Stadt Nikolajew und deren Umgebung stattfanden. Dieser Tage hatten sich nun in Odessa acht Bauern s aus B o g d a n o w k a bei Nikolajew, die an den Excessen in ihrem Heimatsdorfe theilgenommen hatten, vor Gericht zu verantworten. Die Exce lenten waren in die Behausung und in den Laden des Juden K a p 1 o n eingedrungen, hatten Lebensmittel und Wertgegenstände geraubt und alles, was sie nicht mit-