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Die Welt · 1900-05-11 · 19 (11.5.1900) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
19 (11.5.1900)
Article
Zur Geschichte der Blutbeschuldigung
Date
1900-05-11
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 19 „Die 3fr Welt" Seite 3 schuldigung zu neuem Leben zu verhelfen. In der clericalen, wie in der antisemitischen Presse werden fort und fort Artikel veröffentlicht, in welchen die tausendmal widerlegten alten Lügen aufs neue wiederholt werden; in den Parlamenten der civilisiertesten Staaten finden sich immer wieder Gewählte des Volkes, die in Interpellationen das Rilualmord - Märchen als eine historische Thatsache feiern. Vor einigen Tagen erst hat ein hochgeborenes Mitglied des deutschen Herrenhauses, Herr v. H e r t z b e r g, in einer Anfrage an die Regierung ganz unverhohlen den Glauben an den Ritualmord verkündet. Die Ritualmord-Beschuldigung hat sich eben zu allen Zeiten als das bequemste, einfachste, naheliegendste Argument für die Judenhetze bewährt. In welch cynischer Weise man sie in früheren Zeiten cultivierte, wollen wir heute durch ein interessantes Capitel aus der nur von wenigen gekannten Selbstbiographie des genialen Philosophen Salomon M a i m o n (geb. 1753, gest. 1800) zeigen. Maimon, der einem Kant durch seine Genialität imponierte, hat in seiner von R.P.Moritz 1792—93 edierten Lebensgeschichte nur das eine Bestreben gehabt, die volle Wahrheit darzustellen. Mit schonungsloser Rücksichtslosigkeit deckt er auch die eigenen Gebrechen und Blossen auf, aber man darf dafür sicher sein, dass er scrupulös die Wahrheit erzählt. Wir geben Maimons Bericht über die Art, wie man dazumal in Polen Ritualmorde construierte, unverändert im Stil und in der Orthographie des Autors wieder: „ . . . Hierzu kamen noch grössere Unglücksfälle, die ich hier nicht ganz mit Stillschweigen übergehen kann. Der Pope (russische Geistliche) in diesem Dorfe war ein dummer, unwissender Einfaltspinsel, der kaum Schreiben und Lesen gelernt hatte. Dieser sass beständig im Wirtshause, soff mit seinen Pfarrkindern, den Bauern, Brantwein und liess immer seine Zeche anschreiben, ohne je an Bezahlung der Rechnung zu denken. Mein Grossvater war dess endlich müde und beschloss, ihm nichts mehr auf Borg zu geben. Dies nahm jener natürlich sehr übel und war daher auf Rache bedacht. Er fand ein Mittel dazu, wovor die Menschheit freilich zurückschaudert, wovon aber die katholischen Christen in Polen zu damaliger Zeit sehr häufig Gebrauch zu machen pflegten, nämlich meinen Grossvater eines Christenmordes wegen anzuklagen und ihm ein Halsgericht zuzuziehen. Dies geschah auf folgende Weise: Ein Biberfänger, der sich in dieser Gegend wegen des Biberfanges am Niemen beständig aufhielt, pflegte zuweilen meinem Grossvater heimlich (denn der Biberfang ist da ein Regal und alle müssen nach Hofe geliefert werden) Biber zu verhandeln. Dieser kam einst um Mitternacht, klopfte an und liess meinen Grossvater herausrufen. Er zeigte ihm einen Sack, der ziemlich schwer zu heben war, und sagte mit einer geheimnisvollen Miene: „Hier habe ich Dir einen tüchtigen Kerl gebracht." Mein Grossvater wollte Feuer anmachen, den Biber besehen und darüber mit dem Bauer aecordieren; dieser aber sagte, es sei nicht nöthig, er könne den Biber immer zu sich nehmen, sie würden schon darüber einig werden. Mein Grossvater, der nichts Schlimmes argwöhnte, nahm den Sack, so wie er war, zu sich, legte ihn beiseite und begab sich wieder zur Ruhe. Kaum war er wieder eingeschlafen, so wurde er zum zweitenmale mit grossem Gelärm herausgeklopft. Es war der gedachte Geistliche mit einigen Dorfbauern, die sogleich anüengen, im Hause überall Untersuchung anzustellen. Sie fanden den Sack, und mein Grossvater zitterte schon für den Ausgang, weil er nichts anderes glaubte, als dass er des heimlichen Biberhandels wegen am Hofe verrathen worden sei und es nun nicht leugnen konnte. Wie gross war aber sein Entsetzen, als man den S a ck a u f m a c h t e und anstatt desBibers einen Leichnam darin fand. Man band meinem Grossvater gleich die Hände auf den Rücken, schlug die Füsse in Klötze, warf ihn auf einen Wagen und brachte ihn nach der Stadt Mirz, wo man ihn dem Criminalrichter übergab. Er wurde in Ketten geschmiedet und in ein finsteres Gefängnis gebracht. Beim Verhöre bestand mein Grossvater auf seiner Unschuld, erzählte die Begebenheit genau wie sie vorgefallen, und forderte, wie billig, dass man auch den Biberfänger verhören sollte. Dieser aber war nirgends zu finden und schon über alle Berge. Man liess ihn überall suchen. Der blutgierige Criminalrichter aber, dem unterdessen die Zeit lange wurde, l i e s s m e i n e n (irossvater dreimal nacheinander auf die Tortur bringen. Er blieb aber immer dabei, dass er in Ansehung des todten Körpers unschuldig sei. Endlieh fand man den Biberhelden; er wurde inquiriert, und da er die ganze Sache geradezu leugnete, machte man mit ihm auch die Torturprobe, wobei er sogleich alles gestand. Er sagte aus, dass er vor einiger Zeit diesen todten Körper im Wasser gefunden, und nach der Pfarre zum Begraben bringen wollte. Der Pfarrer aber habe zn ihm gesagt: Mit dem Begraben habe es noch Zeit. Du weiss t, dass die Juden verstockt und daher in aller Ewigkeit verdammt sind. Sie haben unseren Herrn Jesum Christum gekreuzigt, und noch bis jetzt suchen sie christlich Blut, wenn sie sein nur habhaft werden können, zu ihrem Osterfeste, welches zum Zeichen ihres Triumphes eingesetzt ist. Sie brauchen es zu ihrem Osterkuchen. Du wirst also ein verdienstliches Werk thun, wenn Du diesen todten Körper dem verdammten Juden von Schächter ins Haus prakticieren kannst. Du musst Dich freilich aus dem Staube machen, allein Dein Gewerbe kannst Du überall treiben. Auf dieses Geständnis wurde der Kerl ausgepeitscht und mein Grossvater in Freiheit gesetzt: D e r P o p e aber blieb Pope. Zum ewigen Angedenken dieser Errettung meines Grossvaters vom Tode verfertigte mein Vater in hebräischer Sprache eine Art Epopöe, mit lyrischen Gesängen untermengt, worin die ganze Begebenheit erzählt und die Güte Gottes besungen wurde. Man machte auch zum Gesetze, dass dieser En ettungstag alle Jahre in der Familie gefeiert und dabei das Gedicht (sowie das Buch Esther am Hamans-Feste) vorgelesen werden solle.- Hundert Jahre sind seit dem Tode Maimons verflossen. Was würde der Philosoph dazu sagen, wenn er sähe, wie das 21. Jahrhundert bei seinem Beginne keine dringendere Aufgabe kennt, als die vergangenen Jahrhunderte mit ihren ebenso verlogenen als grauenhaften Blutbeschuldigungen zu — rehabilitieren? Der israelitische Gemeindetag in Lemberg. Der zweite Gemeindetag der israelitischen Cultusgemeinden Galiziens hat für Dr. Byk und seine Adhaerenten ein Paradestück ersten Ranges werden sollen. Er ist es nicht geworden. Vergebens waren alle Verlautbarungen in der polnischen Presse,

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