Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Article
- Moschele Wolf in Wien
- Date
- 1900-05-04
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „Die 2$ Welt" Ni. 18 Moschele Wolf in Wien. Au einem sonnigen Sommernachmittag schlenderte Jakob, Sohn des Randars von N. und Student der obersten Gymnasial classe, durch eines der Leopoldstädter Gässchen in einer Stimmung, in der er gerne was Rechtes unternehmen wollte und nur nicht recht wusste, was. Plötzlich blieb er stehen und wollte seinen Augen nicht trauen. Jenes Männchen drüben mit dem trippelnden Gange, das seine Blicke unablässig nach allen Seiten schweifen liess und mit Anstrengung bis zu den vierten Stöcken hinaufguckte, mit den runzligen und doch noch rothen Bäckchen, die ein grauweisser, ziemlich zerkrauster Bart in Form eines vollständigen Kranzes umgab, mit dem zerquetschten Cylinderhute und dem silbern glänzenden, „schwarzen" langen Rocke — ist das nicht Moschele Wolf, der Schofarbläser und zweite Vorbeter von N.? Wirklich wahr! „Kobele Randars!" rief ihm schon Moschele über die Strasse entgegen. „Wie kommen aber Sie hierher?" „Ich bin hergetahren, weil mein Sohn doch nächstes Jahr hier studieren soll, aber eigentlich, denk' ich mir, weil ich schon da bin, mccht' ich mir gerne Wien ansehen." „Soll geschehen!" „Ich werde ihm schon zeigen, dem Modehe Presfser, dem Rosch-ha Kohol. — Sie taugen nicht nach Wien, nicht einmal zu einer Reise dahin — hat er mir gestern gesagt und dazu gelacht, der Rosch-ha Kohol mit den weissen Manschetten, der am Schabbes fährt und das ganze Jahr nicht in den Tempel kommt Gerade zum Trotz, da" — und damit überreichte er Jakob pathetisch einen Geldbeutel von undefinierbarer Farbe — „kost' es, was es wölk», aber alles will ich sehen, überall sollst Du mich herumführen! Gott, wie schön ist doch Wien!" und damit zeigte er auf die schmutzig-alten, aber imposant-hohen Gebäude, zwischen denen er, frei und der Dumpfheit des täglichen Gemeindedaseins entrückt, einherschritt, in seliger Erwartung, eine ' Thora-Freudenfestweise vor sich hersummend. Sie giengen zunächst in ein Kaffeehaus, wo sie sich stärkten und wo zufällig einige von Kobis Collegen Bier tranken. Moschele sah zu seinem Erstaunen auf einem Tische ein jüdisches Wochenblatt liegen, das in N. die Hauptquelle seiner Kenntnisse von der Welt „da draussen" bildete. „Alles hat man doch in dem Wien!" rief er entzückt aus. Die Collegen an den Nachbartischen amüsierte die feierliche Haltung, in der Moschele den Kellner empfieng, sowie sein unaufhörliches Schellen, als er zahlen wollte. .Ich möcht' wissen, warum die lachen," versetzte er mit einem leichten Anflug von Aerger, der sich aber sogleich in reinste gemüthliche Mitfreude und in Mitlachen verwandelte. „Die sind mir lieber als unsere Jungen zuhause, gehen den ganzen Tag herum und machen Gesichter wie die Tisch'oh b'ow Kinnos.". Als sie in die Praterstrasse kamen, fuhr oben ein Börsianer vorbei, mit seiner einzigen Person seine Equipage buchstäblich ausfüllend. „Du, der muss ein Jud' sein," errieth der Bläser scharfsinnig. „Sieht aus wie Modehe Presser!" — „Lassen Sie schon Modehe Presser! Jetzt kommen Sie, wir wollen leben!" Und Jakob führte ihn in den Wurstelprater. Anfangs schien Moschele ein wenig enttäuscht. Die grosse Hitze, der viele Spectakel und das Gewerkel überall machten ihn nervös und zappelig; ihm war zumuthe wie am Versöhnungstage, wenn er nachmittags vorbeten musste, schon müde von der schlechten Luft, dem Fasten und Beten, während ihn das laute, verworrene Mitsingen der Menge alterierte. Aber plötzlich schrak er mächtig zusammen, als er in unmittelbarer Nähe einen Schuss vernahm. „Kobi, was führst Du mich daher?" begann er ziemlich laut zu klagen. Nur mit Mühe wusste ihn dieser zu beruhigen, dass hier gar keine Gefahr drohe und dass bei den Schiessstätten noch nie jemand etwas passiert sei. Moschele liess sich allmählich sogar dazu herbei, dem Treiben zuzusehen, und es gefiel ihm, als ein grotesk aussehender Rittersmann, mitten ins Herz getroffen, eine Trompete an seinen Mund setzte und einen einförmigen Ton hören liess, „accurat wie ein Schofar," cömmentierte der Bläser von Beruf. Sein lebhaftes Interesse rief der eigentliche „Wurstel" hervor, das kleine Zaubertheater, wo Teufelchen und andere Marionetten in buntem Durcheinander auftauchten und plötzlich verschwanden. Und so kamen sie auch zu einem Ringelspiel. Moschele war ganz begeistert. Und aus gewissen schmerzlich-sehnsüchtigen Blicken, die er hinaufwarf, sowie daraus, dass er sich von der schönen Stätte nicht entfernen mochte, errieth Jakob einen noch halb im Unterbewusstsein schlummernden Wunsch in das Reich der Kindheit, einer solchen Kindheit, wie sie Moschele gewiss nie besessen hatte, „Wollen Sie mitfahren?" fragte ihn daher Jacob gerade heraus. „Das schickt sich doch nicht," flüsterte Moschele beinahe und erröthete wie ein löjähriges Mädchen. „Es ist ja niemand aus N. da, der Sie sehen könnte! Und heute wollen wir ja was mitmachen!" Und Moschele bestieg ein Ross, ein schönes, stattliches — zum erstenmale in seinem Leben — allerdings nur ein hölzernes. Mit einem leise beginnenden Wiener Walzer setzte sich das Carroussel in Bewegung, und dem armen Schofarbläser wurde es ein wenig wackelig und schwindelig. Als es aber rasch und hurtig im Kreise herumgieng, da sass er schon wieder, kerzengerade wie niemals im Leben, stolz und muthig hinsegelnd und hinreitend. Dass doch einer seiner Gemeindegenossen, dass doch Mordche Presser dagewesen wäre und geschaut hätte, was nur Jakob zu schauen •vergönnt war. Jede Weile tauchte an der Ecke dort unten in einer Umgebung von Wiener Mädeln, jungen Burschen und kleinen Kindern das Männchen auf, das sich im gewöhnlichen Leben nur mit vielen Schritten, den Kopf niemals allein biegend, umdrehen konnte, und machte jetzt fast in derselben Zeit, wie sonst beim Gehen, eine rasend rasche Umdrehung im grossen Kreise. Dabei blickte er selig vor sich her und schmauchte mit Behagen an einem dürftigen Pfeifchen. Und wäre nicht der kreischende Wiener Walzer gewesen, der alles übertönte, dann hätte man Moschele sicherlich seine schönste Thora-Freudenfestweise summen gehört. Als seine erste Rundreise beendet war, nahm Jakob natürlich sogleich ein zweites Billet. Vergebens bat ihn Moschele, dessen Bäckchen vor Wonne leuchteten, doch nicht zu kargen und sich auch einmal ein Vergnügen zu gönnen. Jakob blieb standhaft und genoss die Wonne des Zuschauers ein zweites-, ein drittes- und viertesmal. Dafür setzte er sich dann mit seinem Schützling in eine grosse Schaukel, sie schwebten factisch und seelisch himmelan, und hoch oben fiel der beseligte Schofarbläser, der sein Gleichgewicht nicht halten konnte, seinem jungen Freunde in die Arme —---Was in der darauffolgenden Nacht Moschele in dem noch reicheren Wurstel seiner Traumphantasie erlebte, entzieht sich der Beobachtung. Wahrscheinlich sass er wieder auf stolzem Rosse als muthiger Krieger, von Kanonenkugeln umflogen, in einer altbiblischen Zeit, in der sich sehr oft seine Träume abspielten, er war etwa ein Krieger des Josua und sass auf einem lebendigen Rosse, und er hielt in der Hand einen riesigen Schofar und blies, nicht wie sonst, wo der ganze Tempel zu lachen anfieng, wenn die Tekios unterwegs zerbrachen oder sich zerquetschten, nein, er blies mächtig und gewaltig, und vor ihm befanden sich die Mauern von Jericho," einer ungeheuren Stadt, und er blies so gewaltig, dass die Mauern erbebten und — nein, sie stürzten nicht zusammen, aber sie drehten sich plötzlich und wurden zu einem grossen Ringelspiele — und er selber und Jakob befanden sich darauf, und seine Frau Cheileund