Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Article
- Bukarest / S.
- Date
- 1900-05-04
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die & Welt" Nr. 18 die seit Wochen in Galatz liegen, nur dann von den Behörden in Focschani die Erlaubnis zur Rückkehr gestattet werden wird, wenn sie ihre Schulden an den Staat und die Privatiers entrichten werden, welche Schulden den Emigranten erlassen wurden und sich auf 18.000 Francs belaufen sollen. S. Vereinsnachrichten. Wien. Der Einzelverein „Wien" des „Zion" veranstaltete am 23. April 1. J. im Restaurant Khuner einen Festabend zu Ehren seines langjährigen Präsidenten Herrn Leopold Paul Loebel.und überreichte ihm bei dieser Gelegenheit sein wohlgetroffenes Oelportrait Nach einer kurzen Ansprache an die Festgäste seitens des Vorsitzenden Herrn Ingenieur Michael Ellmann wurde das Bild enthüllt. Hierauf kennzeichnete der Festredner Herr Doctor M. T. Schnirer in kurzen, markanten Zügen das sympathische Wesen des Gefeierten, wobei er insbesondere dessen Verdienste um den Zionismus hervorhob. Herr B r a u d e s sprach in bekannt geistreicher Weise einen Toast in hebräischer Sprache, worauf der Jubilar Herr Leop. Paul Loebel für die ihm seitens des Vereines erwiesene Ehrung dankte. Nachdem noch die Herren Prof. Dr. Leon Kellner und Schriftsteller York-Steiner das überaus bescheidene Wesen des Herrn Loebel charakterisiert, schloss der Vorsitzende die Festversammlung. Um das Zustandekommen des Bildes haben sich die Herren Schimmer, Pineles und Hammer besonders verdient gemacht M. E. Wien. (Literarischer Geselligkeits verein jüdischer Mädchen „Moriah", IX., Berggasse 20.) Sonntag, r>. Mai hält Dr. Max Jerusalem einen Vortrag: „Shylock, der Kaufmann von Venedig". Gäste willkommen. Wien. Im Vereine jüdischer Mädchen „Hadassa" hielt Sonntag den 1. April Herr Alfred Weissberger einen ausserordentlich fesselnden Vortrag über „Die Jüdin von Toledo". In glänzender Weise verstand es der Vortragende, den Unterschied der drei Frauencharaktere in diesem Stücke hervorzuheben. Das lachende, scherzende, verzärtelte, nur seinen momentanen Launen folgende Kind Rahel im Gegensatze zu der gemessenen, kalten, nur der strengen Pflicht gehorchenden Königin, und schliesslich die echte Jüdin, die ernste, überlegende, aufopferungsfähige Esther traten uns hier klar vor Augen. Währenddem uns Rahel, dieses Judenkind mit dem einzig jüdischen Zuge, der scharf ausgeprägten Individualität, fremd gegenübersteht, finden wir in Esther die uns schon von unserer uralten Geschichte so wohlbekannte Gestalt der edlen jüdischen Frau. Sehr sinnreich erklärte Herr Weissberger das Hinsinken der Rahel zu Füssen des Königs: »Hier will ich ruhen und schlafen" als das im Blute steckende, unstet Irrende des jüdischen Volkes, das zu Füssen eines Mächtigen Schutz und Ruhe zu finden hofft. Armes jüdisches Volk! wie oft bist du schon hier getäuscht worden. Sehr bezeichnend für jene Zeit, ja, wir können ruhig sagen für alle Zeiten, sind die von Grillparzer dem Könige in den Mund gelegten Worte: „Wir lähmen sie und grollen ihnen, dass sie hinken". Die Juden dürfen eben nicht hinken, dieses Volk, dessen Wiege im Urbeginne des Menschengeschlechtes gestanden ist, wie der Dichter an anderer Stelle sagt, muss selbst unter dem schwersten Drucke den Kopf aufrecht halten und seiner Würde nie vergessen. Reicher Beifall lohnte die Bemühungen des Referenten. Wien. Der Verein orthodoxer Zionisten „Charedim Lezion" veranstaltet Sonntag den 6. Mai im Bethause „Gemiluth-Chesed", DL, Nickelgasse 6, Ecke der Grossen Schiffgasse, eine öffentliche Versammlung. Allerlei Nachrichten. Die jüdische Einwanderung in Amerika scheint in ganz bedeutender Zunahme begriffen. Während im März 1898 und 1899 die Zahl 177, resp. 82 betrug, beziffert sie sich im März d. J. für Philadelphia auf 340. Hiervon allein 265 aus Russland und 50 aus Rumänien. Unter den Einwanderern befinden sich 140 Handwerker. In den verschiedenen Kreisen der Union zusammengenommen landeten im März d. J. 1632, gegon vS(j7 im vorigen und 762 im vorletzten Jahre, und es liegen Anzeichen vor, dass die Einwanderung während des heurigen Sommers grosse Dimensionen annehmen wird. * Nach der Missionsschrift „Nathanael" gibt es im ganzen circa 100 auf den Judenfang ausgehende Gesellschaften, die meisten — je 30 — in England und Amerika. Die Londoner Mission beschäftigt 184 bezahlte Beamte, denen in 3 Jahren 265 Taufen gelangen. Der westdeutsche Verein brachte es im letzten Jahre auf 40 Taufen. Tant de bruit pour une omelette. In den jüdischen Schulen Russlands dürfen von nun an, einer Verordnung des Unterrichtsministers zufolge, die Lehrer keine Mädchen, die Lehrerinnen keine Knaben mehr unterrichten. „Zum Verständnis der Blutlüge" betitelt sich eine bei M. Waizner & Sohn in Wien erschienene Broschüre von Leopold Mandl. Sie enthält in gedrängter Kürze alles, was vernünftigen Menschen über diese sinnlose Angelegenheit zu lesen zugemuthet werden kann. In dem rheinpreussischen Städtchen Kyllburg hat ein vor einigen Wochen verstorbener alter Mann sein Gebäude der jüdischen Gemeinde zum Baue einer Synagoge hinterlassen und seine Verwandten enterbt mit der Begründung, dass er „aus Antipathie gegen den Clerus" diese Bestimmungen treffe. In München fand dieser Tage wieder ein Dreyius- Process statt. Dr. Merzbacher klagte gegen W e n g g und Consorten wegen deren Behauptung, dass er (Dr. M.) als Vorstand der Münchener Abtheilung der „Alliance israölite" bezüglich der Existenz des Syndicates und der in Bayern vorgenommenen Sammlungen in einer öffentlichen Erklärung falsche Behauptungen wider besseres Wissen aufgestellt habe. Der von den Beklagten angebotene Wahrheitsbeweis misslang natürlich, und sie wurden zu Geldstrafen, sowie zur Veröffentlichung des Erkenntnisses verurtheilt. * In Mainz starb der älteste dortige Einwohner, ein Jude namens Salomon Metzler, im 94. Lebensjahre. * Wie das „Berliner Tageblatt* meldet, beabsichtigt das Mitglied des Herrenhauses v. Hertzberg-Lottin, an die preussische Staatsregierung in Sachen des Konitzer Mordes folgende Interpellation zu richten: „Welche Schritte gedenkt die königl. Staatsregierung zu thun, um weiteren Kreisen der christlichen Bevölkerung die Gewissheit zu verschaffen, dass die in den letzten Jahren vorgekommenen unaufgeklärten Morde an christlichen Jünglingen und Jungfrauen nicht von den Juden begangene sogenannte Ritualmorde sind?" In der Begründung wird Klarheit über die jüdischen Geheimschriften verlangt, es wird auf Tisza-Eszlar, Pölna und endlich auf den Konitzer Vorfall verwiesen. * Zum Oberrabbiner von Metz wurde Dr. Netter in Saargemünd ernannt Er kam erst vor zwei Jahren von Buchsweiler und wird nun durch das Vertrauen der Regierung auf diesen hohen Ehrenposten gestellt. Zeitschriftenrundschau. Die jüngste Nummer des „Echo sioniste" enthält einen prächtigen Leitartikel über palästinensische Angelegenheiten, namentlich über die jüngste Versammlung der Colonisations- Vereir.e in Frankfurt a. M. Scharf, aber gerecht geht das