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Die Welt · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Article
Juden-Excesse in Konitz und Umgebung
Date
1900-05-04
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 10 ,Die 2& Welt" Nr. 18 Weitchronik. Juden-Excesse in Könitz und Umgebung. - Die vom Minister des Innern ressorfcierende- „Berliner Correspondenz" gab am t25. v. M. Folgendes bekannt: „Die aus Aniass des Konitzer Mordes in Könitz selbst und in verschiedenen Ortschaften der' Umgebung vorgekommenen Unruhen haben, wie bereits gemeldet, den Minister des Innern veranlasst, den Geheimen Oberregierungsrath Maubach als Commissär an Ort und Stelle zu entsenden. Wenngleich die von dem letzteren angestellten Ermittlungen ergeben haben, dass die in der Öffentlichkeit verbreiteten Mittheilurigeu über diese Vorgänge zum Theil übertrieben sind, so hat doch an einzelnen Stellen das Vorkommen bedauerlicher Ausschreitungen festgestellt werden müssen. Dies hat dazu geführt, dass die polizeilichen Executivkräfte da, wo sie sich zur Unterdrückung der Unruhen und zur Verhütung weiterer Excesse nicht als ausreichend erwiesen haben, sofort durch Heranziehung auswärtiger Gendarmen verstärkt worden sind. Es ist dies insbesondere in Baldenburg und Prechlau (Kreis Schlochau) und in Vandsburg (Kreis Flatow) geschehen. Ferner hat der Herr Minister die schleunige Entsendung einer Anzahl von Gendarmen aus den Regierungsbezirken Danzig und Bromberg zur Verstärkung der Gendarmerie der Kreise Könitz und Flatow, namentlich auch zur Verwendung in Czersk und Wielle (Kreis Könitz), angeordnet. Der Commissär des Herrn Ministers wird sich heute (Mittwoch) abends wieder an Ort und Stelle begeben, um die Ausführung der getroffenen Massnahmen zu überwachen und nöthigenfalls weitere Anordnungen zu treffen." Wie der „Gesellige" aus Baldenburg meldet, ist in der Nacht zum Mittwoch das Innere der dortigen Synagoge völlig zerstört worden. Die Polizei Verwaltung hat für die Ermittlung der Thäter eine Belohnung von- 100 Mark ausgesetzt. Drei Gendarmen sind zur Herstellung der Ruhe und Ordnung in Baldenburg angekommen und-werden dort bis auf weiteres verbleiben. Aus K onitz selbst liegen folgende Meldungen vor: Der Geschäftsverkehr in Könitz erleidet infolge des unaufgeklärten Mordes naturgemäss manche Schäden. Auch bei der Aufnahme neuer Schüler am Gymnasium that sich dies Misstrauen der Auswärtigen kund. So wurden diesmal etwa 40 neue Schüler weniger aufgenommen als in früheren Jahren. Die Tumulte anf den Strassen wiederholen sich jetzt wieder allabendlich. So erhält man dasBild einer im Aufruhr begriffenen Stadt. — Gegen Wolf Israelski in Könitz ist nunmehr die förmliche Voruntersuchung wegen Begünstigung eines Verbrechens (durch § 157 des Strafgesetzbuches mit Gefängnisstrafe bedroht) eingeleitet worden. Bestimmend soll dabei die Versicherung des Boteumeisters Fiedler sein, der bei der Behauptung verblieben ist, dass er den J. am Charfreitag mit einem Sacke, in dem sich ein rundlicher Gegenstand befand, am Gerichts-Etablissement vorüber in der Richtung des Erlenbruches habe gehen gesehen, und dass er einen Irrthum dabei für ausgeschlossen halte, weil er den J. genau kenne und denselben ganz in der Nähe gesehen habe. J. hat diese Bekundung bekanntlich bestritten. — Der Konitzer Staatsanwalt macht jetzt bekannt, dass den vier spielenden Knaben, welche den Kopf des Ernst Winter fanden, 1000 Mark Belohnang gezahlt worden seien, und zwar in der Art, dass der erste Entdecker 500 Mark, zwei seiner Genossen je 200 Mark, der vierte 100 Mark erhalten hat. In der bezüglichen Bekanntmachung heisst es: „Eine Anzahl hiesiger Bürger hat eine erhebliche Geldsumme auf die Ermittlung des Mörders des Ernst Winter und die Auffindung von Leichenteilen ausgesetzt und mir zur Verfügung gestellt In Uebereinstimmung mit ihnen habe ich für die Auffindung des Kopfes den Betrag von 1000 Mark bestimmt" Sämmtliche jüdischen Angelegenheiten in Russland, die zur Zeit im Polizei-Departement des Ministeriums concentriert sind, werden, wie verlautet, demnächst zur Kenntnis des Ministeriums des Innern überführt werden, in dem eine besondere Abtheilung zur Behandlung dieser Angelegenheiten creiert wird. Zum Verwalter dieser Abtheilung mit den Rechten eines Vicedirectors wird der Obersecretär im dirigierenden Senat Losino-Losinski ernannt werden, während mit der obersten Leitung dieser Angelegenheiten der neuernannte Gehilfe des Ministers des Innern, Senator Durnowo, betraut wird. Refüsiert. In Ofen-Pesi hat der Staatsanwalt anlässlich einer Schwurgerichtsverhandlung gegen eine des Kindesmordes angeklagte Jüdin sämmtliche jüdischen Geschworenen zurückgewiesen. Man bringt dies damit in Zusammenhang, dass vor kurzem zwei des Kindesmordes angeklagte Jüdinnen von d<»n Geschworenen freigesprochen wurden. Das schwarze Cabinet Die Berliner antisemitische „Staatsbürgerzeitung* erzählt im Zusammenhange mit der Konitzer Mordaffaire folgende gruselige Geschichte : Der jüdische Fleischer Lewy hatte in Frankenhagen eine Kuh gekauft, die der Taglöhner Laskowski nach Könitz trieb. Als Laskowski die Kuh abgeliefert hatte, befahl ihm Lewy,' das Treibergeld am Nachmittag abzuholen, das Lewy'sche Haus aber nicht von vorn (durch die Danzigerstrasse)-zu betreten, sondern wieder durch die Rähmestrasse von hinten herum bei Hoffmann vorbei. Laskowski betrat den Lewy'schen Laden aber doch von vorne. Lewy war darüber sehr ärgerlich. „Ist denn hinten zugestickselt? Warum kamen Sie nicht hinten herum bei Hoffmann vorbei?* Auch wollte er ihm das Geld nicht im Laden geben, sondern hiess ihn ins Zimmer dahinter treten. Hier fragte er ihn, wie alt er sei, ob er verheiratet sei, wieviel Kiuder er habe? Dann beriethen die Lewys, Vater und Sohn, flüsternd. Laskowski, der bleich und ziemlich schwächlich aussieht, dem aber sein Brotherr Klugheit über seinen Stand nachrühmt, hat noch an demselben Abend des Mordsonntags, also zwei Tage vor dem Ruchbarwerden des Mordes, der Familie seines verreisten Brotherrn, sowie dem Tuczynski erzählt, ilass er aus dem Geflüster der Lewys die Worte verstanden habe: „Wir brauchen Blut!" — „zu weiss!" „Verdacht. Verdacht!" und dass es ihm überhaupt bei Lewy ganz unheimlich vorgekommen sei, alsob man ihn habe abschlachten wollen. Iii dem zweiten Zimmer stand nämlich nur der alte Lewy an der Thür zum Laden, Laskowski in der Mitte und der junge Lewy an der Thür zum dritten Zimmer. Der junge Lewy forderte den Zeugen auf, in dies dritte Zimmer zu treten, dessen Thür er nur ein wenig öffnete. Doch lassen wir Laskowski selbst reden. „Durch die Spalte sah ich, dass das dritte Zimmer dunkel war. Da war mir doch, als ob ich eins mit der Axt vor den Kopf kriegte, so ein unheimliches Gefühll packte mich. Ich kenne dunkle Zimmer ganz gut: es fällt doch immernoch ein Lichtstrahl hinein; aber dies war ganz finster. — Ich trat zurück und sagte: „Vorn bin ich hereingekommen, vorn will ich auch hinausgehen!" „Haben Sie Angst? Haben Sie Angst?" höhnte der alte Lewy. „Ich habe keine Angst: aDer ich will vorn hinauspeh'n!" sagte ich. In diesem Augenblicke trat ein Käufer in den Laden, und so kam ich davon. Schon vorher hatte der alte Lewy seine Frau in den Laden geschickt, angeblich um Kleingeld zu holen : ich sah aber ganz gut, dass sie sich um das Geld gar nicht kümmerte, sondern nur zum Ladenfenster hinausspähte." So weit, berichtete Laskowski vor dem Ruchbarwerden des Mordes. Nachher fiel ihm noch ein, dass der alte Lewy ihm Armmuskeln und Hüften betastet hatte, um zu sehen, ob er „gut im Stande* sei. Ferner, dass auf des Alten geflüsterte Frago, ob alles bereit sei, der Sohn in seiner Antwort von Fesseln, Leine und Mönchsseen gesprochen habe. Die Schädelstätte bei Könitz. Ueber neue Ruhestörungen anlässlich des Mordes wird dein Graudenzer „Gesell." aus Schlochau, 25. April, berichtet: Gestern abends kam es hier wieder zu Ausschreitungen gegen die Juden. Die Veranlassung dazu gab die Auffindung eines Menschenschädels in einem Graben hinter der Synagoge. An diesen zur Zeit noch unaufgeklärten Fund wurden die wunderbarsten Gerüchte geknüpft und zur Aufhetzung der Massen verbreitet. So soll ein vor zwei Jahren bei einem hiesigen jüdischen Kaufmann in Dienst stehendes Mädchen von seiner Herrschaft zur Aushilfe bei einer Hochzeit nach Könitz geschickt worden und seitdem spurlos verschwunden sein. Man vermuthet nun, dass das Mädchen ein gleiches Schicksal wie den unglücklichen Winter ereilt hat und glaubt in dem aufgefundenen Schädel einen Beweis für diese Annahme zu haben. Dass solche Gerüchte die Menge in Aufregung erhalten und Lärmscenen hervorrufen müssen, liegt auf der Hand. Man begnügte sich hier gestern nicht mehr mit Johlen und Hepp-Hepp-Rufen, sondern begann zu demolieren. Dem Kaufmann Baum, der allein von allen jüdischen Geschäftsleuten seinen Laden noch nach Eintritt der Dämmerung offen hatte, wurdte das Schaufenster eingeworfen, ausserdem einige Fenster in der Synagoge und in Privathäusern zertrümmeit. Der Menschenschädel, der in einer Kneipe zur Schau gestellt war, wurde von der Polizei beschlagnahmt. Es wird von anderer Seite behauptet, dass der Schädel aus Muthwillen von Arbeitern in einen alten Filzhut eingenäht und in die Nähe der Synagoge geschafft worden sei. Eine Versteigerung von eigenartigem Interesse fand in den jüngsten Tagen in Wien statt. Unter Leitung des Bücherschätzmeisters C. K u b a s t a gelangte nämlich vom 23. bis zum 29. v. M. die Bibliothek des verstorbenen Kaisers Dom Pedro von Brasilien zur Auction. In dieser versteigerten

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