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Die Welt · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1900-05-04
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 18 „Die j£ Welt^* Seite 7 Die Woche. Wien, ± Mai 1900. In Budapest stand dieser Tage eine des Kindesmonles angeklagte Jüdin vor den Geschworenen. Unter den Geschworenen befand, sich kein einziger Jude. Der Staatsanwalt hatte alle jüdischen Geschworenen zurückgewiesen. Man erzählt, der Staatsanwalt sei deshalb den jüdischen Geschworenen ein wenig abgeneigt, weil erst vor kurzem zwei des Kindesmord.es angeklagte Jüdinnen von den Geschworenen, unter denen vermuthlich Juden eine tonangebende Rolle gespielt, freigesprochen wurden. Es lag also die Befürchtung nahe, dass auch die dritte Jüdin straflos ausgehen könnte. Das Vorgehen des Budapester Staatsanwaltes ist eine Verbeugung vor dem sogenannten Solidaritätsgefühl der Juden. Mit diesem Solidaritätsgefühl hat es eine-eigene Bewandtnis. Von den Juden, die in der Oeffentiichkeit ihre Stimme hören lassen, wird gewöhnlich mit krampfhaftem Aufgebote aller Redekünste das Vorhandensein eines jüdischen Zusammengehörigkeitsbewusstseins in Abrede gestellt. Wenn in einem Vertretungskörper oder in irgendeinem Blatte jemand den Juden Solidaritätsempfinden „vorwirft", dann erhebt sich allsogleich schlagfertig ein jüdischer Wortführer und erklärt, dass das jüdisehe Gemeingefühl eine böswillige Fabel sei, dass die Angehörigen des jüdischen Volkes durch den denkbar lockersten Kitt zusammengehalten würden, und dass es jedem einzelnen Juden unendlich gleichgiltig sei, was die übrigen Juden der Erde thun und lassen. — Warum das Solidaritätsgefühl in der Regel geleugnet wird? Aus Angst! Die Juden wollen nicht Verdacht erregen. Auf der Gasse gehen sie am liebsten mit kühler, gleichgiltiger Miene aneinander vorüber, wie Wildfremde. Die armen Teufel wissen, dass man von ihnen die denkbar schlechteste Meinung hat, und sie wagen nicht, sich natürlich zu geben. Als stünden sie unter Polizeiaufsicht. Wenn eine Anzahl schlecht beleumdeter Leute sich irgendwo zusammenfindet, Solidaritätsanwandlungen zeigt, so ist gleich eine Anzahl Detectives hinter ihuen her: Bsolidarisch sein" heisst hier „conspirieren". Darum wollen die Uebelbeleumdeten einander unter den Linden nicht grüssen. Die Nervosität, mit der sich die Juden gegen den Vorwurf der Stammessolidarität zur Wehre setzen, ist ein guter Beweis für die gehässige Polizeinote, die den Juden von den Anderen ausgestellt wird. * * Hier offenbart sich wieder die unnatürliche Stellung der Juden. Die Zuneigung zu den Vettern und Magen, die im allgemeinen als Merkmal schöner Seelen gilt, wird den Juden als Frevel angerechnet, ihr Familiensinn gilt als überaus verdächtiges Symptom. Aber es ist ungeschickt von den Juden, dass sie ihr Solidaritätsgefühl nicht bei helllichtem Tage zu zeigen wagen. Jeder weiss, dass dieses Gefühl existiert, und ein Versteckenspiolen, das ja plump ausfallen muss, gibt nur den Klatschbasen, so da in Vertretungskörpern und judenfeindlichen Redactionsstuben sitzen, neue Nahrung. Und die Juden mögen ihr Solidaritätsgefühl nur ruhig bethätigen. Es ist die selbstverständliche Fechterparade gegen das judenfeindliche Solidaritätsgefühl der Anderen. Wir haben oft und oft gesehen, dass nichtjüdische Geschworene, ihren Gefühlen nachgebend, einen jüdischen Angeklagten sehr solidarisch verurtheilt haben. Man kann es daher jüdischen Volksrichtern keineswegs verübeln, wenn auch sie ihrerseits ihren Gefühlen nachgeben. — Der Staatsanwalt lehnt die jüdischen Geschworenen ab, weil sie eine Jüdin nicht verurtheilen wollen. Nun, es kommt auf eines heraus: wenn die jüdischen Geschworenen in solchen Fällen nur das Recht haben, ein Verdammungsurtheil abzugeben, so mögen sie sich geruhig ablehnen lassen. * * Das Judenmädchen Michalina Araten, das in irgend einem Kloster widerrechtlich verborgen gehalten wird, hat letzthin die Oeffentiichkeit wieder beschäftigt Beziehungsweise nicht beschäftigt. Unsere „freiheitlichen" Tagesblätter nehmen nämlich dieser Scandalgeschichte gegenüber eine erstaunlich reservierte Haltung ein. Sie haben die Tribüne, von der aus ein Ruf recht vernehmbar klingt, aber sie beschränken sich auf einige gelegentliche Notizenbrocken. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Bequemlichkeit wird es wohl nicht sein, die Herren Leitartikler, die täglich ihr Gehirn mit der Jagd nach „Stoffen" abquälen müssen, sind ja für gewöhnlich glücklich, wenn ihnen ein derartig ergiebiger Gegenstand in den Schoss fällt. Welche Tiraden über Gleichberechtigung und dergleichen lassen sich da anbringen! Aber die Leitartikler hüllen sich in ein ehrwürdiges Schweigen. Weil sie sich mit jüdischen Themen sehr ungern befassen. Sie fürchten sich vor dem schrecklichen Ruf „Judenblatt", der ihnen von irgend einer Seite zugeschleudert werden könnte. Möge gegen die heiligen und ewigen und unvergänglichen Principien der Freiheit und der Menschenrechte gesündigt werden; wenn nur nicht jener fatale Ruf provociert wird! Und dann haben die Blätter ausserdem die unbestimmte Besorgnis, es könnte aus einer regen Discussion der Angelegenheit irgend ein Malheur für die Juden erwachsen. Ein vorläufig noch unbekanntes Malheur. Unsere ,judenfreundlichena Blätter kommen bei derartigen Anlässen immer in peinliche Verlegenheit: Einem Juden ist ein Unrecht geschehen? Das ist ungemein bedauerlich, aber der Verletzte soll nur um Himmelswillen seiner Wehleidigkeit nicht allzu lauten Ausdruck geben. Die Sache vertuschen! In der Oeffentiichkeit soll so wenig als möglich über jüdische Angelegenheiten discutiert werden. Das Judenthum soll nicht ins Gerede der Leute kommen, die Discussionenüber die Judenheitnehmen für letztere immer einen sehr ungünstigen Verlauf, man soll den bösen Mäulern keinen Anlass. geben, die Juden zu begeifern. Die judenf'reundlichen Blätter wollen also gewissermassen aus mütterlichem Wohlwollen fürs Judenthum keine öffentliche Judendebatte heraufbeschwören. Wie die Mutter, die um den Ruf ihrer Tochter besorgt ist. Die Tochter wird von körperlichen l'ebeln heimgesucht, aber die gute Mutter hält die argen Leiden vor aller Welt strengstens geheim, auf dass das liebe Kind nicht ins Gerede der Leute komme. Das Kind fährt sehr schlimm dabei. * * * Es handelt sich ja im Fall Araten nicht gerade darum, ob ein einzelnes Judenmädchen dem Judenthume verloren gellt und für die Kirche gewonnen wird. Das Judenthum wird die Michalina Araten verschmerzen. Die Sache hat eine principielle Bedeutung. Man darf gewaltsam vom Stamme des Judenthums einzelne Reiser abkappen, der Stamm muss sichs gefallen lassen, es findet sich keine schützende Hand. Den Klöstern, die das Mädchen unter keiner Bedingung herausgeben wollen, handelt sich's ja auch nicht um das einzelne Schäfchen. Sie denken vielleicht sogar recht verächtlich über den Fang, den sie da gemacht, über den galizischen Judensprössling. Nein, es ist eine Kraftprobe. Die Kirche zeigt, dass sie ehern stark dasteht. Ein Zusammenstoss zwischen Kirche und Synagoge. Die immerdar schwächliche Synagoge zieht sich natürlich mit einer beträchtlichen Schlappe aus der AfTaire. Erwin Rosenberger. Neues aus Palästina. (Teppich fabrication in Palästina.) Von einer ad hoc tagenden Commission erschien vor einigen Tagen ein umfangreiches Elaborat, welches die Teppichfabrication Palästinas . — sie hat ihren Sitz in Cäsarea und den umliegenden Ortschaften — in bestimmte,

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