Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Article
- Die Religion im Golus
- Date
- 1900-05-04
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315870-3368987--19444-3369089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Die & Welt- Nr. 18 volution einer erhabenen Idee das Licht der Welt schenkte, einer Idee, die sich leider als Frühgeburt erwies, damals, als die Menschenrechte proclamirt wurden, öffneten sich auch für einen Theil Judas die Ghettothore. Und was da ans helle Tageslicht der Freiheit hervorströmte, war ein Culturvolk, ein Volk, dessen Kräfte entwickelt waren, wenn auch in einseitiger Weise. Aber jetzt, da die Fesseln gesprengt waren, erfolgte eine harmonische Entfaltung, der gesammte Culturcomplex der neueröffneten Welt wurde vom Judenthum mit' verblüffender Raschheit aufgenommen und verdaut. Und da finden wir wieder unsere frühere Beobachtungbestätigt: nicht die Religion hat das Volksthum erhalten, sondern das Volksthum die Religion. Die nationale Beschränkung ist gefallen, dadurch hat die Religion ihre Basis verloren. Aus der jüdischen Religion ist die mosaische Confession geworden, die sich ihres Zusammenhanges mit dem Judenthum schämt und, da sie ihn nicht wegleugnen kann, gern auf das geringste Mass beschränken möchte. Die Lage der Juden Galiziens. Von N. Blickstein. Wenn auch die Lage der Juden Galiziens in der letzten Zeit mehrmals besprochen worden ist, so wurde dieselbe doch nur im allgemeinen und ganz obenhin behandelt. Ein wahres, den Verhältnissen vollkommen entsprechendes Bild des Elends wurde noch nicht gegeben. Um ein solches zu erhalten, betrachte man nur aufmerksam die erstbeste jüdische Gemeinde in Galizien. Im Folgenden will ich von den Zuständen in der Gemeinde P e c z e n i z y n, in deren Mitte ich mich 3V2 Jahre aufhielt, ein treues Spiegelbild geben. Diese Gemeinde zählt nahezu 450 jüdische Familien und ist, obgleich Sitz einer Bezirkshauptmannschaft, von jedem geschäftlichen Verkehre mit der Aussenwelt abgeschlossen. Mit Ausnahme von circa zehn bis zwölf Personen, die man als wohlhabend bezeichnen kann, befinden sich die 450 jüdischen Familien des Städtchens in grösster Armut. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Schankgevverbe und dem Handwerke. Viele von ihnen, nahezu 25%, haben keinen bestimmten Erwerb. Der Haupthandel, der noch vor kurzer Zeit die Hauptbeschäftigung des grössten Theiles der Einwohner bildete — diese bezogen nämlich das Holz vom Aerar zu einein massigen Preise und setzten dasselbe in Kolomea mit einem kleineren oder grösseren Gewinne ab — liegt nun ganz in den Händen des Grosscapitals. Ein Director der Bukowinaer Hypothekenbank brachte nämlich den ganzen Holzbestand des Aerars käuflich an sich, so dass die Holzhändler des Städtchens, die nunmehr Zwischenhändler geworden sind, sich genöthigt sehen, das Holz en gros zu hohen Preisen abzukaufen, um es sodann centnerweise in Kolomea mit einem sehr' geringen Verdienste wieder zu verkaufen. Ein solcher Zwischenhändler kann täglich höchstens zwei Klafter Holz absetzen, wobei er nach Abzug der Fracht höchstens einen Gulden verdient. Rechnen wir noch von diesem Verdienste die mannigfachen Steuern und sonstigen Spesen ab, so bleibt ihm kaum ein Nettoverdienst von 60 bis 65 Kreuzern. Und davon muss er seine Familie ernähren . . . Ungefähr 30% der jüdischen Einwohner beschäftigen sich mit dem Ausschänke von geistigen Getränken. Wie einträglich dieser Erwerb ist, lässt sich leicht berechnen. Ein Schankwirt mit Durchschnitt sumsatz verschleisst wöchentlich 10—15 Liter Brantwein, wobei er an jedem Liter circa 20 Kreuzer verdient. Das entspricht einem wöchentlichen Verdienste von zwei bis drei Gulden. Rechnen wir hiervon noch 80 Kreuzer als wöchentliche Rate der jährlich zu zahlenden 40 Gulden an Schanksteuern ab, so verdient ein Schankwirt im Durchschnitte wöchentlich 1.20—2.20 £L Auch den Handwerkern, deren Zahl verhältnismässig sehr gross ist, geht es nicht viel besser. Die Concurrenz ist sehr gross, die Nachfrage nur schwach, was zur Folge hat, dass oft ganze* Wochen vergehen, ohne dem Handwerker Arbeit gebracht zu haben. Wie gross das Elend der Handwerker ist, beweist auch die stetige Zunahme der Auswanderungsbewegung unter ihnen. So sind z. B. bloss in den letzten zwei Jahren über 35 Handwerker nach Amerika ausgewandert und haben Weib und Kind in grösstem Elende zurückgelassen. Unter den am Eingänge erwähnten Erwerbs- und Beschäftigungslosen habe ich die Classe der sogenannten „Luftmenschen" gemeint, die keinen bestimmten und dauernden Erwerb haben, und die abwechselnd Taglöhner-, Träger- und alle möglichen Dienste verrichten. So sieht man schon bei Tagesanbruch in Lumpen gehüllte Gestalten mit bleichen, eingefallenen Gesichtern zu Dutzenden die Strassen bevölkern und nach Arbeit auslugen. Freilich meistens ohne Erfolg. Abends versammeln sie sich in und vor dem Propinations-Locale (in den kleinen Städtchen Galiziens ist das Propinations- Local der Versammlungsort dieser Leute), um ihr Tagewerk zu besprechen. Ich mischte mich einst unter sie und hatte die Gelegenheit, ihre Gespräche zu belauschen. So hörte ich einen von ihnen, der einige kleine Münzen triumphierend sein eigen nannte, zu seinem Nachbar sagen: „ Sjeh nur, Gerson, heute hatte ich gar keinen schlechten Tag; ich habe heute 45 Kreuzer verdient! Und Du, Kopel?" — „Ich habe bloss 25 Kreuzer verdient," antwortete jener etwas verlegen. — Einen dritten hörte ich zu seinem Nachbar sagen: „Hör' nur, Meier, den ganzen Tag habe ich heute im Schweisse meines Angesichtes bei N . . . gearbeitet; weisst Du auch was er mir hierfür zahlte? Ganze 30 Kreuzer!" — „Sündige nur nicht, Schmaje, ich habe heute nicht einmal so viel verdient," antwortete jener mit einem tiefen Seufzer. Und solche Gespräche könnte ich zu Dutzenden aufzählen. Und da wagen Antisemiten, jüdische und nichtjüdische, die Behauptung aufzustellen, diese Leute hungerten bloss deshalb, weil sie Faulenzer sind und schwere Arbeiten scheuen. Ich hatte Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, dass diese Leute die erdenklich schwerste Arbeit verrichten würden, wenn sie sie nur fänden. Und auch dort, wo Arbeit vorhanden ist, will man sie ihnen erst recht nicht geben, aus keinem anderen Grunde als deshalb, weil sie Juden sind. So sind z. B. in der hiesigen Petroleum-Raffinerie unter 300 Arbeitern bloss 3, sage drei, Juden beschäftigt, trotz des Umstandes, dass einer der Fabriksbesitzer Jude ist. . . Aber nicht bloss die materielle Lage dieser Juden, auch ihre geistige Lage ist die denkbar schlechteste. Da nur die wenigsten unter ihnen über die Mittel verfügen, ihren Kindern eine regelrechte Erziehung zu geben, und es hier an einer öffentlichen Schule mangelt, bleibt die grosse Mehrzahl des jungen Nachwuchses ganz roh und ungebildet; er ist kaum imstande, die heilige Schrift und die alltäglichen Gebete zu lesen. Ein solches Bild des Elends und Jammers findet man in jeder jüdisch-galizischen Gemeinde in kleinerem oder grösserem Massstabe, so dass die Mehrzahl der jüdischen Einwohner zur Auswanderung in fremde Welttheile — vorausgesetzt, dass sie dort ein ganz wenig besseres Los erwartet — reif und bereit ist.