Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Article
- Die Macht des Vorurtheils
- Date
- 1900-05-04
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die j$ Welt« Seite 3 Geschäftsleuten und Banquiers erhalten. Diese Liehe der Juden zu Kant wurzelte darin, dass der Philosoph ihnen einen Satz so ganz aus der Seele gesprochen hatte — den von der Heiligkeit der Pflicht, aus welchem sie der Hauch Mosis und der Propheten anwehte. Es ist bekanntlich der Fluch der bösen That, dass sie fortzeugend Böses muss gebären. Kant ist für sein Vorurtheil gegen die Juden genügend dadurch gestraft, dass ein berüchtigter katholischer Geistlicher, der k. k. Professor an der theologischen Facultät der Prager Universität, Canonicus August Rohling, ihn zu seinen Gunsten citiert hat. Dieser öffentlich des Meineides und grober Fälschungen angeklagte Mann hat sich in seinem Buche „Der Talmudjude" mit Unrecht eine Entdeckung angemasst, denn der Talmud war zu allen Zeiten ein offenes Geheimnis — offen für jeden, der hineinblicken wollte, und ein Geheimnis für jeden, der sich dieser Mühe nicht unterziehen wollte. Heutzutage ist der Talmud noch weniger ein Geheimnis als ehemals. Es gibt nicht nur auch heute an den deutsehen Hochschulen Professoren der Theologie oder der semitischen Sprachen, welche den Talmud im Original lesen und lehren, grammatisch und historisch interpretieren, sondern es gibt auch gute deutsche Uebersetzungen desselben. Aus denselben geht mit krystallener Klarheit hervor, dass der Talmud einer Wiese gleicht, auf welcher duftige Blumen in Hülle und Fülle spriessen. Wenn im Talmud steht: „Was Du nicht willst, dass man Dir thue, das thue auch Deinem Nächsten nicht", haben die Christen das nicht mit ihm gemein? Dasselbe gilt von dem Talmud- Tractat über das Buch Esther (10 b). Ein berühmter Rabbi lässt sich hier vernehmen: „Gott freut sich nicht über den Untergang der Bösen. Als Moses und die Kinder Israels das Lied über den Durchzug durch das rothe Meer und den Untergang der Aegypter anstimmten, da wollten auch die Engel in diesen Gesang einfallen; indessen wehrte ihnen Gott mit den Worten: Meiner Hände Werk ist im Meere versunken, und Ihr wollet darum singen?" Der Rabbi meinte also, dass jeder Siegesjubel, so natürlich und gerechtfertigt er auch vor den Menschen erscheinen mag, doch vor einem höheren Richterstuhle nur missfallen könne. Im Tractat Baba kama (p. 92) begegnen wir dem Ausspruche, dass es dem Juden nicht erlaubt ist, gegen den Aegypter ein abfälliges Urtheil zu hegen, und er führt dafür das Sprichwort an: In den Brunnen, aus dem Du getrunken, darfst Du keinen Stein werfen. Es gibt im Talmud, kurz gesagt, ausgezeichnete Maximen, kostbare Perlen von der Art jener, welche Jesus zu den seinen machte. Er ist von der Milde, Sanftmuth und Menschlichkeit beseelt, welche das Christenthum zu einer idealen Trostlehre der Gedrückten, Mühseligen und Beladenen erhob, aus der es seit mehr als achtzehn Jahrhunderten seine besten Kräfte geschöpft hat. Die läuternde Schule des eigenen Unglückes war es, welche die Juden gerecht und weich, zart und liebevoll gegen andere stimmte. Es ist zeitgemäss, hier daran zu erinnern, dass, als im Jahre 1S67 der französische Unterrichtsminister D u r u y in einer Rede die christliche Moral, wie sie in der Bergpredigt niedergelegt ist, die am höchsten stehende nannte, H y p o 1 i t e Rodrigues in einem Buche „Der Ursprung der Bergpredigt" neben die einzelnen Sätze derselben die entsprechenden Stellen aus dem Alten Testamente und dem Talmud setzte und so darthat, dass die jüdische Sittenlehre augenfällig die nämliche sei, die christliche mithin keinen Anspruch auf Originalität habe. Allerdings finden sich neben den herrlichen Sprüchen auch vereinzelte Sätze, welche wohl unser Missfallen erregen, aber als Erzeugnisse einer verbitterten Stimmung erklärlich und nur zu begreiflich sind. Mein Gott, die Juden sind ja auch Menschen, Wesen aus Fleisch und Blut; man kann daher nicht verlangen, dass sie die schrecklichsten, haarsträubendsten, blindwüthigsten und grausamsten Verfolgungen stets gelassen hinnehmen, auf sie gar nicht reagieren. Nicht unzutreffend lässt sich Martin Luther in seiner gewaltig derben Redeweise also vernehmen: „Denn unsere Narren, — die groben Eselsköpfe, haben bisher also mit den Juden gefahren, dass, wer ein guter Christ wäre gewesen, hätte wohl mocht ein Jude werden. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen; haben nichts mehr kunnt thun denn sie schelten, und ihr Gut nehmen, wenn man sie getauft hat, kein christlich Lehre noch Leben hat man ihnen beweiset... Aber nun wir sie nur mit Gewalt treiben und gehen mit Lügentheidingen umb, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblut haben, dass sie nicht stinken und weiss nicht, wess des Narrenwerks mehr ist, dass man sie gleich für die Hunden hält; was sollten wir guts an ihnen schaffen? Item, dass man ihnen verbeut unter uns zu arbeiten, handthieren, und andere menschliche Gemeinschaft zu haben." Gefällt sich nun jemand darin, gerade die vereinzelten Sätze aufzusuchen und zu sammeln, welche ihren Urhebern der Unwille über die ihnen widerfahrene Verletzung und Unterdrückung abgepresst hat, so ist füglich nichts dagegen einzuwenden, denn dies, ist Geschmackssache. Habeat sibi! Nur die Meinung,, mit ihnen in das Wesen des Judenthums hinein-, zuleuchten, durch sie den Charakter desselben zu enthüllen, ist ein thörichtes Vorurtheil. Ivri...; Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter.*) Wie hinfällig die Anschauung ist, dass das Judenthum. Resignation, Verzicht auf weltliche Lust, Abtödtung des. Fleisches verlange, geht schon daraus hervor, dass die Juden sogar im grauenhaften Mittelalter, in welchem das Damoklesschwert stets über ihnen schwebte, sich dem Lebensgenüsse, nicht verschlossen. Das „Tanzhaus", welches vorzüglich Hochzeitsfesten eingeräumt wurde, vereinigte oft die Jugend zum Tanze, wobei die möglichste Pracht entfaltet wurde. Hier durften die jüdischen Damen ohne den mit zwei blauen Streifen kennbar gemachten Schleier erscheinen, und die Herren ohne das Radzeichen am Gewände und den hornartig gekrümmten oder trichterartig geformten Hut auf dem Haupte. In einer Sammlung von Volksr und Gesellschaftsliedern in jiuüsch-deutscher Schrift, die etwa in dem Jahre 15«)ö —160:>. in Worms entstanden ist, findet sich folgendes Tanzlied : Jungfraulein, wollt ir nicht mit mir ein tentzlein thun; ich bitt, ir wollt mirs nit vor übel hon, fröhlich muss ich sein, dieweilen ich es hab und kann. Ein zarter junger leib hat mich in lieb verwunt, auch euer euglein klar, darzu euer roter mund; schliesst euer arme ein, feins lieb, wol in die mein, so wird mein Herz gesund. Nun tanzen wir den lieblichen Reien und wollen (mit) einander frisch frölich sein, weil es geschieht und in eren allein. *) Nach gedruckten und ungedruckten Quellen von A. Berliner, Berlin, M. Poppelauer, 1900. 8°.