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Die Welt · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Article
Zdokoh tacil mimowes
Date
1900-04-27
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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SHU- Ii „Die x> Welt* Ni. 17 Das war der Traum seines Lebens, dtr Leitstern, dem er folgte ohne Ruh' und Rast. Genügt der treue, grosse Wille nicht, um dem Tode des Vergessenseins zu entgehen? — Um ewig iin Schosse der Heimat zu bleiben, das heisst in der Erinnung der Brüder, die in das Vaterland zurückgekehrt? Liegt im Erfolge nur Verdienst? . . . Eine unendliche Traurigkeit erfasste die Seele des Kranken, bedrückte seine wunde Brust. Ihm däuchte, er stürze in einen bodenlosen Abgrund, immer tiefer . . . tiefer ... Er wollte rufen, doch die Angst raubte ihm den Athem. Da — auf einmal stützen ihn lichte Ar me sanft und doch stark, und sein Ohr erfasst wie göttliche Musik die tröstenden Worte: „Zdakah tacil xnimaweth . . . In dem Gemache, wo Sonnenschein und Blumen du ft ein todmüdes Haupt umspielten, ertönte bald schmerzliches Weinen und Wehklagen. Die Menschen aber da draussen sagten an jenem Tage : „Perez Smolensky ist nicht mehr." „Familie Wawroch". Herr Franz Adamus, hinter dem sich ein mährischer (lymnasial-Professor verbirgt — wenn dieser Ausdruck bei einem Manne am Platze ist, der so oft als nur möglich vor den Rampen erscheint — macht durch sein Volksstück ..Familie Wawroch" viel von sich reden. Wir wollen an dieser Stelle selbstverständlich nicht •He Discussionen über den literarischen Wert oder Unwert dieses Volksstückes bereichern. Lassen wir es dahingestellt sein, ob Herr Adamus, wie seine Lobreder behaupten, ein Meisterwerk geschaffen oder, wie seine erbittertsten Kritiker meinen, den glänzendsten dramatischen Nichtbefähigungsn achweis erbracht habe. Wir möchten nämlich hier von der christlichen „Familie Wawroch" nur nebenbei sprechen und uns dafür eingehend mit der Familie — Schmelletz beschäftigen, welche in diesem Volksstücke eine vielleicht weniger beachtete, aber nicht minder beachtenswerte Rolle spielt. Es verlohnt sich wohl, einen Augenblick bei der Frage zu verharren: Wie verhält sich der Autor eines ausgesprochen politischen Kampf- und Tendenzstückes zu den Juden, wie stellt er diese im Vergleiche zw den N«chtjuden dar. Die Familien Wawroch und Schmelletz beherrschen das vieractige Volksstück, sie prägen ihm den Charakter auf, ihre Leidenschaften und Wünsche, ihre Vorzüge und Fehler sind die treibenden Kräfte des Stückes. Man wird kaum sagen können, dass die Wawrochs als eine besondere Ehren- und Musterfamilie vorgeführt, werden. Das Oberhaupt der Familie ist ein gänzlich verkommenes Subject: sein Sohn, der ihm gegenübergestellt wird, schwankt fort und fort zwischen guten und verworfenen, zwischen edlen und egoistischen Neigungen, aber er ist bereit, sein Leben für seine Ueberzeugungen zu opfern. Die Mutter Wawroch ist eine beschränkte aber ehrenhafte Frau, die mit ihrem Martyrium beinahe sympathisch erscheint; die junge verführte Tochter verräth trotz Leichtsinn und Leichtgläubigkeit einen sittlichen Kern, der sie davor bewahren wird, eine Verlorene zu werden. Gewiss sind es recht traurige Familienverhältnisse, in die wir hier Einblick gewinnen, aber Licht- und Schattenseiten sind gerecht vertheilt. Wie sehen dagegen die Juden in diesem Stücke aus? Franz Adamus führt uns ausschliesslich die directen Abkömmlinge Shylocks vor, nur dass sie noch erbärmlicher, noch grausamer erscheinen. Dieses Volksstück begnügt sich nicht damit, den Brantweinschenker, dessen Schnaps — mag er von jüdischen oder arischen Händen eredenzt werden —- sicherlich ein Feind des arbeitenden Volkes ist, als eine unsympathische, verderbliche Erscheinung zu zeigen. Als ob Adamus dem Einwände vorbeugen wollte, dass der jüdische Brantweinschenker schon darum zur typischen Erscheinung werden durfte, weil der Jude jedenfalls eher Brantweinschenker als — Gymnasialprofessor werden kann, stattet er den Juden Schmelletz mit allen jenen Eigenschaften aus, welche die Judenfeinde — seitdem Shakespeare den Shylock auf die Bühne gebracht hat — allen Juden verleihen. Der Jude Schmelletz ist also nicht bloss habsüchtig und geizig, er ist auch eine hartherzige, grausame Creatur, die ungerührt Menschen verderben lässt, ohne ihnen ein Stückchen Brot zu reichen. Damit nun aber die Herzlosigkeit der Juden gegenüber den sammt ihren kleinen Kindern darbenden und hungernden Weibern noch greller an den Tag trete, werden wir zu Zeugen der Zärtlichkeit gemacht, mit der er für das Wohl seiner Gattin und seiner Kinder sorgt. Das ist der berühmte, auch von den Judenfeinden stets anerkannte Familiensinn der Juden, jene Tugend, die durch den Contrast selbst wieder beinahe zum Laster wird. Franz Adamus hat auch dafür gesorgt, dass man in dem Juden nicht etwa bloss einen Juden erblicke; er muss wohl als der Typus der Juden überhaupt gelten, denn der Glaubens-, Stammes- und Geschäftsgenosse des Schmelletz vertritt, als er auf die Bühne kommt, die gleichen geschäftlichen und menschlichen Principien, und da er mit dem Gange des Dramas sonst gar nichts zu thun hat, geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass ihm von Herrn Adamus nur die Mission zutheil ward, der Welt zu verkünden : Sehet, ich denke, fühle und handle genau so, wie mein Glaubens-, Stammes- und Geschäftsgenosse. Auch ich bin ein directer Abkömmling Shylocks, auch ich bin grausam und unerbittlich gegenüber den Leiden und Schmerzen der — Christen. Wir wollen mit Herrn Franz Adamus nicht rechten, wir wollen ihm nicht beweisen, dass die jüdischen Gestalten, denen er Geist und Leben eingehaucht, unwahre Zerrbilder, Caricaturen des Juden sind. Wir wollen ihm auch nicht erzählen, dass auch die jüdischen Brantweinschenker — deren volksschädliche Thätigkeit in erster Reihe nicht zu Anklagen gegen die Juden, sondern gegen jene führen muss, die die Erwerbsgebiete der Juden so grausam eng gezogen — den Hunger nicht vom confessionellen Standpunkte aus beurtheilten. Wir möchten dem Herrn Gymnasialprofessor Franz Adamus, der die Juden offenbar alle im Ebenbilde Shylocks geschaffen sieht, lieber eine kleine Geschichte erzählen. Wissen Sie, Herr Franz Adamus, wer in Wahrheit der Held der Geschichte war, die Shakespeare in seinem „Kaufmann von Venedig" vorschwebte? Lesen Sie den Historiker Gregorio Leti, den Verfasser des „Leben Sixti V.", und Sie werden dort die Erzählung von dem Christen Paula Maria Sec'chi in Rom finden, welcher auf Grund einer gewonnenen Wette unerschütterlich darauf beharrte, dem — Juden Simon Ceneda ein Pfund Fleisch aus dem Leibe zu schneiden. Es ist das nicht der erste Fall, dass die Juden die Fehler anderer büssen' müssen. Shakespeare, der die Juden selbst nicht kannte, der nur grausliche Märchen über sie gehört, hat vielleicht mit dichterischer Freiheit die Geschichte sich umgekehrt zurechtgelegt um für die Grausamkeit der Juden die psychologische Erklärung zu finden, dieser wolle sich tür die erlittene Verachtung rächen. Wenn Herr Franz Adamus in dem Juden stets den Shylock und in Shylock nur den Juden zu erkennen vermag, dann hat ihn auch nur eine — poetica licentia geleitet. Die Wahrheit ist: Shylock war kein Jude, und wahr ist es ferner: auch der Brantweinschenker Schmelletz handelt nicht, als Jude. Felix Hauser.

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