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Die Welt · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Article
[Ohne Titel] / Abeles, Otto
Date
1900-04-27
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr- 17 „Die jQi Welt" Seil«- 13 Unseren Müttern. Legt Eure milde Hand uns um die heissen Stirnen! Wir lehnen sanft das müde Haupt an Eure treue Brust Und heften stolz den Blick ans dunkle Mutterauge . . . Dann naht der langentbehrte Friede,, still und unbewusst. Und sieh! Dieweil an Euren Herzen wir genesen. Hat sich der Elfen lichte Schar uns zugesellt. Die bauen einen Zauberwall aus feuchten Mutterblicken. An dem der wildentfachte Hass der Feinde jäh zerschellt. Brünn. Otto Abele s. Zdokoh tacil mimowes. Von Rosa Pomeranz. Man zählte das Jahr 18S5. Es hatte mit grimmiger Kälte begonnen. Ganz Mitteleuropa war in Schnee versunken, erstarrt unter dem Hauche eisiger Nordwinde. Ein winziger Punkt nur, ein gesegnetes grünes Fleckchen Erde athmete wohlige Wärme, wiederhallte von Vogelsang und Quellenrauschen — als ob alle guten Geister des Lebens und Frühlings den bösen Dämonen zum Trotze hier eine Oase geschaffen hätten. Stolze Berge umgaben sie schirmend, und die Sonne sandte ihre schönsten Strahlen — die sie der weiten Fläche entzog — in dieses herrliche Buen retiro. Kein Wunder, dass der Kranke, der hier Schutz gesucht vor dem Winter bei den guten Mächten des Lichtes und der Wärme, von seinem Krankenstuhle mit stillem Entzücken das liebliche Bild der ihn umgebenden Natur in sich aufnahm, dass seine schmerzende Brust sich freier hob und senkte, unter dem Wehen der balsamischen Lüfte. Er war krank, sehr krank! Hatten es die böse Kälte und die heftigen Stürme des Nordens über ihn gebracht? Sein Auge — bald in die Ferne schweifend, bald in tiet's Sinnen versunken verkündete beredt, dass der Mann zu denen zählt, die nur in Licht und Luft, mit freien, vollen Athemzügen leben können und wollen. „Der wievielte ist wohl heute?" fragte er plötzlich mit der den Schwindsüchtigen eigenen, schwachen Stimme. „Der zweite Februar", erwiderte die junge Frau, indem ihr Blick mit namenloser Trauer die abgezehrte, in sich zusammengesunkene Gestalt umfasste. Die Schwingen des Todes umschatteten schier sichtbar das müd gesenkte Haupt, der Geist schien bereits jenen Regionen zuzustreben, aus denen es keine Rückkehr mehr gibt. Ahnte der Kranke sein nahes Ende? Vielleicht! Wenn Ahnung heisst, was Wünsche und Erinnerungen so wundersam verwebt, dass man Vergangenheit und Zukunft inemanderfliessen fühlt. „Der zweite Februar" — flüsterte der Kranke mit leisem Lächeln und wandte den Kopf so, dass ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster glitt, sein Gesicht in goldige Fluten tauchte. Die milde Wärme labte ihn, vor dem Glänze schloss er leicht die Augen. „Februar" — dachte er — „wie warm und duftend ist es jetzt hier, in dem schönen Meran. Glücklich, wer hier geboren wurde, lebte und starb." Dort, wo seine Wiege stand, wo seine ersten Worte schallten, dort bot Natur ein anderes Bild im Februar. Er sah in diesem Momente vor sich den elenden Flecken, er sah ihn mit fast greifbarer Deutlichkeit. Im Schnee vergraben, bei leisestem Thauwetter ein einziger Morast, schmutzig, arm und traurig — und dennoch ihm lieb und wert — nicht seinem Herzen, doch seiner Erinnerung. Dort lebte sein frommer, gelehrter Vater, seine Mutter, die arbeitsame, energische Frau voll Witz und Verstand. „Die Menschen behaupten" — spann der Kranke seine Gedanken weiter — „die Menschen behaupten, ich hätte von ihr Willenskraft und Geistesschärfe geerbt. O. nicht nur Schärte des Geistes, auch Wärme des Herzens, Glaube und Liebe für alles, was unser war, was heilig uns und unvergessen — wenn auch verloren ist." Plötzlich, in seltsamer Ideen-Association, stand vor seiner Erinnerung ein Ereignis aus seiner Kindheit: Im Städtchen war Rabbi Jecheskiel gestorben, ein gottesfürchtiger Mann voller Tugenden und Verdienste, eine Leuchte der heiligen Thora, der Lehrer und Berather seiner Gemeinde. Man bettete ihn zur ewigen Ruhe auf dem „Beth olom." Tags darauf herrschte grosse Aufregung unter den Juden des Städtchens. Man fragte einander flüsternd und scheu: „Wisst Ihr schon? Habt Ihr schon gehört?" In der Nacht nämlich, die auf das Begräbnis des Rabbi folgte, hatten Talmudjünger, die lange nach Mitternacht noch beim Studium im Beth-Hamidrosch sassen. von aussenher deutlich die geheimnisvollen Worte vernommen: „Zdokohtacil mimowes, wir tragen Rabbi Jecheskiel ben Ari nach Erez Israel." Auf ihn, den kleinen Jungen, machte dieses Ereignis den tiefsten Eindruck. „Ist das auch wirklich möglich?" wandte er sich damals mit zagendem Tone an seinen frommen Vater. „Nicht nur möglich, sondern gewiss, mein Kind, ganz gewiss und wahr" — erwiderte der gläubige Mann mit grossem Nachdruck. „Wisse, mein Sohn," fuhr er belehrend fort, „wisse, dass die Gerechten und Getreuen nach dem Tode von Engeln aus fremder Erde gehoben und ihre Gebeine im heiligen Mutterschosse der Heimat, in Erez Israel bestattet werden. Gering und immer geringer ist ihre Zahl." fuhr er seufzend fort, „denn die Welt ist schlecht und sündhaft und unser Rabbi war vielleicht gar der letzte, den sie hinübertrugen," schloss er traurig . . . Sonderbar! Wie hatten sich jene Worte des Vatei-s seinem Gedächtnisse eingeprägt! Er dachte eigentlich in all dei Zeit nicht an sie, hatte nie die rührende, tief bedeutungsvolle Volkssage erwähnt, und dennoch stand jetzt das ganze Vorkommnis so lebhaft vor seiner Seele. „Zdokoh tacil mimowes — Rabbi Jecheskiel ruht in Erez Israel," wiederholte der Kranke in Gedanken. „Das ist ein schöner Lohn." „Monasterzyna, wo ich geboren ward, wo meine Kindheit schwand, bleibt in meiner Erinnerung," dachte er weiter, „doch mein Herz, meine Liebe gehört dem Lande unserer Väter, dem heiligen Lande, meinem Lande, dem Lande meines Volkes, wohin die Sonne, wie hier, ihre herrlichsten Strahlen sendet, wo der Himmel reiner, wo die Lüfte weicher, die Blumen duftender, die Frucht süsser ist. Wo der Geist Gottes herniederstieg und den Menschen Glauben und Weisheit brachte." Ja, seine Liebe gehört der Heimat, und weil zu leben und zu wirken dort ihm nicht beschieden ist, ach, wie möchte er zumindest dort ruhen, in stiller, kühler Gruft. Doch — reicht die Liebe aus?! . . . Zdaka! . . . Wohlthun rettet vom Tode, d. h. vor der Vergessenheit. Hatte er Gutes gethan? Soviel Gutes, um eine ewige Ruhestätte in heimatlicher Erde zu verdienen r Ach, er weiss nur, dass er das, wass er vollbracht, als gut erkannt, dass er es mit Selbstverleugnung geübt hatte, ohne Rücksicht auf persönlichen Vortheil, ja gegen sein Interesse. „Vorwärts" strebte er, über dornige Pfade, einem hehren, wenn auch fernen Ziele entgegen, dem er alles, auch sein junges Leben, zum Opfer brachte. „Zdakah tacil mimaweth" — „thue Gutes, thue viel Gutes — und Du wirst dem Tode entgehen!" Nun wohl, sein Sinn war ja darauf gerichtet, allen Gutes zu thun, einem ganzen Volke! Ach, er wollte es, er hatte es ersonnen — doch nicht vollbracht. Zuviel der scharfen Pfeile, zuviel der Sorgen und Enttäuschungen hatten sein grosses Streben gehemmt. Seine Kraft wurde gebrochen. Die Morgenröthe hatte er wohl verkündet, doch wird sein Blick den Sonnenaufgang nicht mehr sehen.

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