Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Article
- Anatolische Landwirtschaft [Rezension]
- Date
- 1900-04-27
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315869-3368815--19376-3368918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite ,Die Q Welt- Nr. 17 - führungen gelangt, und die, wie er meint, sich mit den Ansichten decken, die erst unlängst Dr. von Siemens, der Director der Deutschen Bank vor der Deutschen Colonial- G«»Seilschaft zum Ausdruck gebracht hat. Sowohl einzelnen Leuten, als auch Gruppen sei unter allen Umständen abzurathen, ihr Glück mit der Colonisation in Kleinasien zu versuchen. Dagegen dürfte eine Einwanderung im grossen Stile und in richtiger Weise von einer Finanzgruppe unter Heranziehung tüchtiger Fachleute von Erfolg gekrönt werden. Dazu aber bedarf es in erster Linie der Beihilfe und der Zustimmung des Sultans. Einmal muss mit der durchwegs muselmanischen Bevölkerung Kleinasiens, den Plänen der türkischen Regierung und dann auch mit dem Sultan als Grossgrundbesitzer gerechnet werden, zu dessen Civilliste enorme Landstrecken gehören. B. Oie Geschichte des Judenthums von dem babylonischen Exile bis auf die Gegenwart Ein Familienbuch. Von Dr. Ignaz Ziegler. Rabbiner in Karlsbad. Prag und Breslau. Jacob R. ßrandeis. 1900. Gr. 8°. 244 S. Dieses vorzügliche Buch ist bestimmt, und wie wir mit Genugthuung feststellen können, auch sehr wohl g eeignet. eine Lücke in dem jüdischen Schriftthum auszufüllen. An einem durchaus volksthümlichen, zur häuslichen Leetüre geeigneten, dabei die neuesten Forschungen berücksichtigenden und seiner Tendenz nach echt nationalen jüdischen Gsschichtsbuche hat es bisher gefehlt, obgleich gerade in den letzten Jahren zahlreiche Versuche nach dieser Richtung hin unternommen wurden. Die Ziegler'sche jüdische Geschichte ist nun ein solches Buch, wie wir es schon lange ersehnt haben. Bei aller Präcision und Akribie frei von ermüdendem und nebensächlichem gelehrten Kram, stilistisch leichtflüssig und in der Gliederung des Stoffes musterhaft, präsentiert sich die vorliegende Schrift, ihren Titel vollauf rechtfertigend, als ein gutes Familienbuch. Besonders hervorzuheben ist der vierte Abschnitt des dritten Theiles („Die Reformierung des eigenen Geisteslebens"): der Schluss, den wir im Nachstehenden citieren, ist der zionistischen Bewegung gewidmet: „Der trotz aller Gegenarbeiten sich immer weiter verbreitende, immer mächtiger aufschwellende Judenhass rief eine Bewegung in den letzten Jahren hervor, die zwar erst im Werden begriffen ist, aber schon da eine werbende Kraft zeigt, die ihr eine glänzende Zukunft verspricht. Es ist dies der Zionismus. Russland ist die Heimat dieser Bewegung, die vollständig mit modernen Mitteln an die alten Traditionen anknüpfen will, an die unausrottbare Verehrung Palästinas appelliert und die Judenheit der ganzen Welt auffordert, den Bedrängten und Bedrückten, denen kein Vaterland zuerkannt wird, die physischer, wie geistiger Untergang bedroht, eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu gründen. — Russland war auch der richtige Boden für die Entstehung dieser Zukunftshoffnung. In Russland ist den Juden gegenüber, wie ja auch im allgemeinen, mit Ausnahme kleiner Anläufe zum Bessern das Mittelalter mit allen seinen traurigen Massregeln unversehrt erhalten geblieben, und thatsächlich ist nicht abzusehen, wann den f> bis 7 Millionen Juden in Russland das Bürgerrecht gegeben wird. Diese Millionen Menschen sind aber keinerwegs über das ganze weite Reich ausgebreitet, sondern müssen zusammengepfercht in gewissen Rayons wohnen, da ihnen die übrigen versperrt sind. Die Folge ist ein grenzenloses Elend, das früher oder später zur sittlichen Entartung führen muss. Es ist daher nicht zu verwundern, dass in diesen Gegenden der Traum des ganzen jüdischen Mittelalters von der einstigen Erlösung, die in der Wiederbesetzung des heiligen Landes ihren Abschluss finden soll, weiter geträumt wurde. — Dass unter den Verhältnissen, wie sie eben in Russland vorherrschten, das religiöse Leben, das Studium des Talmuds mächtig pulsierte, braucht gar nicht erwähnt zu werden. Aber gerade in diesem Punkte ist in Russland eine merkwürdige Wandlung zu verzeichnen. Das Unwesen derKabbala und des halachischen Widersinns, das in dem ungeteilten Polen ungetheilt alle Juden in seinem Banne hielt, zog sich nach Theilung des Polenreiches auf Galizien zurück, wo es noch heute ungestört weiter haust. Der russische Theil Polens läuterte sich, kehrte nach und nach zur Einfachheit und Geradheit des Studiums zurück. Die Säule der natürlichen Talmudforschung war der grosse Elia Wilna, geboren 1720, gestorben 1797, der noch heute von den litthauischen Jude», als »Der Gaon" verehrt wird. Inmitten der Zerfahrenheit, die zu seiner Zeit .in Polen herrschte, entrollte er die Fahne des sinngemässen Lernens, verdammte er die haarspaltende Sophistik und die Vernunft erdrückende Lehrmethode der damaligen Grössen Israels, beschäftigte sich mit der Bibel, der Grammatik und auch anderen aussertalmudischen Fächern und bahnte dadurch in den russischen Juden die Fähigkeit an, rasch an der von Mendelssohn ausgehenden Bestrebung theilzunehmen, den reinen hebräischen Stil und die einfache Bibelexegese einzuführen. So entwickelte sich in Russland, angeregt durch die Schule der Meassefim, im Laufe der Zeit eine eigene hebiäische Literatur, die immer neue Pflege und Förderung erhielt, und in unseren Tagen ist das Hebräische in Russland eine. lebende Sprache, die neue Worte prägt und kühn an die höchsten Aufgaben sich heranwagt. Medicin'sche. juridische, philosophische Werke der Neuzeit werden ins Hebräische übersetzt, Dichter wie Leon Gordon und Peter Smolensky schrieben ihre classischen Dichtungen in einem bezaubernden Hebräisch, hebräische Tageszeitungen, Wochenschriften und Jahrbücher erscheinen, in denen über Diplomatie und Industrie in ebenso fliessendem Hebräisch geschrieben wird, wie etwa über Talmud und Propheten. — Dieses jüdischgeistige Leben, verbunden mit der Noth der Zeit, liess die Palästinahoffnung nie ganz erlöschen. Langsam sehen wir russische Palätina-Freunde im heiligen Lande Grundend Boden erwerben, jüdische Colonien schaffen. Diesen Bemühungen schlössen sich, als die Judenbedrückung in Russland in Plünderung und Vertreibung ausartete, die grossen jüdischen Wohlthäter in Deutschland, Frankreich und England an. — Dieser praktische Zionismus bekam neue Formen, als in Oesterreich der Antisemitismus mit seinen gehässigen Ausschreitungen Theodor Herzl bewog, das Buch „Der Judenstaat" zu veröffentlichen.in welchem er für eine Zuweisung Palästinas an die Judenheit behufs Besiedlung und politischer Selbstverwaltung plaidierte. Das Buch machte ungeheures Aufsehen und erweckte mit einemmale die schlummernden Kräfte der leidenden und gequälten Juden zu neuen Thaten, zu staunenswertem Unternehmen. Binnen kürzester Zeit schuf dieses eine Buch eine ganze Literatur, und nicht die Religion, sondern der Zionismus spaltet heute die Judenheit in zwei Lager. Th. Herzl begnügte sich nicht mit der Herausgabe seines Buches. Mit Hilfe begabter, modern denkender Männer, die er für sich zu gewinnen suchte, unter denen der hervorragendste der Schriftsteller Max Nordau in Paris ist, schuf er in dem im Jahre 1897 in Basel zum ersten male tagenden Zio niste n- Congress ein wahres jüdisches Parlament, das die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregte. Im Jahre 1899 ward die zionistische Colonialbank mit dem Sitze in London gegründet, mit der der politische Zionismus den ersten Schritt ins praktische Leben unternimmt. — Der Zionismus ist aber, abgesehen von dem edlen Streben, heimatslosen Menschen ein würdiges Daheim zu schaffen, auch für die westeuropäischen Juden, die in voller oder ziemlicher Gleichheit vom Vaterlande als Bürger anerkannt werden, von segensreicher Wirkung. Mit unbezwinglicher Macht hat er ein gewisses Selbstbewusstsein hervorgerufen, das sich nicht auf Erwerb und sociale Stellung, sondern auf den geschichtlichen Wert des Judenthums, auf Religion und Wissenschaft aufbaut und dessen Erfolg schon heute sicher ist. Während das materielle Selbstbewusstsein, oft nicht unverdient, Neid und Hass aufwühlt, zieht der Stolz auf die hinter uns liegenden Jahrtausende eine gewisse Anerkennung nach sich, die überall die Treue zum Eigenen und Ererbten in ihrem Gefolge hat. Wohl ist das Judenthum noch immer nicht ein lebendig waltender, geistiger Theil eines jeden seiner Bekenner, Gleichmuth und absichtliche, verletzende Hintansetzung der Religion und der jüdischen Wissenschaft sind noch immer die tief beklagbaren Uebelstände in der modernen Judenheit, doch ist die Hoffnung keine trügerische, dass durch einmüthiges Ineinandergreifen aller beherzten, für das Judenthum begeisterten Kreise der Liebe und Hingebung für die Religion und Wissenschaft des Judenthums zu neuer herrlicher Blüte sich entfalten werden. Feuilleton. Mein Frühling. Ich lache trotzig, wenn sie uns verhöhnen, Und kann den Spott verwinden, der dem Hass entstammt, Selbst die Verachtung will ich muthig tragen: Mein Judenleid hat meinen Judenstolz entflammt. Doch wenn die Knospen springen und die Wipfel grüssen. Wenn freiheitstoller Sang die Luft erfüllt, Dann tobt der Schmerz, dann sink' ich kraftlos nieder. Die Lippen beben und dio Thräne quillt . . .