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Die Welt · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Article
Das Ritualmord-Märchen in Westpreußen
Date
1900-04-27
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 ,Die $s Weit-6 Nr. 17 Israelski bestreitet dies aufs entschiedenste. Andere Zeugen wollten verdächtige Aeusserungen aus dem Munde eines jüdischen Kaufmannes namens Matthäus Meyer vernommen haben, der inzwischen nach Berlin gezogen ist. Ein Berliner Antisemitenblatt hatte die Unvecschämtheit, daraufhin ohneweiters die Verhaftung dieses höchst ehrenwerten Herrn Matthäus Meyer zu verlangen. Jetzt stellt sich heraus, dass Herr M e y e r Könitz bereits vier Tage vor dem Morde verlassen hatte. Ferner hatte die Staatsanwaltschaft gegen den Böttcher Friedrich Klebs einen Steckbrief und Haftbefehl erlassen, weil dieser im dringenden Verdachte stand, den Gymnasiasten Winter ermordet und beraubt zu haben. Klebs ist in der Nähe von Konilz in einem Ueberzieher gesehen worden, welcher dem des Winter glich, und hat auch versucht, eine Uhr zu versetzen, welche, wie man vermuthete, jene des Winter ist. Klebs wurde in Bartenstein verhaftet, aber wieder in Freiheit gesetzt. Dreyfus' Sommeraufenthalt. Alfred Dreyfus ist dieser Tage von Carpentras abgereist und hat sich nach C o 1 o g n y, einem Städtchen am Genfersee, begeben, wo er ein halbes Jahr zu verweilen gedenkt. Seine Familie wird ihm bald nachfolgen. Dreyfus sieht ganz gebrochen aus und ist vollständig ergraut. Die Nachoder Excesse. Aus Prag wird berichtet: Am 5. Mai v. J. kam es anlässlich des Strikes der Weber in Nachod zu antisemitischen Excessen, die erst mit Militärgewalt unterdrückt werden konnten. In ganz Nachod wurden die Läden der jüdischen Geschäftsleute geplündert. In der Bahnhofstiasse zum Beispiel lagen die geraubten Hülsenfrüchte fusshoch über dem Pflaster aufgeschüttet. Am schlimmsten wurde bei dem Kaufmanne Heller gehaust. Die in das Geschäftslocal eingedrungenen Excedenten stürzten die eiserne Casse um, brachen sie mittest Aexten und Brechstangen auf und raubten daraus 500 fl. Erst nach einem Jahre kam es zutage, wer die Räuber sind. Vor kurzem erschien bei der Gendarmerie die Tante zweier in Nachod lebenden Brüder Pospischill und bezeichnete die Neffen als die Thäter. Sie sei während der Excesse im Hause gewesen. Plötzlich erschien der jüngerePospischill und holte die grosse Axt, weil, wie er sagte, die kleine Axt zum Durchbrechen der eisernen Casse nicht tauge. Furcht vor dem gewaltthätigen Charakter der Brüder habe sie bisher abgehalten, die Anzeige zu erstatten. Der ältere der Brüder, Franz Pospischill, wurde noch am selben Tage nach Königgrätz gebracht, wo er sich bereits in den nächsten Tagen zu verantworten haben wird. Der jüngere Bruder ist flüchtig. Zur Affaire Hülsner. Aus Goltsch-Jenikau wird gemeldet: Dieser Tage wurde das hiesige Stadtamt durch das Kreisgericht Kuttenberg aufgefordert, entsprechende Localitäten für Einvernahme von Zeugen für Freitag den 20. d. Mbereit zu halten. Am 20. d. M. traf in der That in Goltsch- Jenikau eine Gerichtscommission,bestehendausdemGerichtssecretär Herrn Glossauer und dem k. k. Auscultanten Bartl. hier ein und fieng an, eine umfangreiche Untersuchung und ein Zeugenverhör vorzunehmen. Der Zweck und der Inhalt der Zeugeneinvernahme wird streng geheim gehalten, doch vermuthet man, dass die Untersuchung mit der Affaire Hülsner im Zusammenhange steht. Eine Ritualmord-Beschuldigung in Rumänien. Aus Braila wird Folgendes berichtet: Bei dem hiesigen Schankwirt Weinstei n ist ein christlicher Bursche bedienstet, der vor einigen Tagen von einem Hunde gebissen wurde. Der Bursche gieng ins Spital und wurde mit Serum geimpft, worauf er seinen Dienst wieder aufnahm. Als Herr Weinstein dem Burschen, der sich gegen ihn frech benommen hatte, eine Ohrfeige versetzte, alarmierte dieser die ganze Nachbarschaft, entblösste die Wunde an seinem Fusse und schrie, sein Herr hätte ihm Blut abgezapft, um es rituell zu verwenden. Glücklicherweise konnte Weinstein durch die Aussage der Spitalsärzte nachweisen, dass die Wunde von einem Hundebiss herrühre, sonst wäre ein neues Ritualmord-Märchen entstanden. Eine Conferenz der bulgarischen Juden. In Sofia tagt jetzt eine von sämmtlichen jüdischen Gemeinden Bulgariens beschickte Versammlung, die über die Wahl eines Landesrabbiners, über die Schaffung eines jüdischen Consistoriums und über die Mittel zur Bekämfung des Antisemitismus in Bulgarien Beschlüsse fassen soll. Die Juden in Indien. Die Zahl der in Indien wohnenden Juden wird verschieden angegeben. Sie dürfte 7 —8000 Seelen betragen. In den grösseren Städten, in Kalkutta, Bomb ay, Rangoon etc. befinden sich ansehnliche jüdische Gemeinden. In Kalkutta wohnen ungefähr 1300 jüdische Seelen. Der erste Jude, der nach Kalkutta kam, hiess Schalom Aharon Cohen und stammte aus Damaskus. Es gibt in Kalkutta zwei Synagogen, die unter den Namen „Magen David" und „Beth-El" bekannt sind. In der ersteren wird nach altspaniolischem Ritus gebetet, während in der letzteren der aschkenasische Ritus vorherrscht. Die jüdische Gemeinde in Kalkutta unterhält auch zwei Unterrichtsanstalten,' die auf recht hohem, europäischem Niveau stehen. Die Juden in der Provinz Posen. Einem Artikel der Kölner Wochenschrift „Das neue Jahrhundert" entnehmen wir folgende interessanten Daten: „Ohne die Juden wäre noch heute in Posen von einem deutschen Theater oder sonst von deutscher Kunst keine Rede. Dabei sind die Juden jetzt nicht nur von Polen und Deutschen angefeindet, sondern auch wirtschaftlich ins Gedränge gekommen. Die Kaufhäuser, die Geschäfte mit der jetzt so viele Verkäufer vertretenden Ansiedlungs-Commission, die im Submissionswege abgeschlossen werden und die Tendenz haben, in die Hände einiger weniger mehr oder minder geschickt operierender Finnen überzugehen, und nicht minder die allgemeine Entwicklung des Geschäftslebens, sowie die Concurrenz der polnischen Firmen erschweren den kleinen jüdischen Handelsleuten die Existenz. Ganze Gemeinden haben sich aufgelöst oder sind der Auflösung nahe. Die Aermeren ziehen in die grösseren Städte, die Wohlhabenden nach Berlin und anderen Grossstädten. In unserem Städtchen beispielsweise ist die Zahl der Juden auf die Hälfte zurückgeganger.. Kinder und junge Paare gibt es dort überhaupt nicht mehr. Einen „ Religionslehrer * könnten sie nicht mehr besolden, selbst zur Anstellung eines „Schächters* reicht die Gemeinde nicht mehr aus." Zangwills Process. Ueber einen interessanten Rechtsstreit haben jüngst New-Yorker Richter zu entscheiden gehabt. Der Sachverhalt ist folgender: Aniässlich der Erstaufführung des Za ngwill'schen Dramas „Die Kinder des Ghetto" veröffentlichte das dortige grosse Tagblatt „The Sun" eine abfällige und gehässige Kritik über das Drama. Hierdurch fühlte sich Z an g will nicht nur moralisch, sondern auch materiell geschädigt, und er klagte die Herausgeber des Blattes auf Ersatz des ihm hierdurch entstandenen Schadens, den er mit 25.000 Dollars beziffert. Bei der Verhandlung, die dieser Tage stattfand, wurde nun Zangwill sachfällig und zum Ersätze sämmtlicher Gerichtskosten verurtheilt. In der Urtheilsbgründung heisst es, dass das angeklagte Blatt die Schranken einer zulässigen Kritik durchaus nicht überschritten habe. Die Juden und der Handel. Unter diesem Titel veröffentlicht „Jewish World" einen Artikel, in dem er nachweist» dass unter den grossen jüdischen Geschäftshäusern von London nur einige wenige auf einen längeren als fünfzigjährigen Bestand^zurückblicken. Das Blatt führt dies dai-auf zurück, dass es bei den englischen Juden nie als besonderer

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