Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Article
- Berliner Brief
- Date
- 1900-04-27
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite G „Die s> Welt- Nr. 17 Ein erfreuliches Zeichen seines Könnens gab unser Gesinnungsgenosse Herr Dr. Alfred N o s s i g kürzlich, indem er eine Gollectivausstellung seiner Sculpturen im „Künstlerhause* veranstaltete. Die ausgestellten Entwürfe zeigen ein grosses Können, vereint mit äusserst eindringlicher Auffassung. Vor allem srelungen schien mir die Idealmaske der Kaiserin Elisabeth, in der die herbe Majestät des Todes sich mit dem eigenartigen Liebreiz des Antlitzes prächtig eint Den Zionisten interessierten vor allem jene Arbeiten echt jüdischen Geistes, in die Nossig so gerne sich versenkt. Da sind zunächst zwei Statuenentwürfe, „Der ewige Jude41 und „Juda der Makkabäer, die Hebräer zum Freiheitskampfe aufrufend". Sodann ein Portraitmedaillon Max Nordaus, Masken zu Köpfen des Makkabäers und König Salomos. Den besten Eindruck hinterliess wohl die Statue des Judas Maccabi, obwohl vorläufig nur eine Actstudie geschaffen ist und die Kleinheit des Entwurfes den Eindruck etwas schwächt. Die kräftige musculöse Gestalt, der Kopf mit den thatenlustigen, wild-energischen Zügen, die den Juden nicht verleugnen, ist vorzüglich zur Darstellung gebracht. Vielleicht sind hier die Ansätze einer wahren national-jüdischen Kunst zu finden, und Nossig wird sich ein grosses Verdienst um unsere Sache erwerben, wenn er auf dem beschriltenen Wege, der bei dem mangelnden Verständnisse weiter Kreise oft dornenvoll sein mag, weiter wandert. Der Künstler soll vor allem Culturbringer sein. Er soll die höchsten Gedanken, das edelste Streben seines Volkes durch die sinnliche Darstellung zum Gemeingut aller machen. So schafft er mit an der Einigung seines Volkes nicht minder, wie am endlichen Siege des Schönen. Gerade bei uns Juden ist da ein weites Arbeitsfeld. Trotz des zweitausendjährigen Golus mangelt es nicht an Liebe zur Schönheit, wohl aber an Verständnis dafür. Eine nationale Kunst allein vermag hier Wandel zu schaffen, indem sie an das Gefühl, an das heisse, innere Verlangen des Volkes appelliert. Und diese Kunst wird auch den neutralen Boden schaffen, auf dem sich alle Richtungen, alle Parteien zusammenfinden in gemeinsamer Begeisterung für das Heil unseres armen Volkes. Wir glauben und hoffen, hier die ersten Ansätze diese* uns in der Idee einigenden und erhebenden Kunst gefunden zu haben. F. Die galizischen Volksbeglücker. In den Kreisen unserer Cultusgrössen wird die Einberufung eines galizischen Gemeindetages schon seit fünf oder sechs Jahren geplant. Jetzt geht es an die Ausführung dieses Planes und es wird an den Vorbereitungen zum Gemeindetage fleissig gearbeitet. Das Datum des Gemeindetages und sein Programm sind noch nicht festgesetzt, es wird aber schon für die Beschickung desselben eifrigst Reclame gemacht. Die Herren wollen nämlich einen Gemeindetag mit Pomp und Tamtam, er soll so viel Schreibstoff bieten, wie der vor zweiundzwanzig Jahren unter den Auspicien des Vereines „Sehomer Israel" einberufene sogenannte „erste galizische Gemeindetag". Die Lage der Juden in Galizien wird von Tag zu Tag unerträglicher; man muss daher nach Mitteln und Wegen fahnden, die diesem Uebelstande abhelfen sollen. Zu diesem Zwecke haben sich schon verschiedene Hilfscomites gebildet, in deren Mitte sich dieselben Leute finden, die auf dem einzuberufenden Gemeindetage das grosse Wort führen werden. Und diese mit vielem (Geflunker ins Leben gerufenen Comites hüben Sitzungen abgehalten, Enqueten einberufen und vielverheissende Hilfsactionen eingeleitet, die über den Rahmen von „Vorarbeiten" nie hinausgekommen sind, bis sie endlich sanft entschliefen, ohne etwas ausgerichtet und die galizische Judennoth um ein Jota gelindert zu haben. Wie es scheint, verspüren aber unsere Gemeindeliäuptlingc einen starken Thatendrang, der sie nicht ruhen läsit, denn sie wollen weiter „arbeiten" und lassen sich durch die Fruchtlosigkeit ihrer bisherigen Thätigkeit nicht beirren. Und da die Institution der Hilfseomitcs bei den galizischen Juden discreditiert ist, so wollen die Herren einen „Gemeindetag" einberufen. Ein Gemeindetag hat auch seinen besonderen Reiz. Er ist nicht wie ein Hilfscomite an einen Punkt gebunden, denn er kann ein -grossangelegtes Programm haben; er soll auch öffentlich stattfinden, und die grossen „Retter Israels" haben die Gelegenheit, sich mit schönen Reden hervorzuthun. Zeitungsreporter drängen sich an die bedeutenderen Gemeindetags-Mitglieder heran, man lässt sich interviewen und der jüdische „dumme Kerl von Galizien" glaubt an seine nahe Hilfe. Die Verbreitung eines solchen Glaubens unter den jüdischen Volksmassen haben unsere Gemeindecapacitäten sehr nöthig, denn es geht mit ihnen bergab. Seit einiger Zeit macht sich nämlich in den galizischen Gemeinden ein Gährungsprocess bemerkbar. Eine Unzufriedenheit geht durch die Bevölkerung des ganzen Landes, die in Manifestationen und Protesten gegen die Kahals-Leiter von heute ihren Ausdruck findet. Der galizische Judo hat die Wirtschaft dieser Herren satt und sagt in offenen unzweideutigen Worten, dass er sie um jeden Preis los werden will. Jahrzehntelang liegt die Verwaltung vieler unserer K'hilloth in den Händen einzelner, nicht gerade aus der Elite des Volkes stammenden Gruppen, die sich durch verschiedenartige, hier nicht näher zu erörternde Machenschaften auf den Gultusvorstandssessel emporgeschwungen und die Führerschaft in den Gemeinden für sich und ihre engeren Geschäftsfreunde occupiert haben. Gewöhnlich sind es nur zwei oder drei Herren, welche die Gemeinde als ihr Privateigenthum betrachten und die Führerrollen in allen Vertretungskörperschaften (Cultusvorstand, Gemeinderath, Bezirksausschuss, Handelskammer etc.) unter ihren Freunden und Bekannten nach Belieben vertheilen. Es hat daher — bis vor kurzer Zeit — im Innern der Gemeindestuben ein idyllische* Stillleben geherrscht, das durch keinen oppositionellen Misston gestört wurde. Nur ausserhalb des Gemeindehauses hat sich hie und da eine oppositionelle Strömung gezeigt. Diese war aber nicht sehr ernst zu nehmen, so scharf sie auch in manchen Orten aufgetreten sein mag, denn mit einem kleinen Ehrenposten hat man die ganze Gegenpartei mundtodt machen können. Es war nämlich keine sachliche Gegnerschaft, nur eine rein persönliche, deren Devise „Warum er und nicht ich?u war ... Eine sachliche Opposition entstand erst mit dem Entstehen des Zionismus und diese hat schon den Herren viele bange Stunden bereitet. Unter dem Banner des Zionismus vereinigen sich alle besser denkenden Elemente einer jeden Stadt und diese verlangen nach einem Wechsel des Systems, nicht nach einem Wechsel der Personen. Sie wollen auf keirie Compromisse eingehen und lassen sich nicht mit einigen Mandaten ködern. Die Herren Cultusvorsteher beben daher vor Angst. Sie sehen, wie der Zionismus von Tag zu Tag an Ausdehnung gewinnt, wie er die Herzen im Fluge erobert, und es ergreift sie ein panikartiger Schrecken. Sit.-