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Die Welt · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Article
Die Juden und die Cagoten
Date
1900-04-27
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17 ,Die O Welt" Seite 5 Es kann niemand wundern, dass sich die Gagoten nicht selten für die unschuldig erlittenen Beleidigungen rächten. L. Fournier erzählt (in der „Science Francaiseu 1898), wie einst ein Cagot während des Gottesdienstes die Hauptthüre der Kirche sperrte, so dass alle Betenden nebst dem Glems durch die Gagotenthüre hinausgehen mussten! Die grosse Revolution hat den Gagoten die Erlösung gebracht; gegenwärtig gibt es keine Gagoten mehr, obwohl Nachkommen von Gagoten existieren. Rochas, der Verfasser des Buches „Les parias de France et d'Espagne", aus welchem wir die Mehrzahl der hier angeführten Thatsachen entnommen haben, durchwanderte 1875 ganz Frankreich, nach Spuren dieses Volkes suchend. In vielen Kirchen sah er noch jene kleinen, niedrigen Thüren, durch welche die Gagoten eintraten, er sah auch die Schüsseln für das Weihwasser, welche ihnen an einem Stocke gereicht wurden; er besuchte auch die alten „cagoteries" und fand fast überall eine gesunde, arbeitsame, schöne Bevölkerung, hochgesittet, geistig sehr entwickelt und sogar — wie er sagt — elegant in ihren Manieren. Nun fragen wir uns, woher dieser erbitterte Hass gegen die Gagoten und auch andere .verfluchte" Völker, welche das Los der Gagoten theilen? Der einzige Grund dafür, wie er in allen Quellen, schriftlichen und mündlichen, angegeben wird — ist der angebliche Fluch, der auf ihnen lastete, die Lepra, an der sie angeblich alle durchwegs litten. Welches immer der Ursprung dieses Vorurtheils sei, man erstaunt ob seiner kindischen Naivetät. Es war ja jedermann in jedem beliebigen Momente möglich, .sich von seiner vollen Haltlosigkeit zu überzeugen, was denn auch öfters der Fall war: nicht ohne Grund war man veranlasst, officiell eine für niemand sichtbare Form der Lepra zu verkünden, an der angeblich die Gagoten litten. Wenn aber dieses Vorurtheil sich trotzdem jahrhundertelang halten konnte, wenn es Hand iu Hand mit der Renaissance der Wissenschaften und Künste, mit dem Humanismus und mit der Buchdruckerei existieren konnte, so bleibt nichts anderes übrig, als sich von der Lebenszähigkeit der Vorurlheile. selbst der unsinnigsten unter ihnen, zu beugen. Kann man sich nach alledem verwundern, dass das in den finstersten Zeiten des Mittelalters entstandene Märchen von der Ermordung christlicher Kinder durch die Juden, trotz seiner offenbaren, tausend- und tausendmal bewieseneu Unsinnigkeit, sich bis an das Ende des aufgeklärten XIX. Jahrhunderts erhalten hat? N. Peret'crküwitsc h. Berliner Brief. Noch vor Jahresfrist, als in Polna zuerst seit längerer Zeit die Blutlüge wieder auftrat, dünkten wir uns in guter Sicherheit und meinten, bei uns in Deutschland sei eine Wiederkehr der Xantener Tage nicht zu befürchten. Schon werden wir gewahr, dass wir in höchst ungerechtfertigtem Optimismus uns über die Czechen erhaben dünkten. In Könitz haben wir unser Polna gefunden, und der Todesengel schreitet ernst durch die Strassen des westpreussischen Städtchens, seit Jahrhunderten wie heute unser treuer Begleiter, wenn die Osterglocken zu klingen beginnen. Das Frühlingsfest, das Freude und Glück über alle Welt bringen soll, uns ist es wie unseren Vorfahren zu Tagen der Sorge und des Leids bestimmt, zur steten Mahnung, dass wir uns nicht freuen dürfen mit den Fröhlichen, solange wir es feiern „im Lande der Knechtschaft-. Wenn mau die Berliner „Staatsbürger-Zeitung" oder gar die antisemitischen Provinzialblättchen in die Hand nimmt, so wird man zunächst von tiefem Schamgefühl befallen. Dazu also dienen alle die technischen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts, um gewissenlosen Agitatoren ein neues Mittel zur Erregung thierischer instincte zu liefern! Wir schämen uns für unsere deutschen Mitbürger (deren höherer Cultur wir uns assimilieren sollen!). Denn wie muss der Leserkreis beschaffen sein, der aus diesen Schanderzeugnissen seine geistige Nahrung schöpft. Ein Knabe wird ermordet. Der Körper wird zerstückelt, einzelne Leichentheile finden sich auf dem evangelischen Friedhof, andere auf der Strasse unweit der Synagoge — und der Ritualmord ist fertig. Dass seitens wohlhabender •luden eine grosse Belohnung auf Ermittlung des Thäters gesetzt wird, dass die Durchsuchung der Synagoge (!) und jedes verdächtigen Fleckchens keinerlei Anhalt für die That eines Juden bietet, ist gleichgiltig. Die Juden im Orte werden boycottiert, wagen sich nicht mehr auf die Strasse, man wirft ihnen die Fenster ein und versucht, die Häuser zu stürmen. Der Bürgermeister warnt öffentlich vor Ausschreitungen, doch vergebens. Hätten wir nicht in Preussen eine kräftige Verwaltung, die sofort alle Schutzmassregeln ergriff, wir hätten längst ein Seitenstück zu den Unruhen in Böhmen erlebt. Zum grössten Leidwesen unserer Wotans-Anbeter und Verehrer des theuren Gottesmannes Stöcker ist die Polizei sehr schneidig vorgegangen und hat keinen Spass verstanden. Es schmolz der arische Heldenmuth wie Butter an der Sonne und machte bitterem Unmuthe über die Polizei Platz. Die ganze Gegend aber ist in gefahrdrohender Erregung, so dass Ahasver wieder zum Wanderstabe greift. So beginnt das neue Jahrhundert! Und wir Thoren glaubten, äusserliche Gultur bedinge einen Fortschritt der Menschheit! Die« Saison ist übrigens seit langem nicht so glänzend gewesen, die Töchter jüdischer Financiers assimilieren sich prächtig mit adeligen Lieutenants, und vom Zionismus ist nicht die Rede. Die General-Versammlung des Berliner Verbandes der Esra-Vereine hat einen erfreuliehen Fortschritt im Wachsthum des Verbandes erwiesen. Die Jahreseinnahme betrug nach der vom Vorsitzenden gegebenen Uebersicht etwa 15.000 Mk., im ganzen seit 11 Jahren etwa (iO.OOÜ Mk. Die Mitgliederzahl steigt rapide und mit ihr wächst die Summe der eingehenden Gelder beständig. Eine Reihe angesehener Persönlichkeiten trat neu in den Vorstand, so dass die werbende Kraft des Colonisations-Gedankens auch hier zum Ausdrucke gelangte.- Verhandelt wurde unter anderem auch über einen Anfrag, der «Esramöge im neugebildeten Ausschusse der Palästina-Vereine für ein gemeinsames Zusammengehen mit den zionistischen Ausschüssen Sorge tragen. Der Antrag fiel allerdings, aber die Ablehnung erfolgte mit so geringer Majorität, dass offensichtlich auch nur bei einiger Vorbereitung die Annahme sicher gewesen wäre. Leider kann unseren Freunden der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass es an jedem geordneten Vorgehen zur Erreichung des Zieles mangelte. Solche organisatorische Mängel sind höchst bedauerlich, denn sie schädigen uns noch weniger direct, als sie indirect unser Ansehen in den Augen dritter mindern, die so auf eine thatsächlich nicht vorhandene Schwäche schliessen!

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