Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 16 (19.4.1900)
- Article
- Ghetto-Frühling
- Date
- 1900-04-19
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Soitc 14 ,Die & Welt1 Ni. tft Ghetto-Frühling. Es war im Jahre — es lässt sich eigentlich nicht genau bestimmen, in welchem Jahre — vor einigen Jahrhunderten war es: die Frühlingssonne lugte in die schmale Ghettogasse hinein. Auf den Pergamentband, in den der junge Rabbi vertieft war, fiel ein freundlicher Schein. Neugierige Strahlen huschten in die Nischen des Stübchens, die Sonnenstäubchen begannen ihren rämmermüden Tanz. Der Rabbi richtete sich aus seiner gebeugten Haltung auf und wandte den Blick auf die kleinen bleigefassten Butzenscheiben, die der Frühlingshelle Einlass gewährt. Es war ein traumverlorener Blick: wie wenn jemand nach einer fernen Gegend sieht. Alle Leute, die man plötzlich aus einem Buche aufstört, blicken so. Als würden sie nach einem weiten, blauen Bergesgipfel hinschauen, und ihr Auge scheint tiefer, abgründiger. Es ist wohl schon Frühling — dachte der Rabbi — vielleicht ist's schon lange Frühling? Ich möchte gerne die Lerche fragen, aber welcher vernünftige Singvogel wird sich in diesen dumpfen Häuserhohlweg herein verirren! Die Spatzensippe dort drüben wird mir nicht viel Auskunft geben können. Das erhebt Sommer und Winter das gleiche zänkische Geschrei. Spatz, Du Ghettonachtigall! Vogel und Spatz, die zwei Vorstellungen decken sich in meinem Bewusstsein fast vollständig. Höre ich das Wort „Vogel", denk ich gleich an „Spatz". Die Bauern draussen denken wahrscheinlich an die Amsel, an den Fink. Ein Fink! — Wie mag ein Fink aussehen! Vielleicht gibt es gar Leute, die mit dem Wort „Vogel" unwillkürlich die Vorstellung „Adler" verbinden. Diese Glücklichen! Nun ja, weitaus die meisten Vögel, die ich in meinem Leben zu Gesicht bekam, waren Spatzen. Und dass ich nicht daran vergesse: auch Gänse sah ich des öfteren. Das sind ebenfalls sehr wichtige Vertreter der Vogelwelt im Ghetto. Aber ich verbinde mit der Vorstellung „Gans" nur ganz nebenbei die Vorstellung „Vogel". Die Regungen, die durch das Wort „Gans" in mir wachgerufen werden, gehören grösstenteils dem Gebiet« der Geschmacksempfindung an. Soll ich die Blumen nach dem Frühling fragen? Ja, es muss wohl Frühling sein. Die Dachschindeln drüben zeigen schon frische, grüne Moosüberzüge. Unten in dem Gässchen hat sich wahrscheinlich auch schon hie und da ein Halm zwischen den holprigen Steinen hervorgewagt. Also es ist wirklich Frühling. Ich liebe ihn nicht besonders, den Lenz. Jetzt sitze ich da und starre zum Fenster hinaus, statt das Wort Gottes zu studieren. Die Sonnenstrahlen stören mich. Ich werde den Vorhang vorziehen. Eigentlich wär's mir am liebsten, wenn das ganze Jahr hindurch Winter wäre. Im Winter kann ich mich am ungestörtesten in unsere heiligen Schriften versenken. Die wunderbaren, schweigenden Winternächte! Da ist es eine Wonne, bei dem Buche zu sitzen. Aber diese unangenehmen Frühlingsnächte! Es ist, als würde alles gähren. Selbst die Sterne scheinen mit summendem Geräusch über den Himmel zu wandeln. Und wenn eine einzige Grille drüben auf dem Moosdache in der Nacht singt, so scheint es mir, als würde irgendein unsichtbarer, vielstimmiger Chor das dünne Zirpen begleiten. Wie das in den Ohren rauscht! Durch tausend unwägbare Störungen wird da die Aufmerksamkeit zersplittert. In der Natur beginnt ein Sieden und Brodeln der Säfte, und der schwache Mensch wird in den Taumel mit hineingerissen. Mir bangt vor dem Frühling. Er schenkt mir nichts, er nimmt mir nur. Er lässt mich meine Welt hier in meinen Pergamentbänden nicht ruhig geniessen, und was bietet er mir dafür? Einige magere, bleiche Grashalme und hie und da das Summen eines vorüberschwirrenden Insectes. Ein schlimmer Tausch. Hier in meinen Büchern kann ich über die Berge und Thäler des Morgenlandes wandern, ich höre die rauschenden Brunnen von Haran, ich sehe die blühenden Palmen von Tadmor — ja wohl, ich sehe sie deutlich, als stünden sie dicht vor mir : wir haben ja in den Tagen unseres Kerkerdaseins trefflich gelernt, ferne Palmen ganz nahe vor unser inneres Auge zu rücken, wir waren gezwungen, unser Vorstellungsvermögen — das, was sie Phantasie nennen — zu üben und zu stählen; so wie der Durstige in seinem nächtlichen Traume eine grosse Wasserfläche vor sich sieht, gleichsam zum Ersatz, zum Ausgleich; und wahrlich, mir ist jetzt die Palme des Traumes lieber, als der Grashalm der Wirklichkeit, und die Taube am fernen Horizont ist mir lieber als ein Spatz in der Hand. Drum mag ich den Frühling nicht. Also dachte der Rabbi, erhob sich und zog unwirsch den Linnenvorhang vor die kleinen sechseckigen Scheiben. Und er setzte sich wieder zum Pergamentband und seine Augen glitten über die regelmässigen, ciuadratförmigen Schriftzüge. So hatte er eine Weile gelesen, als der Gesang eines Vögleins an sein Ohr schlug. Es war ein gar süsses Singen ur.d Tirilieren. Draussen auf irgendeinem Dachvorsprunge mochte das Vöglein sitzen. Auf der Stirne des Rabbi entstand eine finstere Falte. Er wollte nichts hören, er that die Hände vor die Ohren und beugte sich fast grimmig über das Buch. Aber er verstand nur halb den Sinn der sehr schönen quadratförmigen Buchstaben. Immer tönte ihm die holde Musik in die Ohren. Tir—ily, tir—ily, tir—ily — Und der Rabbi lehnte sich zurück in seinem Sitze und sah hin nach dem braunen Linnenvorhange: wie wenn jemand nach einer fernen Gegend sieht. Ist das vielleicht ein Fink? dachte der Rabbi.- Aber was stört er mich in meinem Studium? Und dennoch--- Nie hörte ich noch solche Melodie. Nur in meinen Träumen. Da war sie freilich nebelhafter, abgeblasster. Aber hier ist lebende, pulsierende Wirklichkeit. Das hast Du noch nie gehört, nie. Rabbi, sie nennen Dich den Weisen; jetzt lautet die Frage nicht mehr: Grashalm oder Palme, nein — Rabbi, was ist Dir lieber, die Palme des Traumes oder die Palme der Wirklichkeit? Das draussen ist kein Spatz; warum willst Du Dir die Ohren verstopfen? Und es erhob sich der Rabbi, er schob den braunen Vorhang zurück und öffnete die Fenster, so dass der Sang, voll und prächtig zur Stube hereinflutete. Sonnenstrahlen und liebliche Laute strömten eng verschlungen in die Stube, so dass der Rabbi nicht wusste: singen die Strahlen das wunderschöne Tir—ily oder leuchten vielleicht die Töne? Und der weise Rabbi blickte lächelnd nach dem lieben Vöglein, so wie man in eine sehr nahe Gegend blickt, und er dachte : Gott grüss Dich. Frühling! — Ist das ein Fink oder ist das eine Amsel? " Erwin Rosenberger. Briefkasten. J. B., Lemberg. Eine derartige Anregung in unserem Blatte, das doch den Betreffenden nahesteht, könnte zu Missdeutungen Anlass geben. ... o —b, Dresden. Das Gedicht war leider nicht unterzubringen. Oskar Salomon, Rustschuk. Besten Dank und Gruss. Lud. Kr. „Klage" leider nicht geeignet. H. J. Auerbach, Neustadt a. W. Besten Dank. F. L., Warschau. Ad 1: „Geschichte des Judenthums von dem babylonischen Exüe bis auf die Gegenwart" von Dr. J. Ziegler. Prag und Breslau, Jacob *R. Brandeis, 1W)0. Ad 2: ,Geschichte der Juden "und ihrer Literatur" von M. Brann, Breslau, W. Jacobsohn, 1900. Ad. 3: Gibt es noch nicht: vielleicht die Manassewitsch'sche Grammatik in Hartlebens Bibliothek der Sprachenkunde. Salve, R—m. Besten Dank für freundl. Schreiben — Erwähntes geschah selbstverständlich ohne jegliche böse Nebenabsicht.