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Die Welt · 1900-04-19 · 16 (19.4.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
16 (19.4.1900)
Article
Krakau [Nachricht]
Date
1900-04-19
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 „Die 2£ Welt" Seite 13 Nachruf und das Gedicht B. Fei weis: „Mein Vermögen" in überaus gelungener Weise zum Vortrage gebracht hatte, nahm der Festabend sein Ende. Dresden. Die Veranstaltungen der Zionistischen Ortsgruppe „Dresden" im ersten Quartal 1900 schlössen mit dem wohlgelungenen Purim-Fest am 15. März d. J. überaus wirkungsvoll ab. Seit Gründung der Ortsgruppe fanden allwöchentlich Vortrags- und Discussionsabende statt, um die sich insbesonders Herr Rawiko witsch verdient gemacht hat, und die stets erfreulich stark besucht waren. In rascher Aufeinanderfolge hörten wir: „Die Pflichten eines Zionismen", „Das Nationaljudenthum und seine gegenwärtigen Aufgaben," „Heinrich Heine und das Judenthum % „Die Blutlüge", „Der Zionismus und das jüdische Weib", „Das Ergebnis der drei Zionisten - Congresse", „Moses Mendelssohn", „Die israelitischen Propheten und ihre Ideale". Dazwischen fanden Discussionsabende über die Reden Dr. Herzls und Dr. Nord aus sowie allgemein aufgeworfene Fragen, wie z. B. „Welche Bedeutung hat der Zionismus für die westeuropäischen Juden?" statt, die stets lebhafte und anregende Debatten hervorriefen. All diese Veranstaltungen hatten nicht nur den beabsichtigten grossen ideellen Erfolg, dass sie die Erkenntnis der zionistischen Idee vertieften, sondern sie vergrösserten aueli die Zahl der Anhänger in für hiesige Verhältnisse erfreulichem Masse. Bei Gründung der Gruppe vor einem halben Jahre zählte dieselbe 12, heute über 60 Mitglieder. Diese Culturarbeit wird uns aber nicht leicht gemacht. Dresden ist der classische Boden für jene Assimilationssucht, die in krankhafter Nachäffung rein äusserlicher Thatsachen ihr Heil sucht. Ganz besonders bezeichnend für die Gesinnungsart eines Theiles unserer Gegner sei hier die Thatsache festgenagelt, dass dieselben, um in letzter Stunde das Purim-Fest zu vereiteln, zur Denunciation bei der Polizei griffen. Glücklicherweise aber ohne Erfolg. Im Gegentheil nahm das Fest einen prächtigen Verlauf. Mehr wie 250 Personen (Dresden zählt bloss 500 jüdische Familien) waren anwesend und lohnten die formvollendete und hochpoetische Festrede Dr. Martin B u b e r s mit warmem Beifalle. Allgemeinen Anklang fanden auch die künstlerischen Gesangsvorträge, die Gabenlotterie, die originelle Purim-Zeitung, ganz besonders aber der Tanz, der bis i (Jhr früh die Theilnehmer festhielt. Der Erfolg dieser festlich frohen Veranstaltung soll uns zur weiteren ernsten Arbeit neu anspornen. Köln. Die „Zionistische Vereinigung" veranstaltete Samstag den 7. April eine Gedenkfeier zum 25. Todestage des Philosophen Moses Hess. Die Eröffnungsrede hielt Rechtsanwalt Dr. Bodenheime r. Im Geselligkeitsverein „lbria" hielt Herr Julius Berg er am 15. April einen Vortrag über „Jüdisches Nationalgefühl". Bobruisk. (Zionistische Frauenbewegung.) Der Frauenverein „Jehudith", der auf Initiative der Damen Malwine Dobkin und Rebekka Soloweiczik unlängst hier gegründet wurde, erfreut sich einer grossen, stets zunehmenden Mitgliederzahl. Die regelmässig jeden Sonntag stattfindenden Lese-Abende unter Vorsitz des Fräuleins G. Katzenelsohn werden vo*i der Intelligenz stark besucht. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Vorträge anstatt in einem Privathause in einem speciell dazu bestimmten Locale stattfanden. Leider fehlt es dem Frauenverein vorderhand noch an Mitteln, ein eigenes Local zu mieten. Doch steht zu erwarten, dass diesem Uebelstande demnächst abgeholfen werden wird. M. L. G. Lubar (Gouv. Wolhynien). Auf Anregung des Wanderredners J. L a m d e n aus Hoschtz wurde hier ein zionistischer Verein „Bene Zion" gegründet, In den Ausschluss wurden gewählt die Herren M. J. Chelemer. E. Brodsk y, P. Ba renbarg, B. K atz und B. W e i zmann. Der'Verein zählt mehr als 150 Mitglie ler, welche sich gröstentheils aus den Kreisen der Orthodoxie recrutieren. Dank der Agitation der obenerwähnten Männer wurden hier 108 Shares der Colonialbank gezeichnet und eingezahlt. Einzelverein „Wien" des Zion-Verbandes. Zu der am 2'>. d. M. abends 7'/2 Uhr im Restaurant Khuner (l. Stock), Adlergasse, stattfindenden Festfeier zu Ehren des langjährigen Präsidenten unseres Vereines Herrn Leopold Paul L ö b 1 gestatten wir uns, die Gesinnungsgenossen mit ihren werten Damen freundlichst einzuladen. Die Vereinsleitung. Zionistische Veranstaltungen in Wien. Mitgetheilt vom Districts -Vorstande für Niederösterreich. Samstag den 21. April: Festsitzung des Einzelvereines „Wien" des „Zion" abends 71/, Uhr, Restaurant Khuner (1. Stock), L, Adlergasse. Samstag den 21. April: Vereins Versammlung Mariahilf- Neubau des „Zion" abends S Uhr, Restaurant Löbl, VI. Bez., Schmalzhofgasse. Sonntag den 22. April: Oeffentliche Versammlung der jüdischen Vereinigung „Jordania", Local Schöne Schäferin, IX., Sechsschimmelgasse 10. Thema: Was wollen diese Zionisten? Ref. Alfred VV e i s s b e r g e r. (Discussion.) Das Secretariat. Feuilleton. Lieder eines Bekehrten. VIII. Beim Anblicke eines jüdischen Proletariers. Betracht' ich Dich, Jude, mit Deinen Schmerzen Und seh' Deine welke, gebroch*ne Gestalt, Empfind* ich ein heftiges Beben im Herzen, Durchzuckt mich das Mitleid mit tiefer Gewalt. In Deinem, von Sorge durchfurchten Gesichte. Das mir entgegenstarrt, blutlos und fahl. Les' ich die ganze traurige Geschichte Von Deinem Leid und von Deiner Qual. Und wie eine seelenerschütternde Klage Drängt sich mir auf mit plötzlicher Macht Die bittere, bange, beklemmende Frage: Was haben die Völker aus Dir gemacht'.? Betrachte ich, Jude, in Deinem Blicke Die scheue und zitternde Aengstlichkeit, Wie Du dem harten Sklavengeschicke Lautlos Dich fügst in Ergebenheit, Wie Deine geistigen Kräfte ermatten, Wie Deine Brust schon begeisterungsleer, Und wie Du selbst ein Phantom nur, ein Schatten, Muthlos und willenlos wandelst einher — Seh' ich Dich, Jude, so furchtsam und zage Erdulden die schmählichste Niedertracht, Drängt sich mir auf die erschreckende Frage: Was haben die Fesseln aus Dir gemacht!? Betracht' ich Dich, Jude, in Deinem Ringen, Im schwerem Kampfe um's tägliche Brot, Wo Schritt auf Schritt Dich Gefahren umschlingen, Wo täglich und stündlich Vernichtung Dir droht — Wie Du verdrängt von den Widersachern Im Schweisse des Angesichts mühsam erwirbst, Und wie Du gezwungen, zu handeln, zu schachern, Dass Du mit den Deinen vor Hunger nicht stirbst — Wie Dich Entbehrung, Kummer und Plage Geistig und physisch heruntergebracht . . . Drängt sich mir auf die verzweifelte Frage: Was hat das Ghetto aus Dir gemacht?! Betracht* ich Dich, Jude, mit schlotternden Beinen Müh*voll Dich schleppend durchs harte Exil, Gejagt und gehetzt und beworfen mit Steinen, Des grausamen Spottes erbärmliches Ziel — Seh* ich, wie Du ohne Mitleid und Gnade Von allen Orten vertrieben wirst, Wie Du als elend verkommener Nomade Schutzlos und rechtlos und heimatlos irrst . . . Wie Deine bittre und trostlose Lage Finsterer, ach, als die finsterste Nacht — Drängt sich mir auf die entsetzliche Frage: Was hat die Verbannung aus Dir gemacht'. *? Betracht* ich Dich, Jude, mit Deinen Gebrechen Und seh" all des Jammers ergreifendes Bild, Will vor Verzweiflung das Herz mir fast brechen Und Thräne auf Thräne dem Aug" mir entquillt. Doch, Muth, bald sollst Du wieder gesunden, Bald ist die Nacht Deiner Leiden vorbei, Bald sind geheilt Deine blutenden Wunden, Bald fühlst Du als Mensch Dich stark wieder und frei Bald bist Du im Lande, das Dir verheissen. Zu neuem und würdiger" m Lehen erwacht — Dann soll es stolz und selbstbewusst heissen : Das hat die Heimat aus Dir gemacht! Paris, im April 1900. Heinrich Grünau.

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