Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-04-19 · 16 (19.4.1900) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
16 (19.4.1900)
Article
[Kommentar]
Date
1900-04-19
Page
11 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315868--19194-3368706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 16 „£>ie s£ Welt" Seite 11 Zeitschriftenrundschau. In den letzten Tagen vor seinem Tode veröffentlichte Dr. J. M. Wise in der „Deborah" eine Studie über den Zionismus, dem sich bekanntlich eine grosse Anzahl seiner Schüler zuneigen. Seiner Ansicht nach ist der Zionismus zu unterstützen, weil er geeignet ist, die Einigkeit unter den Juden herzustellen. Wenn er (Wise) daher mit den Zielen der Bewegung auch nicht übereinstimme, so wolle er sie doch? nicht bekämpfen und ihr keineswegs hindernd in den Weg treten. Bei Besprechung der preussischen Statistik über Eheschliessungen bemerkt die „Allg. Ztg. d. Judenth." : „Das Charakteristische dieser Ziffern ist die hohe Zahl der Mischehen, die unaufhaltsam im Steigen ist. Schon ist jede sechste Ehe eine Mischehe; dabei gehen die Kinder dieser Ehen fast alle dem Judenthum verloren. Am Bestände des deutschen Judenthums nagt die Mischehe viel mehr, als die gesammte Thätigkeit der Mission und alle Taufen, selbst Kindertaufen. Es ist natürlich schwer, diesen Verlust in Ziffern auszudrücken, aber man ist sicher, ihn noch sehr niedrig zu bemessen, wenn man ihn auf 70U bis SuO Seelen jährlich sehätzt." Dasselbe Blatt begleitet die Rothschild-Duell-Affaire mit folgenden Glossen : „Schon jetzt wirft es aber ein grelles Streiflicht auf die Stimmungen in den „vornehmen- Kreisen von Paris und auf die Stellung der jüdischen Millionäre, die »Jrei Menschenalter hindurch jedes Opfer an persönlicher Würde und Geld vergeblich gebracht haben, um in den französischen Adelskreisen als voll anerkannt zu werden." Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, dass auch die „Allg. Ztg. d. Judenth.- die „Stellung der jüdischen Millionäre" angreift. Die letzte Nummer der „Wahrheit" enthält einen beachtenswerten Artikel über „National und J ü d i s c h". Der Schreiber hält den religiösen Zionismus für unzertrennlich vom politischen. Bücherwelt. Im Verlage von Jacob R. Brand eis in Prag und Breslau ist soeben eine Geschichte des Judenthums von dem babylonischen Exile bis auf die Gegenwart erschienen, deren Verfasser unser Gesinnungsgenosse, der bekannte jüdische Gelehrte Dr. J. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad ist. Das Werk zeichnet sich vor allen anderen derartigen Werken auch dadurch vortheilhaft aus, dass es der zionistischen Bewegung Gerechtigkeit widerfahren lässt und sie ihrer Bedeutung entsprechend ausführlich würdigt. Wir behalten uns vor, auf diese ausgezeichnete jüdische Geschichte demnächst des Näheren zurückzukommen. A. Z. Rabbinowicz: -Qyn "hbn (Schatten der Vergangenheit.) Bilder und Skizzen. M. J. Berdyczewski: ma JOTIJ? (Ejn vorbeigeflogener Rabe.) Erzählung. M. J. Berdyczewski: HjtDpn (Aus meiner kleinen Stadt.) Silhouetten. Verlag Tuschija. Pintrkow tljou. Rabbinowicz und Ber dy c z e w s k i sind Kinder zweier Epochen. Rabbinowicz ist aus der Jeschibah hervorgegangen, hat um die Aufklärung gerungen und mit eigener Kraft sich auch emporgerungen. Er ist ein Autodidakt, ein echter „Maskil" (ein Aufklärer). Das Wort bedeutet fast eine Weltanschauung. Ein Maskil verwirft Talmud und Ritualcodices und liebt , die Wissenschaft, liest justament Voltaire und delectiert sich überhaupt an allen „freigeistigen" Schriften. Er schwärmt fürs Leben, bewundert die Werke Gottes, staunt die neuen Erfindungen an und ist auch innerlich froh, nebenbei ein Speisegesetz übertreten - zu können, denn er ist, o! ein Freidenker. Dabei ist er im Innern der alte Jeschibahjünger mit seinen alten Ideen geblieben, das Moderne ist ihm ein leichter Ueberzug. lieber Rabbino wiez hat Sokolow in Basel den charakteristischen Witz gemacht, dass ihn, „unseren Zola", die zahllosen, gleichzeitig erstrahlenden elektrischen Lichter im Congress-Saale gewiss noch in Staunen versetzten. Als Schriftsteller ist Rabbinowicz übrigens gar nicht unfähig. Manche seiner grösseren Erzählungen zählen zu den besten, die wir besitzen. In kleineren Skizzen von engerem Milieu — wie im vorliegenden Bändchen der Tusehiju — wäre mehr psychologische Vertiefung nothwendig. — Eine solche psychologische Vertiefung zeigt eben Berdyczewski in der vorliegenden Schilderung einer Liebesgeschichte. Es ist ein Traum aus dem eigenen Leben. Auch ßerdycze ws k i ist ein Jeschibahjünger, er hat uns selbst einmal im „Hakerem" in feinen, poetisch angehauchten Skizzen einzelne Typen seiner Collegen aus der Wolosiner Jeschibah gezeichnet. Aber er ist kein Autodidakt. Sein Bildungsgang führt von der Jeschibah zur Universität. Talmud — Nietzsche, das sind die zwei Stationen auf der Bahn seiner Entwicklung. Er ist ein jüngerer Maskil, viel moderner als die älteren, aber sein Lebergang war zu rapid, zu schroff. Berdy cze wsk'y hat das Moderne, das er in sich aufgenommen, noch nicht innerlich verarbeitet. Talmud und Nietzsche ergeben ein chaotisches Tohu-Wabohu. Seine philosophische Doctoidissertation hat kaum jemand anderer verstanden als er selbst. Dass er sie selbst verstanden, glauben wir nur. (Siehe die treffliche Recension im Jahrgang 1891» der „Deutschen Literaturzeitung-.) Berdyczewski ist ein Mann von Begabung und idealem Streben; er will etwas, das ist wahr, nur wissen wir noch nicht was, weil er es selbst noch nicht recht weiss. Darum haben die Fanfarenklänge, mit denen er — mit Zustimmung seiner zwei Getreuen — den Anbruch einer jüngst-hebräischen Literatur angekündigt, kein Echo gefunden. Der Verein „der Jungen" — besser „der Jüngsten" — zählt inclusive B e r d y c z e w s k i noch immer nur drei Anhänger, wenn inzwischen nicht einer wieder abgefallen ist: die von Berdyczewski herausgegebenen Schriften des Vereines — frei nach Nietzsche — haben vorderhand nicht mehr Leser, als der Verein Mitglieder. Berdyczewski gährt noch; wenn er sich beruhigt und abklärt, hat die hebräische Literatur von ihm vieles zu hoffen. Seine letzte in deutscher Sprache geschriebene Erzählung „Daneben" in der „Neuen Deutschen Rundschau", 1898 erschienen, bedeutet in seinem Schaffen entschieden einen Fortschritt. Er legt uns seine eigene Seele bloss und zeigt ein Stück tiefer Tragik, die ein moderner Jude in sich trägt. Er will wie die anderen sein, lieben, leben und sich ausleben, aber die Jahrhunderte der Absonderung haben schon seine Väter aus dem Paradiese des Lebens und der Natur ins Lehrhaus vertrieben, aus der gesunden Wirklichkeit in die Welt des Abstracten gewiesen. Der moderne Jude kann jetzt über das Leben nur nachdenken, es ist ihm zu einem Object geworden, zu einer geometrischen Figur zusammengeschrumpft. Er packt es, weil es ihm interessant ist, und es läuft ihm wieder davon. In seinem Herzen erwachen Gefühle, gesunde Instincte, aber sein nüchterner Geist verzehrt sie, wie Kronos seine Kinder. Dies alles schildert Berdyczewski in psychologisch feiner, moderner Weise. Seine Silhouetten (Aus meiner kleinen Stadt) sind, von ganz wenigen abgesehen, fast wertlos. Es fehlt ihm die Gabe, mit wenigen Pinselstrichen — in wenigen Zeilen — Gestalten zu zeichnen j. b. Vereinsnachrichten. Wir machen darauf aufmerksam, dass die Schekelgelder (laut Baseler Organisationsstatut) an unseren Cassier Herrn Isidor K o 1 i s c h, VIL, Zieglergasse Nr. öS, einzusenden sind, und ersuchen wir sowohl die Vorstände wie die Vertrauensmänner der im Directionsvorstande vertretenen Organisationen, dieses umgehend zu veranlassen. Wir richten ferner das Augenmerk darauf, dass in allen den Orten und Stadtbezirken, wo mehr wie -20 Schekelzahler sich befinden und zionistische Ortsgruppen oder Vereine noch nicht constituiert sind, die dort ansässigen Vertrauensmänner mit der Vereinsbildung vorzugehen haben. Ebenso sollen sie bemüht sein, an Orten, wo noch keine Vertrauensmänner sind, solche zu finden. Alle in dieser Richtung geschehenen Schritte sind dem Districtsvorstande zu melden. Gleichzeitig ersuchen wir, von allen die Judenheit im allgemeinen und die zionistische Bewegung im be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.