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Die Welt · 1900-04-19 · 16 (19.4.1900) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
16 (19.4.1900)
Article
[Nachricht]
Date
1900-04-19
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 10 ,Die i£ Weit" Nr. 16 Mittelst kais. Verordnung wurde in der Türkei die obligatorische Impfung eingeführt. Im Laufe der vorigen Woche ist eine grosse Anzahl jüdischer Familien aus Rumänien in Gonstantinopel eingetroffen, von wo aus dieselben in die Gegenden von Isrnid und Eskischehir behufs Ansiedlung weiter expediert wurden. Alle ohne Ausnahme erhielten bei ihrer Durchreise in Gonstantinopel Geldgeschenke vom Sultan. B. Allerlei Nachrichten. Oberst Golds mith war im Gefechte von Paardeberg im Feuer: sein Pferd wurde zweimal verwundet, er selbst erhielt zwei Streifschüsse, ohne ernstlichen Schaden zu finden. Zur Zeit ist er Commandant in Maruweport, dem bekannten wichtigen Eisenbahn-Knotenpunkt. * In Fulda gelang es dem dortigen Rabbiner Doctor Kahn, eine jüdische Volksschule zu gründen, die nunmehr ein eigenes, allen hygienischen Anforderungen entsprechendes Gebäude bezieht Vor uns liegt der 58. Jahresbericht der „Israelitischen Gewerbeschule des Oberelsass" in Mülhausen. Diese Schule, ein Musterinstitut, wie es deren wenige gibt, zählte im abgelaufenen Jahre 43 Schüler der verschiedensten Berufsarten. Davon verliessen die Schule 14, mit den nöthigen Kenntnissen ausgestattet. Die Einnahmen betragen 19.102 Mk* W Pf., die Ausgaben 14.S14 Mk. 36 Pf. Von der Stadt Mülhausen erhält die Anstalt eine jährliche Subvention von 4000 Mk., so auch eine Summe von 800 Mk. vom Bezirksausschusse. Die Zinsen der angelegten Gelder betragen 4750 Mk. Bei der Ausstellung von Lehrlingsarbeiten in Strassburg erhielt die Schule von den ll~2 ausgeschriebenen Preisen nicht weniger als 14, die auf ebenso viele Aussteller entfielen. „Jewish Chantangua" nennt sich eine über die Vereinigten Staaten von Nordamerika verbreitete Organisation zur Wiederbelebung der jüdischen Sprache. Literatur und des jüdisch-nationalen Geistes, zu deren bedeutendsten Männern unser Gesinnungsgenosse Professor Richard Gottheil gehört. Ein Bericht über eine Sitzung der Verwaltung, die am 4. v. M. in Philadelphia stattgefunden, besagt, dass die Bemühungen vor allem darauf gerichtet seien, in jeder jüdischen Gemeinde Vereine zu gründen zur Hebang der Kenntnisse in jüdischer Geschichte etc. Die nächste Hauptversammlung soll vom 15. bis k29. Juli in Atlantic City, N.-J. stattfinden. Wir berichteten vor einiger Zeit von einer Anordnung, dass alle in amerikanischen Häfen Ankommenden nach Religionen classificiert werden sollten. Auf einen Einspruch des bekannten Parlamentariers Simon W o 1 f in Washington erliess die Oberbehörde eine Ordre, die Classificierung in der Regel nicht mehr vorzunehmen, sondern nur in solchen Ausnahmsfallen, wo es dem Einwanderungs-Commissär nöthig erscheint. Infolge einer von den jüdischen Lehrervereinen Preussens an die Staatsregierung gerichteten Petition um Gehaltsbesserung wird eine Enquete veranstaltet über alle die Lehrer betreffenden Verhältnisse. Ganz besonders wird dabei auch Wert auf die Frage gelegt, ob die ungenügende Dotierung auch einen ungenügenden Religionsunterricht zur Folge hat. * Grossen Beifall erzielte das vom Lehrer und Cantor F a b i s c h in Göttingen verfasste und dort zur Aufführung gebrachte Drama „Esther." Auf Wunsch eines hervorragenden Musikers wird die Drucklegung des Werkes erfolgen. Die ganze Darstellung erfolgte von Schülern und mit voller Orchesterbegleitung. Der Componist dirigierte sein Werk selbst und erwies sich auch als vorzüglicher Dirigent. Die uralten Megilla-Melodien sind motivisch verwendet. Die Druckerei des „American Hebrew" wurde vom Feuer zerstört. Das Blatt gehört der bedeutenden amerikanischen Verlagsfirma Philipp Cowe n. Man befürchtet den Verlust zahlreicher wertvoller Manuscripte. In Hamburg starb im 94. Lebensjahre der Banquier E. L. Ruber, ein Mann, der sich in allen Bevölkerungsschichten des höchsten Ansehens erfreute. Der Verstorbene hatte sich jede Trauerrede verbeten. Die riesige Betheiligung bei seinem Leichenbegängnisse sagte mehr als alle Nachrufe. Ein merkwürdiger Fall von „jüdischem Solidaritätsgefühl" wird aus Frankfurt a.M. gemeldet. Wir drucken die Meldung mit allem Vorbehalte ab: Dort sind nämlich an der sogenannten Hirsch'schen Schule (Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft) eine ganze Anzähl christlicher Lehrer angestellt, und erst im vergangenen Jahre wurden zwei jüdische Lehrer durch christliche ersetzt. Nun soll an Stelle des verstorbenen Directors Hirsch nicht der als Schriftsteller und Pädagoge hervorragende Prof. Doctor Sulzbach, sondern ein katholischer Oberlehrer ernannt werden. Man denke, die Hirse h'sche Realschule geleitet von einem katholischen Lehrer! Die letzten Nummern der amerikanischen jüdischen Zeitungen bringen Einzelheiten aus dem Leben des in C i n c i n n a t i verstorbenen Rabbiners J. M. W i s e. Sogar seine religiösen Gegner erkennen die Thatkraft an, welche er zur Hebung des amerikanischen Judenthums und der jüdischen Literatur entwickelt hat. * Dr. E. G o i t e i n, Districtsrabbiner in Burgkundstadt (Bayern), fand auf dem Bodenräume der Synagoge in Altenkundstadt ein Actenbündel, enthaltend drei Decrete der fürstlichen Regierung aus dem Jahre 1797 und sonstige amtliche Schreiben, eine im Mai jenes Jahres erhobene Blutbeschuldigung betreffend. Infolge energischen Auftretens der Regierung war es den Behörden -geglückt, die Sache klarzustellen, und die Regierung erliess ein Decret, jeden mit einer empfindlichen Strafe bedrohend, der wegen dieses Vorfalles einem Juden ein Leid zufüge. Die Urheberin des Gerüchtes wurde in Haft genommen.

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