Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 16 (19.4.1900)
- Article
- Marseille
- Date
- 1900-04-19
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 16 „Die 2$ Welt" Seite 9 bedienten, und ihm war es zu danken, dass es diesen beiden überhaupt möglich geworden war, den Verfolgungen in Damaskus ein Ende zu bereiten. Doch bald wieder musste er für andere Bedrängte seine Stimme erheben. Als im Jahre 1S(>0 die Christen-Massacres stattfanden, da war es Fischel Bosenzweig, der für die Christen eintrat und Hunderte vom sicheren Tode rettete. Sein Haus war wie das unseres Stammvaters Abraham ein Zufluchtsort für Arme und Bedrängte, Einheimische und Fremde. In der Ausübung dieser guten Werke stand seine Gattin ihm treu zur Seite. Vier Monate vor dem Tode ihres Gatten segnete sie das Zeitliche, ein Biederweib in des Wortes höchster und schönster Bedeutung. Eine grosse Genugthuung war es Fischel Rosenzweig, zu sehen, wie die Ideale, denen er durch mehr als 40 Jahre das Wort geredet, sich in der zionistischen Bewegung zu verwirklichen begannen. Der Eifer, mit dem er nach dieser Richtung hin sich bemühte, hat sich auf seine Kinder übertragen, unter denen sich Frau Professor G o 11 h e i 1 und Miss Leon befinden. England. London. Das Central - Comite der „Federation" versammelte sich am 25. v. M. in L e e d s. Es waren aus allen Theilen des Königreiches Delegierte anwesend. Die Verhandlungen fanden unter Leitung des Chairmans Sir Francis Montefiore statt. Vor allem wurde ein bedeutender Fortschritt der zionistischen Bewegung constatiert. Der „Federation" gehören 37 Vereine an, einige neue Vereine werden in allernächster Zeit ihre Thätigkeit beginnen und damit die Zahl i<> überschritten sein. Am Abend fand eine grossartige Massenversammlung statt, die von mindestens 1500 Personen besucht war. Der Enthusiasmus war unbeschreiblich, namentlich am Schlüsse von Sir Montefiores Rede, die einen überwältigenden Eindruck hervorbrachte. Redner wandte sich namentlich gegen die absurden Aeusserungen von Mrs. d'A vigdor und M. Cohen, die vier Wochen in Palästina sich aufhielten und sich nun schon ein Recht anmassen, ein Urtheil über die dortigen Zustände abzugeben. Dasselbe widerspreche derart allen massgebenden Aeusserungen. dass es kaum nöthig sei, weiter darauf einzugehen. Nur um durch Schweigen unseren Feinden nicht recht zu geben, müsse man dagegen Einspruch erheben. — Mr. Halpern, unser ausgezeichneter Jargonredner, wird demnächst eine Agitationsreise in Schottland unternehmen und dort auch mit Sir Francis Montefi ore zusammentreffen. — Für die nächsten drei Monate ist in London eine grössere Zahl von Versammlungen bereits ins Auge gefasst. Die erste fand letzten Samstag abends statt. In einer Massenversammlung im Jewish Working Mens Club unter den Auspicien des „Young Zion Institut" sprach einer unserer christlichen Freunde, Father Ignatius. Der Redner bemerkte, wie England den Juden fast alles zu danken habe. Man möge das hinwegdenken, was die Juden in England geleistet, und es würde von allem Glänze nicht viel übrig bleiben. Palästina werde unter den Händen der Juden wieder zu einem blühenden Garten werden. — Dr. Gaster, der den Vorsitz in der Versammlung führte, bemerkte im Verlaufe des Abends, es seien viele der Ansicht, seine Thätigkeit in der zionistischen Bewegung habe sich vermindert. Dem müsse er entschieden entgegentreten. Er sei durch Krankheit längere Zeit verhindert gewesen, sich activ zu betheiligen, aber weder sein Glaube an den endlichen Erfolg, noch sein Interesse seien geschwunden. Das jüdische Volk allein habe den Erfolg in seiner Hand. Jeder Jude habe „den Marschallstab im Tornister", jeder könne der Befehlshaber in der Armee sein, die auf friedlichem Wege einen grossen Sieg erringen wolle. — Der Erfolg des Abends war ein ausserordentlicher und die Begeisterung während und nach der Rede des Father Ignatius unbeschreiblich. Der ehrwürdige Herr erklärte sich bereit, jederzeit in einer Versammlung zugunsten des Zionismus zu sprechen, ein Anerbieten, das mit lauten Beifallsbezeugungen aufgenommen wurde. London. Mit Ende des Monates März konnte die „English Zionist Federation" auf das erste Jahr ihres Bestehens zurückblicken. Gleichzeitig geht die Wahlperiode Sir Francis Montefiores zu Ende. Der Erfolg der letzten drei Monate ist einzig in seiner Art. Während wir vor einem Jahre nur einige wenige Organisationen hatten, die als stramm zionistisch gelten konnten, können wir das Jahr mit circa Vereinen beschliessen, wovon 7 erst innerhalb der letzten •> Monate entstanden sind. Dabei haben wir die Agitation nach allen Richtungen hin ausgedehnt. Ich constatiere, dass seit dem 1. Jänner d. J. ausser den regelmässigen wöchentlichen Vereinsversammlungen nahezu o<) öffentliche Versammlungen stattfanden. Die letzte fand zugunsten der Bank statt und hatte einen schönen Erfolg. Vor allem fiel das Fehlen jeder Opposition auf. Die meistbesuchte Versammlung war jene vom letzten Sonntag Abend : es war eine Versammlung sämmtlicher Vereine des East- End. Sir Francis Montefiore hielt eine grossangelegte Rede. J. de H. Holland. Rotterdam. Dr. Ritter, Rabbiner von Rotterdam und Unigegend. hat sich in einer gestern ÖTfjn H2w) gehaltenen Rede gestattet, den Vers "HX T2 iW "^'Un 1 wJ7 Tö „Errette mich aus der Hund meines Bruders, aus der Hand Esau" auf den Zionismus anzupassen und seine Schutzbefohlenen vor diesem Ungeheuer „Zionismus" dringend zu warnen. Leider sind wir Zionisten gewöhnt, gerade von den Rabbinern verkannt und geschädigt zu werden, aber obiger Fall hat den Vorzug des Originellen, Curiosen. Dr. Ritter nämlich hat vor einer Gefahr gewarnt, die nicht existiert. Die holländischen Juden sind derart über die Strömungen im Judenthum informiert, dass der grösste Theil der Zuhörer kaum wusste, um was es sich handelte. Da man auch kaum annehmen kann, dassDoctor lütter obiges Thema aus Mangel an Stoff gewählt hat, so kann ich nicht umhin, zu glauben, dass die Rede einzig und allein den Zweck verfolgte, den Zionismus anzurempeln. — Die deutschen Protestrabbiner können auf ihren holländischen Collegen recht stolz sein. S. Türkei. Constantinopel. 4. April. (Orig.-Corr.) Mit dein Lloyddampfer „Poseidon" trafen am 31. v. M. die Herren Ernst Mackense und Otto v. Kapp hier ein. nachdem sie gerade sieben Monate vorher zur Besichtigung der neuen Bahnlinie nach Mesopotamien entsendet worden waren. Wenn auch die Durchführung des Projectes bis heute noch nicht vollkommen gesichert ist, es handelt sich noch um Feststellung der Indemnität beim Kilometer, so steht doch eine günstige Erledigung in absehbarer Zeit ausser Zweifel. In acht Jahren soll dann die Bahn fertiggestellt sein. Der Weg führt, in grossen Zügen wiedergegeben, von Cogna aus über Carama, Erigli, Nigde, Adana, Tarsus, Hamidjie, Jersovab, Duldilogas, Karabikli, Biridjik, Urfa (altes Odyssea), Wirauschir, Nislin, Fischabur, Semel, Mosul (Ninive) auf dem Kerkurweg nach Bagdad. Als interessantes Abenteuer erwähnen die Commissionsmitglieder die Zusammenkunft mit Ibrahim, dem Kaimakam der Hamidjies, eines mächtigen kriegerischen Wüstenvolkes. I b r a ii i m äusserte seine Absicht, das zerstörte Wirauschir wieder aufzubauen. Im Gegensatze hierzu fand man zwischen Fischabur und Semel ca. 150 von Hamidjies zerstörte Dörfer.