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Die Welt · 1900-04-19 · 16 (19.4.1900) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
16 (19.4.1900)
Article
Die jüdischen Ackerbaucolonien in Russland
Date
1900-04-19
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die 2$ Welt" Nr. 16 a r a b i e n, Excellenz S. N. Samo w, dem die jüdischen Colonien unterstehen, hatte schon vor langer Zeit in St. Petersburg Schritte unternommen, die die Errichtung von Ackerbauschulen in den jüdischen Colonien bezweckten. Vor kurzem wurde nun die Errichtung einer landwirtschaftlichen Schule in der jüdischen Colonie Nowo- Poltawka concessioniert. Dieser Concession zufolge wurde eine Baucommission gebildet, an deren Spitze Seine Excellenz Herr S. N. Samo w steht. Für die vorläufigen Baukosten wurde der Betrag von 10.000 Rubel ausgesetzt. Ausserdem wurde von regierungswegen die Errichtung von Elementarschulen in allen jüdischen Colonien des Gouvernements Cherson coneessioniert Im Chersoner Kreise, in dem sich hauptsächlich die jüdischen Colonien befinden, werden 18 Elementarschulen, im Elisabethgrader Kreise aber drei Elementarschulen eröffnet werden. Wie Ritualmord-Gerüchte entstehen. Einen Beitrag zur Geschichte der menschlichen Dummheit und Bosheit lieferten unlängst die Antisemiten von Wilna. Bei dem jüdischen Friseur Blondes zu Wilna war die Magd Vincenzia Grudzinski im Dienste. Sie beschloss im Einvernehmen mit ihrem Geliebten, den „Juden" zu bestehlen. Zu diesem Zwecke öffnete sie um Mitternacht ihrem Geliebten die Hausthüre und zeigte ihm den Weg zu den Truhen, wo die Ersparnisse des Friseurs verwahrt waren. Die Diebsgenossen machten sich an die Arbeit, in diesem Augenblicke aber erwachte Blondes und stürzte in das Zimmer, wo er die Diebe bei ihrer Arbeit überraschte. Nun wollte das Diebspaar Blondes überfallen, vielleicht auch ermorden. Da ergriff Blondes ein in der Nähe gelegenes Rasiermesser, um sich zu vertheidigen. In der Rauferei brachte Blondes der Magd — ihr Geliebter hatte inzwischen Fersengeld gegeben — eine Halswunde bei. Mit der Wunde an dem Halse stürzte nun die Magd auf die Strasse und rief um Hilfe. Der angesammelten Menge erzählte die diebische Magd, dass der „Jude" Blondes sie in der Nacht überfallen hätte und abschlachten wollte. Diese Erzählung hatte genügt, um in der Stadt das Gerücht von einem Ritualmorde zu verbreiten. In vielen jüdischen Familien verliessen die christlichen Dienstboten, wie der „Sjewerni Kurjer" aus Wilna meldet, den Dienst, ihren Schritt damit motivierend, dass der Pfarrer selbst gesagt hätte, es sei gefährlich, vor Ostern bei Juden im Dienste zu sein. Zum Glücke aber hat die Wilnaer Polizei energische Massnahmen zur Unterdrückung der böswilligen Verbreitung der Ritualmord-Gerüchte ergriffen und eine strenge Untersuchung in der Affaire Blondes-Grudzinski eingeleitet, die zur völligen Klarstellung des Sachverhaltes führen dürfte. Die russischen Blätter, wie „Syn Otetsehestwa" und „Sjewerni Kurjer", verurtheilen auf das schärfste diese mittelalterliche Hetze gegen die Juden. Gt. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener Israelitischen Cultusgemeinde vom 1. bis 7. April verzeichnet 02 Geburten, 14 Trauungen und 40 Sterbefälle. Correspondenzen. Oestarreich-Ungarn. Buczacz. (Zum Capitel: „SelbstzuchtB.) Am 7. d. veranstaltete der „Sokol" in Buczacz zu wohlthätigen (freilich nicht genannten) Zwecken einen Abend, zu dem natürlich auch die jüdische Intelligenz geladen wurde. Sie fand sich auch zahlreich ein, diese Intelligenz, wie sollte sie sich denn die Gelegenheit entgehen lassen, ihre Loyalität kundzuthun? Der erniedrigenden Rolle, die man ihr zugedacht, hat sie sich auch vollkommen würdig gezeigt. Was da auf diesem Abende gesprochen und gesungen wurde, das troff förmlich von antisemitischen Lügen und Niederträchtigkeiten; den Gipfel der Lüge aber erreichte die Vclksschullehrerin Frl. D o b o w n a, als sie in den dichtgefüllten Sokolsaal wörtlich Folgendes hineinrief: „Die Jaden saugen unser Blut und bereiten damit ihre Mazzes schmackhafter zu." Es wäre überflüssig, darüber Betrachtungen anzustellen, ob sich denn eine Volksschullehrerin, die zudem noch an einer auch von Judenkindern besuchten Anstalt thätig ist, das gestatten darf, was nur einem antisemitischen Hetzapostel erlaubt ist. Interessant ist nur, dass sich die anwesenden Juden ohne den leisesten Protest durch all die antisemitischen Kothpfützen zerren liessen, und um nicht vielleicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass sie beleidigt wären, fanden es manche für angemessen, die Darsteller zu dem Erfolge zu beglückwünschen. Man erwartet daher auch nicht, dass die anwesenden jüdischen Bezirksschulräthe — den jüdischen Bürgermeister und den Vertrauensmann der Baron Hirschschen Stiftung nicht ausgeschlossen — das Auftreten der genannten Lehrerin etwa im Bezirksschulräthe zur Sprache bringen werden. Wenn sich diese waschlappigen Herren Juden für ihr gutes Geld, mit dem sie gewiss nicht für die „wohlthätigen Zwecke" der antisemitischen Veranstalter gespart haben, moralische Ohrfeigen austheilen lassen, so kann dies schliesslich jedem recht sein, wie soll man aber dann nicht von Jüdischer Feigheit, Charakterlosigkeit" etc. schwatzen? — Wir Zionisten haben, was die Erziehung unserer blutarmen Herren Stammesgenossen anlangt, wahrlich noch ein grosses Stück Arbeit vor uns. Bar-Kochba. Rzeszow. Am 8. April fand in der hebräischen Schule „Teudath Israel", welche unter der bewährten Leitung dreier gleich tüchtiger Lehrer, der Herren Apfelbaum, Glücksmann und E w e n steht, die vierte Prüfung seit ihrem Bestände statt. Die Prüfung zog ein zahlreiches Auditorium an. welches den einzelnen Phasen mit der grössten Aufmerksamkeit folgte. Das Resultat war ein günstiges. Jedermann musste ob der musterhaften Disciplin und den bedeutenden Fortschritten der Schüler in der hebräischen Sprache Genugthuung empfinden. Möge die Schule eine wahre Pflanzstätte jüdischen Wissens werden, und mögen die Lehrer in ihrer Arbeit nicht ermüden, die Schule zu einem Musterinstitute zu gestalten. K. K. Frankreich. Marseille. Am 23. Februar starb hier, wie Sie bereits gemeldet haben, Herr FischelRosenzweig, einer jener Charaktere, wie sie leider immer seltener werden im modernen Judenthume. Der Verblichene war als Kaufmann in den weitesten Kreisen bekannt und geachtet, und auch als Gelehrter erfreute er sich hohen Ansehens. Viele werden sich seiner wissenschaftlichen Artikel in verschiedenen hebräischen Zeitschriften erinnern. Doch nicht als Kaufmann, nicht als Gelehrten möchte ich F i s c h e 1 Rosenzweig gewürdigt wissen, sondern als Philanthrop. In unseren Tagen versteht man darunter einen Millionär. Das war Rosenzweig nicht. Er war einer, der nicht nur von seinem Gelde opferte, sondern auch von seiner Zeit. Seine persönliche Mühewaltung für die Nothleidenden war in Wahrheit aufopferungsvoll, und es ist keine Uebertreibung, wenn man behauptet, dass es wohl kein Land der Erde gibt, wohin sich sein Wohlthun nicht erstreckt hätte. Fischel Rosenzweig war in Russland geboren, kam aber schon in jungen Jahren nach Syrien. Er siedelte sich in Beyrut an, wo er bald zu den ersten Kaufleuten zählte. Durch seine Verbindungen mit der türkischen Regierung bekam er bald einen bedeutenden Einfiuss. Unzähligemal warf er sein Wort in die Wagschale zum besten seiner Brüder. Hauptsächlich ihm war es zu danken, dass seinen hartbedrängten Brüdern in Damaskus im Jahre 1856 geholfen wurde, als durch die Blutbeschuldigung Leib und Leben der Juden bedroht war. Er war das Instrument, dessen sich damals Albert Cohn und CrSmieux

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