Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 16 (19.4.1900)
- Article
- Voranzeige
- Date
- 1900-04-19
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 16 »Die Q Welt*4 Seite 7 Voranzeige. Die jüdische Vereinigung ,Jordani;r. W i e n, IL, Gredlergasse 0, veranstaltet Sonntag den 22. April 1900, um 8 Uhr abends, im Saale „zur schönen Schäferin", IX., Sechsschimmelgasse 1(>, eine grosse öffentliche Versammlung. Tagesordnung: 1. „Was wollen ^d i e s e Z i o n i s l e n V* Referent: Vereinsmitglied Alfred W üissbc r g e r. 2. Discussion. Dienstag den 24. April 1900 findet im Restaurant Herlinger, XIV7., Schwendergasse 1, die constituierende Festversanmilung des „Vereins zionistischer Frauen und Mädchen in Fünf haus11 statt. Unmittelbar hierauf hält der „Einzelverein Fünfliaus des Zion" seinen vierten Vereinsabend mit folgender Tagesordnung ab: 1. Vereinsangelegenheiten. 2. Vorlesung der neuen Novelle : „An der Klosterpforte" durch deren Verfasser, Herrn Schriftsteller H. York-Steiner. o. Vortrag des Herrn Rabbinats-Gandidaten B. Margulies als Einleitung zu den Literatur-Abenden: „Was heissl und zu welchem Zwecke studiert man jüdische Geschichte?u — Beginn präcise 8 Uhr. Weltchronik. Orthodoxe Rabbiner in Russland für den Zionismus. Das Mitglied des zionistischen Actionscomites, unser hervorragender Gesinnungsgenosse Herr Rabb. S. J. Rabbinowitsch in S o p o z k i n, hatte an die orthodoxen Rabbiner in Russland Circulare versandt, in denen er sie aufforderte, die schriftliche Erklärung abzugeben, dass der Zionismus nichts enthalte, was geeignet wäre, vom Standpunkte der jüdischen Religion Bedenken zu erregen, und dass die zionistische Bewegung im Gegentheil die Förderung der gesetzestreuen Juden verdiene. Auf diese Circulare hin erhielt nun Herr Rabbiner Rabbino witsch bisher von circa 100 Amtsgenossen Zustimmungs-Kundgebungen für den Zionismus. Rabbiner Rab binowitsch veröffentlicht vorläufig ein Namenverzeichnis der zustimmenden Rabbiner in den hebräischen Tagesblättern „Hameliz" und „Hazefirah". Den Wortlaut der Erklärungen wird Rabbi Rabbino witsch den Blättern späterhin zur Publication übermitteln. Der Ritualmord im Eisenbahncoupee. Wir lesen in einem Budapester Blatte: Zwei elegant gekleidete Herren hatten bereits ein Coupee I. Classe occupiert, als der Abgeordnete der Volkspartei Franz B u z a t h am Perron erschien. Der Conducteur drängt zur Abfahrt. „Hierher bitte," ruft er, auf das von den beiden Herren occupierte Coupee weisend. „Schon wieder zwischen Juden?" antwortete indigniert der Herr Abgeordnete. Die beiden Herren hatten sich bei diesen Worten angeblickt und nur eine leise Bemerkung gemacht. „Ein anderes Coupee habe ich nicht," — antwortete trocken der Conducteur. Herr Franz Buzüth sah sich demzufolge genöthigt, in dem Coupee Platz zu nehmen, ohne jedoch die Mitreisenden eines Grusses zu würdigen. Die beiden Herren beginnen eine recht lebhafte Unterhaltung. „Weisst Du wer unser Mitreisender ist?" — „Habe wirklich keine Ahnung." — „Ein spanischer Stierkämpfer, er hat ein Engagement für Oes-Budavära angenommen." — „Wirklich? Na das Aussehen spricht für die Richtigkeit." — Buzdth fand es nicht der Mühe wert, die Herren über den Irrthum aufzuklären. Nach einer Weile begann der eine abermals: „Vor diesem Spanier können wir ungeniert sprechen, er versteht ja so kein Wort. Sag* mal, habt ihr schon das Christenmädchen?" — „Zum Passahfest meinst Du? Ja diesmal haben wir eiuen Prachtkerl, vollblütig, 1(5 Jahre alt und bei alledem auch sehr billig erhalten." — „Wir haben Malheur, ich fürchte, es geht uns so wie im Vorjahre." — „Wieso V — „Denke Dir, sie lieferten uns ein blutarmes Mädchen, wochenlang liessen wir es mit Eisen füttern, jedoch vergebens, im übrigen haben wir noch ein Mädchen in Aussicht jedoch wird auf dieses sehr aufgepasst." — „Schrecklieh. Diese Katholiken ..." — „Ja, •heute-morgen müssen wir unseren Traditionen untreu werden!" — „Was .' Osteibrot ohne Christenblut essen, . . . na das wäre fürchterlich." — „Diese vielen Unkosten finden Apparat wären dann rein hinausgeworfen." — „Wir haben unseren Apparat aus der Schweiz bekommen." — „Wir direct aus England: das stärkste Christenmädchen wird in zehn Minuten ein Häuflein Asche." — Franz Buzüth fühlte sich während dieses Zwiegespräches recht unbehaglich, wiederholt nahm er seine Mitreisenden scharf aufs Korn, konnte sich endlich nicht zurückhalten und sprach zu den unbequemen Reisegenossen: „Solch* dumme Witze kann man nur von Juden hören." — »Oho! mein Herr, ich heisse N. X. und bin der Bruder des Veszprimer Domherrn N." „Und mein Vater ist reformierter Bischof." sprach der zweite. Zur Bekräftigung ihrer Angaben überreichten sie dem verblüfften Abgeordneten ihre Visitkarten. Er wird sich nächstens wohl überlegen, im Coupee zu antisemitein. Gastfreundliche Lohnkutscher. Einen eigenartigen Lohntarif hat. nach einer Mittheilung der „Strassb. Post", die Vereinigung der Colmarer Lohnkutscher aufgestellt: „Wir sehen uns durch das Aufschlagen aller Handwerker gezwungen, auch unsere bisherigen Preise zu erhöhen, u. zw. für Hochzeiten pro Wagen : Zweispänner, katholische 10 Mk., protestantische h' Mk., israelitische l-"> Mk.: Begräbnisse pro Wagen: Zweispänner, katholische S Mk.. protestantische 10 Mk., israelitische 15 Mk." Die Juden — sowohl die lebenden, als auch die todten — müssen also den Aufenthaltin den Colmarer Equipagen bedeutend theurer bezahlen, als die übrigen Religionsgemeinschaften. Immerhin sind die Colmarer Kutscher noch entgegenkommender, als jener Wiener Fiaker, welcher durch seinen Ausspruch „Juden fahr' i not!" sich in jüngster Zeit berühmt gemacht hat. Das Testament der Baronin Hirsch wurde bekanntlich von den Erbberechtigten angefochten, die Berufung hatte jedoch keinen Erfolg. Nunmehr gibt der Pariser Seine-Präfect die Einzelheiten des Testamentes amtlich bekannt. Darnach hat die Baronin folgende Beträge für wohlthätige Zwecke hinterlassen: 1. Dem Institute für jüdische Lehrer im Oriente ll'/4 Millionen Francs: vier Millionen hiervon zum Zwecke der Erweiterung der Anstalt, ferner für Beköstigung und Bekleidung der Schüler und für die Gehälter der Lehrer: drei Millionen als Pensionsfonds für die Lehrer. •1. Drei Millionen, deren Zinsen zur Bekleidung und Beköstigung armer, jüdischer Zöglinge der Alliance-Schulen verwendet werden sollen. •*>. Einen Antheilschein der J. C. A. für das genannte Lehrerseminar. 4. Dem Wohlthätigkeits- Central-Comite in Paris fünf Millionen Francs. 5. Dem philanthropischen Vereine in Paris eine Million Francs. <!. Den fortschrittlichen jüdischen Cultusgemeinden in Paris 200.000 Francs. 7. Der Bischoffsheim'schen wohlthätigen Stiftung 100.000 Francs. 8. Den zwanzig Wohlthätigkeits-Comites in Paris eine halbe Million Francs. '->. Der „Jewish Colonization Association": a) eine Million Francs, deren Zinsen zur Subventionierung der Alliance- Schulen verwendet werden sollen : b) sieben Millionen Francs zugunsten des genannten Lehrerseminares. 10.. Legate für einzelne Personen. — Die Gesammtsumme der wohlthätigen Legate beträgt circa 50,000.000 Francs. Die jüdischen Ackerbaucolonien in Russland werden binnen kurzem einige neue Schulen erhalten. Der Verwalter der Krongüter in den Gouvernements Cherson und Bess-