Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 16 (19.4.1900)
- Article
- Ein Brief von Max Nordau
- Date
- 1900-04-19
- Page
- 5 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 16 „Die & Welt" Seite 5 Ein Brief von Max Nordau. Der Chicagoer Reformrabbiner Dr. Emil Hirsch, der" seit langem als hartnäckiger Gegner der zionistischen Bewegung bekannt ist, hat in jüngster Zeit das Bedürfnis gefühlt, seine Opposition irgendwie zu begründen. Errichtete daher an einen seiner Getreuen ein salbungsvolles Sendschreiben, in dem er als letzten Grund seiner antizionistischen Haltung die „Ungläubigkeit" Max Nordau's hinstellt. Der Herausgeber der Chicagoer hebr. Wochenschrift „Hatechijah" lenkte die Aufmerksamkeit Nordaus auf dieses famose Schreiben und erhielt hierauf von Nordau folgenden Brief: Paris, 12. März 1900. Hochgeehrter Herr Schur! Herr Dr. Hirsch lehnt den Zionismus ab weil ich Zionist bin: einen anderen, triftigem Einwand findet er gegen den Zionismus nicht! Darauf gibt es keine andere Antwort als die jedem Juden bekannte Anekdote von dem undelicaten Cyniker, der bei einer Brautschau darauf bestand, dass das Mädchen sich vor ihm völlig entkleide, und dann ruhig erklärte: „Ihre Nase gefällt mir nicht". Das mag ein guter Witz sein, — ich halte es nicht einmal dafür; — es ist aber jedenfalls eine faule Ausrede. Was gehe ich den Zionismus an? Der Zionismus bestand, ehe ich geboren war. Er wird bestehen, wenn ich längst vergessen sein werde. Ich mag thun und schreiben was ich will, das berührt den Zionismus so wenig, wie es das Judenthum berührt, wenn ein einzelner Jude Verrath an seinem Volke übt oder sich durch Thorheit, Inconsequenz, Heuchelei oder Kaltherzigkeit unangenehm bemerkbar macht. Herr Dr. Hirsch will mit einer Bewegung, in der auch ich stehe, nichts gemein haben, weil meine Gesellschaft ihm nicht würdig genug scheint. Ich kenne Herrn Dr. Hirsch nicht und weiss nicht, ob ich seine Gesellschaft als eine Ehre anzusehen haben würde oder nicht. Ich kann ihm aber versichern, dass es mir in keinem Falle den Zionismus verleiden würde, wenn auch er sich als Zionist bekennen, wenn auch er an dem Heile des jüdischen Volkes mitarbeiten wollte. Herr Dr. Hirsch will mit mir wegen meiner Haltung in Glaubenssachen anbinden. Aber warum hat er den Zionismus zum Vorwand genommen? Ich habe nie behauptet, dass der Zionismus mir eine Glaubenssache ist. Ich habe immer das Gegentheil ausdrücklich gesagt. Ich habe immer erklärt, ich sehe in der zionistischen Bewegung eine national-jüdische Bewegung, der ich mich anschliessen darf, weil ich der jüdischen Rasse, dem jüdischen Volke angehöre. Das jüdische Volk schliesst frommgläubige Pfleger der Ueberlieferung und Freidenker in sich. Sie erkennen einander trotz dieser Verschiedenheit als Brüder an. Sie vermeiden von dem zu sprechen, was sie trennt, und sie verweilen freudig bei dem, was sie eint. Wenn Herr Dr. Hirsch das Gegentheil thun will, so beweist dies nicht die Stärke seines Glaubens, sondern die Schwäche seines jüdischen Gefühls. Nun zur anderen Frage. Seien sie wegen der nichtjüdischen Colonisation des heiligen Landes ganz ruhig. Sie wird immer nur eine Treibhauspflanze bleiben, die aus eigener Kraft nicht dauern kann. Reiche Unterstützung wird vielleicht kleine Gruppen christlicher Auswanderer verlocken, ihr Heim in Palästina aufzuschlagen. Wirkliche Anziehungskraft wird das Land aber nur für Juden haben, und so lange wir nicht in grosser Zahl hingehen, wird es immer wüst und menschenleer bleiben wie seit 1500 Jahren. Mit Zionistischem Grusse bin ich stets Ihr Hochachtungsvoll ergebener Dr. M. Nordau. Kakuschka recte Kohn. Von Max Rotter. Ein übel beleumundetes Individuum hat in Wien einen Mord begangen. Jeder normal denkende und empfindende Mensch fühlt ebenso Abscheu ob der That, die eine Versündigung an dem Heiligthume des Lebens bildet, wie gegen den Thäter.dervon der bestialischen Rachsucht getrieben, gegen das erste Gebot des Alten Testamentes sich vergeht. Sollte man es für glaublich finden, dass der niedrige -Judenhass auch diese Gelegenheit zu einer unlauteren Speculation auf die [nstincte der Massen geeignet finden werde, um diese gegen die Juden zu stacheln? Das unglaublich Scheinende ist wieder einmal zum Ereignis geworden. Der antisemitische Moniteur, das leitende Blatt der Wiener Christlich-Socialen, das Leibblatt der Lueger und Liechtenstein hat mit der für solche Dinge geschärfcen Spürnase es herausgeschnüffelt, dass der Mörder, der nur unter dem Namen seiner Mutter Kakuschka bekannt war, der Sohn eines Mannes sei, der einst Kohn hiess, und der Fall hatte sofort jenes Gepräge, welches der blutrünstigen antisemitischen Phantasie schmeichelt. Verschwunden war das Entsetzen, welches in civilisierten oder auch nur mit dem Schein der Civilisation sich drapierenden Menschen jede Mordthat hervorruft; in den Hintergrund war das Mitleid mit dem Opfer der Mordthat gedrängt: siegreich, strahlend erhob sich von dem düsteren Hintergrund der frohe, erlösende, beglückende Gedanke: Der Mörder Kakuschka heisst recte Kohn. Von dem Augenblicke an, wo „Kohn" entdeckt worden war, versank alles Uebrige in wesenloses Nichts. In Riesenartikeln wurden während der Osterfesttage die Leser der antisemitischen Presse mit der Heilsbotschaft völlig gefüttert, ein „Kohn", ein „Judenstämmling" hat eine Mordthat begangen, und in der plumpen, handgreiflichen Art, welche den antisemitischen Anspielungen eigen ist, stand zwischen den Zeilen zu lesen: Eigentlich sind alle „Kohn" [»rädestiniert zu Morden, und hierin macht es gar keinen Unterschied, ob einer ein Jude oder ein „Judenstämmling" ist. Der „Kohn" liegt eben in der Rasse. Und die Hassorgien der antisemitischen Presse nehmen noch immer kein Ende. Vergebens wurde bewiesen, dass Kakuschka der Sohn eines Mannes sei, der bereits vor 77 Jahren als Kind der Taufe zugeführt worden war. Vergebens wurde gezeigt, dass der Mörder selbst nicht als Jude geboren wurde, sondern seitdem er zu denken angefangen — oder richtiger, seitdem er zu denken aufgehört — ein Antisemit war. Vergebens wurde hervorgehoben, dass Kakuschka mit der weissen Nelke geschmückt, ein fleissiges und enthusiastisches Mitglied der christlich-socialen Partei war, dass er, ganz im Geiste der christlich-socialen Terminologie, mit Leidenschaft jeden, den er beschimpfen wollte, „Jude" nannte, dass er selbst in dem ermordeten Antisemiten Baumann, weil er ihn hasste, nur den „Juden Baumann" erblickte — all diese glorreichen, echt antisemitischen Eigenschaften und Vorzüge helfen dem Kakuschka nicht, der recte „Kohn" heisst. Er ist und bleibt nur der „Kohn", er gilt in aller Ewigkeit nur als der „Judenstämmling". Armer Kakuschka! Er persönlich hat eigentlich ein hartes, unverdientes Schicksal erlitten, er hat nämlich nach Ciesinnung, Charakter und Familienverhältnissen nicht das Geringste mit dem Judenthum zu schaffen, er könnte gerade so gut ein Chinese sein, der zufällig „Kohn" heisst. Man sollte daher meinen, dass eine Partei, in der die Porzer, Low etc. — die echten, wirklichen „Judenstämmlinge" — zu solch dominierender Stellung gelangt sind, einen Kakuschka glimpflicher behandeln würde. Aber Kakuschka leidet nicht für sich, er ist ein Märtyrer seines Namens, er gilt nur als Mittel zu einem heiligen Zweck, der darin be-