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Die Welt · 1900-04-19 · 16 (19.4.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
16 (19.4.1900)
Article
Die neuzeitlichen Blutbeschuldigungen
Date
1900-04-19
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 ^Die & Welt** Seite Stemme Dich dagegen mit aller Macht, rufe Kaiser und Päpste zu Zeugen an, die allesammt die ßlutlüge verdammt haben — es hilft Dir nichts, Du bist verurtheilt. Auch das Zeugnis hoher Kirchenfürsten, der Cardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe der früheren Zeit und Jetztzeit nützt nichts — Du bist verurtheilt. Unter den Genannten sind doch aber auch Männer jüdischen Abstamms, die erst im reiferen Alter sich zum Christenthum bekehrt haben: es gibt noch ausserdem eine ungeheuer grosse Anzahl zum Christenthum Uebergetretener, zu den höchsten Ehren und Würden gelangter Männer — sie alle werden von der Verlogenheit und Niedertracht dieser Beschuldigung Zeugnis ablegen; es nützt nichts — Du bist verurtheilt. Es hat jüdische Täuflinge gegeben, die in blindwüthigem Hasse ihre ehemaligen Glaubensgenossen bis aufs Blut verfolgten, all ihr Schriftthum durchwühlten, um das Material zu allen möglichen Beschuldigungen zu sammeln, wie der berüchtigte Pfefferkorn. Auch Christen hat's gegeben, die es ihm gleichgethan haben, wie Eisenmenger und Genossen: allein von der Blutbeschuldigung haben sie nichts gewusst und nichts wissen wollen. Thut alles nichts — Du bist verurtheilt! Die im höchst aufgeklärten, protestantischen Norddeutschland wohnenden Juden warfen sich in die Brust. Ja, so etwas, sagten sie, kann bei uns nicht passieren. Jetzt hab«n sie es selbst zu kosten in der ganz neuen Blutbeschuldigung zu Könitz. Ein junger Mensch der besseren Stände ist dort, vielleicht von seinen eigenen Genossen, ermordet und zerstückelt worden. Gleich heisst es, die Juden haben ihn umgebracht; sie brauchen Christenblut zu ihrem Osterfeste — ein „R i t u a 1 m o r d", wie es der moderne antisemitische Jargon bezeichnet, liege vor. Bei dieser Gelegenheit will ich ein Geschichtchen von einem solchen Ritualmorde erzählen, welches bezeichnend ist für derartige Beschuldigungen. Im Jahre kam ich nach Memel. Im selben Jahre hatte sich gar nicht weit, nur etwas 5 bis fi Meilen entfernt, aber jenseits der Grenze auf russischem Boden, eine solche Blutbeschuldigung erhoben. Dort drüben im Gouvernement K o w n o liegt ein Städtchen, Keim mit Namen, das, wie alle diese hunderte von kleinen Städten, von fast 90°/o Juden bewohnt wird. Die christlichen Bauern wohnen meist ausserhalb des Ortes auf ihren Grundstücken, die nur von solchen Bauern erworben und besessen werden dürfen. Einem solchen Bauern war im Winter vorher ein dreijähriger Knabe abhanden gekommen, und trotz eifrigsten Suchens auf dem ebenen, gleichmässigen und nackten Boden war auch nicht das Geringste von dem Knaben zu entdecken. Schon mehrere Wochen waren darüber hingegangen, und noch immer fand sich keine Spur von dem Verbleib des Verschwundenen. Da kam ein fremder Hausierer nach dem Orte und der Gegend — die Leute behaupten, es wäre ein Deutscher gewesen — der die ganze Gegend aufrührerisch machte, indem er den Bauern einredete, die Juden hätten den Knaben getödtet, um sein Blut zu ihren Ostergebräuchen zu verwenden. Die Bauern der ganzen Umgegend rotteten sich zusammen und hätten alles massacriert, wenn der Gouverneur nicht durch eine Schar Kosaken und Gendarmen den Ort hätte bewachen und den Rabbiner, sowie die Vorsteher der jüdischen Gemeinde hätte festnehmen und in Gewahrsam bringen lassen. Monate hindurch blieben sie verhaftet: allerdings — das muss zur Ehre der russischen Behörden gesagt werden — mehr des Schutzes dieser Leute, als der Untersuchung wegen. Da endlich sollte das räthselhafte Verschwinden des Knaben eine ungeahnte Aufklärung finden. Mittlerweile war der Frühling herangekommen, der Schnee hatte zu schmelzen begonnen, da fand man die Leiche des Knaben dicht an der hinteren Seite des Hauses unter der Dachtraufe. Am Tage, da der Knabe verschwunden war, hatte ein plötzlich eingetretenes Thauwetter den Schnee des Daches, eines sehr hohen und steilen Strohdaches, gelockert; und ein mächtiger, lawinenartiger Schneerutsch hatte den Knaben verschüttet. Bald nach seiner Haftentlassung hat mich der Rabbiner des Ortes besucht und mir alle die Vorgänge haarklein erzählt. Wann endlich, meinte der schwächliche, halbgebrochene Mann, wann endlich wird der Golus zu Ende gehen und wir von allen unseren Nöthen und Leiden Erlösung finden '? Wann? Selbst mit dem besten Willen hätte ich dem Manne damals eine befriedigende Antwort auf diese Frage nicht zu geben vermocht. Nach den grossen Erfolgen des neuzeitlichen Zionismus jedoch ist eine solche Antwort leichter gefunden. Diese Erlösung wird nach der Weltlage und dem Bildur gsstande der Menschen in der Gegenwart ganz von uns selbst abhängig sein. Nöthig ist nur ein fester, entschiedener und machtvoller Allwille unserer jüdischen Nation, der sich ausspricht in gemeinsamer, auf das eine hohe Ziel gerichteter Action. Nöthig ist, als die Grundbedingung hierzu, ein ..Lasciate ogni speranza-. ein Schwindenlassen aller Hoffnung, dass in absehbarer Zeit eine Einigung, Vergleichung, Verbrüderung zwischen Israel und den anderen Nationen zustande kommen könne. Nöthig ist eine volle Lebenshingabe ohne die geringste Selbst- und Eigensucht, ohne Rücksicht auf Besitz und Genuss und was sonst das Leben ziert und bewertet. Nöthig ist die grösste Einmüthigkeit ohne jegliche Treibungen und Reibungen der verschiedenen Parteien. Nöthig ist ein ungestörtes, rückhaltsloses Vertrauen zu den Männern an der Spitze der zionistischen Bewegung. Gewiss, das sind allesammt unendlich schwer zu erfüllende Forderungen. Allein, man sollte denken, gegenüber einem Streben und einer Thätigkeit, welche die Erlösung von mehrtausendjährigen Verfolgungen, Rechtsverweigerungen, Lebensbedrohungen, Ehrverletzungen, Schmähungen und falschen Beschuldigungen zum Ziele und Zwecke haben, wären die bezeichneten doch nur ganz kleine Opfer. Die Juden und die Cagoten. Ein geschichtlicher Rückblic k.*) Es dürften nur wenige unserer Leser von den Cagoten gehört haben, diesen mittelalterlichen Leidensgenossen der Juden, welche in den Geschichtsquellen und Gesetzen häufig neben den Juden mitangeführt werden. Die Geschichte dieses „verfluchten Volkes" ist ausserordentlich lehrreich. So wie die Juden, hatten die Cagoten den Hass und die Verachtung des mittelalterlichen Bauern zu ertragen, welcher seinerseits unter dem Joche der privilegierten Cl assen seufzte. So wie die Juden, verfluchte man die Cagoten. verjagte sie und mied sie als „Unreine". Erst die Revolution von 1780, welche alle Privilegien aufhob, gab den Cagoten, so wie den Juden, alle Menschenrechte. Die Cagoten, welche keine selbständige Cultur besassen. sind mit der umgebenden Bevölkerung vollkommen, bis zur Unkenntlichkeit, verschmolzen, und haben fast keine Spuren ihres Daseins hinterlassen, abgesehen von den spärlichen Nachrichten in verschiedenen historischen Urkunden. Die Cagoten (Cagots, Caqueux, Cagons. Capos, CafTos, Canards, Frangots) bewohnten hauptsächlich die gebirgigen Gegenden Frankreichs: sie lebten in den Pyrenäen, im inneren Hochplateau und in der Bretagne. Ueberall betrachtete man sie als ein von Gott verfluchtes Volk, man verfolgte sie wie wilde Thiere, man verbrannte sie wie Ketzer und Hexen. Im XII. Jahrhundert lebten sie in Höhlen, nährten sich von Wurzeln und *) Aus dem russischen „Woschod" übersetzt.

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