Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
[Kommentar]
Date
1900-04-13
Page
12 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315867--19067-3368481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 »Die j£ Welt" Nr. 15 Zeitschriftenrundschau. Das Ableben des jüdischen Gelehrten S. J. Halberstamm nimmt die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" zum Anlasse eines warmen Appells an unsere Reichen und Wohlhabenden zur Unterstützung der Bestrebungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft. „Für alles wird bei uns Juden hinreichend und oft mehr als das gesorgt. Für die physischen Bedürfnisse sorgen Spitäler, Alters- Versorgungsanstalten, Waisenhäuser und zahlreiche andere Institute. Wer sorgt aber für unsere geistigen Bedürfnisse? Es fehlt uns an Seminarien, Akademien. Stiftungen für diesen Zweck etc. Anders in Amerika, wo die grossen Millionäre es sich zur Ehre anrechnen, Universitäten und Akademien zu begründen, wissenschaftliche Expeditionen auszurüsten, Bibliotheken anzukaufen." Die April-Nummer der „Jüdischen Chronik" enthält zwei treffliche Artikel über den Zionismus, die im Auszuge wiederzugeben kaum möglich erscheint. Der eine mit der Ueberschrift „Vorbereitung zur Freiheit" vergleicht die Arbeit des Zionismus mit jener Mosis vor dem Auszuge aus Aegypten. Der zweite Artikel von Dr. Bergmann in Pardubitz verbreitet sich über „Die Ziele des Zionismus". Die rührige zionistische Ortsgruppe in Dresden gab aus Anlass des verflossenen Purimfestes unter dem Titel „Die Welt am Purim" eine launige Purimzeitung heraus, die an ihrem Erscheinungsorte sicherlich grossen Anklang gefanden hat. Der Titelkopf ist demjenigen unseres Blattes täuschend nachgebildet. Unter dem Namen „The Jewish Worker" („Der jüdische Arbeiter") wird am 13. d. in Manchester ein neues Blatt erscheinen, das in erster Linie den Interessen der „Jewish Trade Union" (Jüdische Arbeiter-Vereinigung) gewidmet sein wird. Die Londoner hebräische Zeitschrift „Hajehudi" schreibt ' unter der Ueberschrift„DieZionisten und die jüdischen Arbeiter" unter anderem : Ein grosser Theil unseres Volkes verhält sich den zionistischen Ideen gegenüber ablehnend. Es sind das die socialisüschen Arbeiter. Diese Leute glauben an alles, nur nicht an die Regeneration ihres Volkes. Sie wollen alles sein, nur nicht Juden. Nicht etwa, dass sie etwas gegen die nationalen Gefühle im allgemeinen einzuwenden hätten — gegen das jüdisch-nationale richten sie sich. Sie sehen die Socialisten aller Länder sich solidarisch mit ihrem Vateriande erklären, sich volklich organisieren, die jüdischen Arbeiter sind blind dafür. Es ist nöthig, dass ein socialistischer Führer, ein Nichtjude, sie autrüttle und sie an ihre Pflicht erinnerte. So sah sich einer der englischen Führer, Herbert B u r n s in einer grossen Versammlung jüdischer Socialisten genöthigt, ihnen eine derbe Lehre zu geben: „Wäre ich Jude," so sagte er, „dann hätte ich mein ganzes Leben dem Zionismus geweiht. Die Gerechtigkeit will, dass jedes Volk unabhängig sei und niemand unter seinen Nachbarn aufgehe. Ich sehe nicht ein, warum sich die Juden ihrer Nation mehr zu schämen hätten als sonst wer. Arbeitet für den Zionismus, und wenn Ihr Erfolg habt, dann könnt Ihr mehr als je der Sache der arbeitenden Classe dienen!~ Feuilleton. Dajenu. Eine Ostergeschichte. Von Dr. Leo Zamara. Es war einmal ein König im Morgenlande. Diese Geschichte beginnt wie ein Märchen — aber es war wirklich einmal ein König im Morgenlande. Und der hie?s — — der Name ist mir gerade entfallen. So geht es mit den guten Königen, die sich nicht durch Blutthaten verewigten — die Nachwelt vergisst sie. Der Minister dieses Königs, schon mehr Gewaltmensch, war ein Genie von einem Staatsmanne und hiess Dajenu. Das weiss ich genau. Man kann es auch selbst in den Keilinschriften seines Grabsteines nachlesen. Dajenu war Reichsverweser, Schatzkanzler, Grossvezier, des Königs Berather in allen Dingen. Ihm oblag auch die Bewachung des Harems, der dreihundertneunundneunzig Frauen zählte, die Lieblingsgattin Ozaris mitgerechnet. Der König schenkte ihm unbegrenztes Vertrauen, wie man sieht. Aber auch der Ehrgeiz des Ministers war unbegrenzt. Gross m allen Dingen, hatte er nur einen kleinen Fehler — wenn das Fehler genannt wereen kann: er war abhold den Juden, die sich seit der Zerstörung ihres zweiten Tempels im Reiche heimisch gemacht hätten. Er hätte sie am liebsten ausgerottet. Der König war aber nicht gleichen Sinnes, und überdies war dem Minister noch lebhaft in Erinnerung das Fiasco seines Collegen vom freundnachbarlichen Reiche, der am Galgen geendet hatte. Deshalb hütete er sich, so ganz unvermittelt mit seinem Plane vor den König zu treten, und begnügte sich vorläufig damit, seinem Souverän rassentheoretische Vorträge zu halten und seine ministeriellen Einfälle „zur Ausrottung" in einem Tagebuch niederzulegen, das. aus siebzehn riesigen Wachstafeln bestehend, fast ein Jahrtausend lang für die Culturmenschheit verloren war und erst vor einigen Jahrhunderten glücklicherweise wieder aufgefunden wurde. Seitdem wurde es in viele arische Sprachen übersetzt, und die Tendenz dieses Tagebuches spiegelte sich auch in der Praxis und in den Praktiken des Abendlandes wieder. Die Durchführung seines ganz netten Ausrottungsplänchens hatte sich der Minister Dajenu für einen geeigneten Zeitpunkt vorbehalten — und jetzt gerade glaubte er ihn gekommen. Nach einem Gelage mit den Grossen seines Reiches, unter denen sich auch hervorragende Gelehrte, nieist jüdische, befanden, kam dem König sein Siegelring abhanden. Trauer und Schrecken erfüllte den König. Denn das war kein gewöhnlicher Siegelring, wie man leicht errathen kann. Dieses kostbarste Kleinod des Hausschatzes hatte sich seit uralten Zeiten in der Königsfamilie fortgeerbt und barg in sich eine geheime Zaubermacht. Als der hochselige Vater des gegenwärtigen Königs zu sterben geruhte — su berichtet die zeitgenössische Chronik — berief er höchstselbst seinen ältesten Sohn, den nunmehrigen König, zu sich und sprach also: „Siehe, mein Sohn! Hier hast Du den Ring, der bei Beginn der Zeiten aus dem Himmel gefallen ist und so in unseren Besitz kam — behüte diesen Ring der Ringe, denn er ist der Schlüssel der Weltmacht! Salomonis Ring ist tönend Erz dagegen, lnsolange Du diesen Zauberring besitzest, beherrschest Du die Lebenden alle, und Ost und West und Nord und Süd sind Dein. Verlierst Du aber diesen Ring, sinkst Du und Dein Haus in Nacht und Vergessenheit, und der wird herrschen, der ihn findet und trägt ..." So schloss er und hauchte die erhabene Seele aus. Man kann sich nun das Entsetzen und die Verzweiflung des Königs ausmalen, als er am Morgen nach dem Gelage den Ring vermisste. Und er durfte nicht einmal laut rasen, damit es niemand ausserhalb der Mauern seines Palastes erfahre und der unausbleibliche Abfall der Unterthanen noch beschleunigt werde. Nur Dajenu wurde eingeweiht, und einige zauberkundige Priester und Weise des Nachts heimlich berufen und befragt, wer den Ring geraubt haben könne. Aber sie wussten alle keinen Bescheid und giengen von dannen, nachdem sie Verschwiegenheit gelobt, unverbrüchliche, ewige. Rathlos und tief betrübt war der König, als der zweite Tag heranbrach. Er wusste, wer den Ring habe, trachte ihm nach dem Leben, um selbst zur Herrschaft zu gelangen. In seiner Angst liess er die grössten und mächtigsten Männer seines Reiches hinrichten — niemand wusste, warum, ausser Dajenu, der die gute Gelegenheit ausnützte und alle Personen, die ihm just unbequem waren, verdächtigte und aus dem Wege räumte. Nahdem seiner Rachsucht Genüge geschehen, benützte er nun zu seinem lange vorbereiteten Hauptcoup die Henkerslaune seines Herrn und Gebieters und sprach folgendermassen: „Was vergiessest Du so viel unschuldig Blut, Sonne des Morgenlandes! Was tödtest Du die, so Deines Stammes sind und Dich lieben und Gott gleich verehren? . .. Siehe, es ist ein Volk in Deinem Reiche von fremden Sitten und fremdem Glauben, nicht unserer Art, nicht unseres Stammes, und das voll Trug ist und Arglist. Tag und Nacht sinnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.