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Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
Juden-Antisemiten
Date
1900-04-13
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 ,Die s£ Welt" Seite 9 Juden dürfen nicht gegen die Regierung stimmen. Wenn es aber heisst, einen Antisemiten gegen den Willen des k. k. Bezirksschulrathes, also gegen den Willen der Regierung, auf den Posten eines Bürgerschul-Directors zu forcieren, so dürfen wir Juden gegen die Regierung stimmen. Aus diesen zwei Voraussetzungen folgt der harte logische Schluss, dass wir Juden. für und gegen die Regierung stimmen dürfen, wenn wir nur die Antisemiten unterstützen. Und da beklagen sich noch die undankbaren Antisemiten über uns! Es wäre zum Lachen, wenn es nur nicht so traurig wäre. Von denjenigen jüdischen Gemeinderäthen, die sich — sei es durch Unkenntnis der Verhältnisse, sei es durch Umstände, die der Indifferentismus und.Servilismus zeitigen — für den antisemitischen Herrn Tyszecki verpflichtet haben, erwarten wir mit voller Bestimmtheit, dass sie die ihnen ausschliesslich von Juden verliehenen Mandate demnächst niederlegen werden, da sie doch solche zum Unglücke ihrer Glaubensgenossen in gar keinem Falle missbrauchen dürfen. Weltchronik. Enrico Ferri und die Judenfrage. Das Organ der rumänischen Socialdemokratie, die „Lumea Noua* in Bukarest, veröffentlicht die Unterredung eines seiner Mitarbeiter mit dem bekannten italienischen Gelehrten Professor Enrico Ferri: „Besteht in Italien eine antisemitische Partei V „Glücklicherweise nein," sagte der Gelehrte. „Was denken Sie über den Antisemitismus?" „Ich denke, dass er ein atavistischer Ausbruch ist. Der moderne Mensch fühlt noch in seiner Seele den alten Hass erwachen. Dies ist die Grundlage des Antisemitismus, welchem noch gewisse ökonomische und politische Interessen, sowie die Unwissenheit und die Vorurtheile eines grossen Theiles der Menge behilflich sind." Seelsorger — keine Geschwornen. Der ungarische Justizminister verfügte, dass die Geistlichkeit (also auch Rabbiner) vom Geschwornendienste (beim Schwurgerichte) befreit werden. Der Lehrstuhl für jüdische Religions-Philosophie, welcher am Budapester Landes-Rabbinerseminar durch das Ableben des Prof. David Kaufmann vacant geworden war, ist dieser Tage besetzt worden. Der bekannte Semitist und ordentliche Professor an der Budapester Universität Dr. Ignaz G o 1 dziher hat sich nämlich bereit erklärt, vom nächsten Schuljahre an am Seminar Religions-Philosophie zu docieren. D;is bedeutet für die Anstalt eine überaus wertvolle Acquisition. Entlassung. Der rumänische Handelsminister hat kürzlich die Entlassung sämmtlicher jüdischen Eisenbahnbedienst-ten Rumäniens verfugt. Wieviel Juden wohnen in London? Auf diese Frage lässt sich keine bestimmte Antwort geben, da in England die Volkszählung nicht nach Confessionen vorgenommen wird. Auf Umwegen kann man aber dennoch zur Kenntnis der Zahl der jüdischen Einwohnerschaft Londons gelangen. Wenn nämlich angenommen wird, dass alle jüdischen Leichen auf dem jüdischen Friedhof beerdigt werden und dass die Sterblichkeit unter den Juden ebenso gross ist wie unter der übrigen Bevölkerung, so ergibt sich daraus, wie englische Statistiker berechnen, dass die Zahl der Juden Londons im Jahre 1S99 96.000 Seelen betrug. Die deutsche überseeische Auswanderung hat gegen das Vorjahr um eine Kleinigkeit zugenommen — von 22.-2-2 \ auf 23.740 Köpfe. Bis dahin hat die Auswanderung von 1-20.0S9 Köpfen im Jahre 1891 fortdauernd abgenommen. Die geringe deutsche Auswanderung wird in dem Berichte zurückgeführt auf die günstigen wirtschaftlichen Verhältnisse und die bessere staatliche Fürsorge für die Arbeiter in Deutschland. Weit grösser als die deutsche Auswanderung war die Auswanderung von Ausländern über deutsche Häfen. Sie erreichte 1899 die Zahl von 130.616 KöplVn, darunter waren 57.394 Russen, 37.010 Oesterreicher, 32.80t) Ungarn, Von den ausländischen Auswanderern wanderten 105.151 nach den Vereinigten Staaten von Amerika, von den 23.740 deutschen Auswanderein 19.016. Unter den deutschen Auswanderern waren 2241 landwirtschaftliche, 2633 industrielle Arbeiter und 2325 Gehilfen der Handelsgewerbe. Die in den beiden letzten Jahren bemerkbare grosse Zuwanderung der slavischen Völkerschaften nach Nordamerika dürfte ihre Erklärung darin finden, dass nach dem spanisch-amerikanischen Kriege in den Vereinigten Staaten Bergbau, Handel und Industrie einen gewaltigen Aufschwung genommen haben und die Landwirtschaft durch reiche Ernten hochgekommen ist, womit natürlich die Nachfrage nach Arbeitskräften entsprechend zugenommen hat. Nach Südafrika wurden über Bremen im vergangenen Jahre 545 Personen, 64 mehr wie im Vorjahre, befördert: darunter waren 34 deutsche Reichsangehörige, während der Rest zum grösseren Theile aus russischen Juden bestand, die sich nach Transvaal. Portugiesisch-Ostafrika und nach der Cap-Colonie wandten, um dort Handel mit Gold und Edelsteinen zu treiben. Infolge des Transvaal-Krieges hörte die Auswanderung nach Südafrika im letzten halben Jahre gänzlich auf, und es trat eine bedeutende Rückwanderung der jüdischen Handelsleute ein. Die deutsche Auswanderung nach Brasilien über Bremen zeigte die nicht unbedeutende Vermehrung um 460 Köpfe (1898: 629, 1899: 1089), was zum grössten Theile der Concessions-Ertheilung für die hanseatische Colonisations- Gesellschaft zuzuschreiben ist. „Bar Kochba" in Budapest. Am 6. d. M. gelangte das G o 1 dfa den'sche Singspiel „Bar Kochba", das zum classischen Repertoire aller Jargonbühnen gehört, im Budapester Volkstheater zur ersten Aufführung. Der ungarische Text ist von dem bekannten Schriftsteller Ladislaus Beöthy. die Verseinlagen rühren von Arpäd Pdsztor her, die Musik ist von dem Dirigenten am Volkstheater, Izsö Bar na. Das Stück erzielte grossen Erfolg. Versteigerung einer Synagoge. Wie amerikanische Blätter melden, wurde in Pittsburg Pa. vor kurzem die Synagoge des Vereines „Beth Israel" öffentlich versteigert, da dieser Verein stark verschuldet war und seinen Verbindlichkeiten nicht nachkommen konnte. Der Meistbietende war ein Christ und brachte die Synagoge für 6200 Dollar käuflich an sich. Die Schuldensumme beträgt 7500 Dollar. Die Synagoge wurde vor 6 Jahren erbaut. Der Vorstand des Vereines „Beth Israel" suchte die Versteigerung hinauszuschieben und mit den Gläubigern einen Ausgleich zu schliessen, diese wollten jedoch von einer Transaction nichts wissen und so geschah das Unabwendbare. Personalnachricht. Sonntag. 8. April, fand in Krakau die Trauung des Herrn Salomon Marcus mit Fräulein Rosa ilubinstein statt. Correspondenzen. O este rre ich-Ungarn. Triest. Samstag den 31. März hielt unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dante A. Lattes im grossen Sitzungssäle der israelitischen Cultusgemeinde vor einem zahlreichen Publicum, unter den? auch viele Damen sich befanden, einen Vortrag über das Thema: „Begriff des Lebens im Judenthum". Redner gedachte mehrmals des Zionismus und geisselte den Indifferentismus unserer westeuropäischen Brüder. Er führte aus: Wenn die -luden, welche aus Aegypten ausgezogen, so kleinlich und kleinmüthig gewesen wären wie die heutigen Assimilanten, welche an die Zukunft unseres Volkes nicht glauben wollen, so würde zweifellos das Ideal Palästinas mit Abraham auch gestorben sein. Der Redner schloss unter Hinweis auf das herannahende Passahfest, welches er als das Fest des Erlösungsdranges, der Freiheitssehnsucht bezeichnete. Stürmischer Beifall lohnte die geist- und gemüthvollen Auseinand^'se'zungen des oluwürdigen Redners.

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