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Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
Die Nothwendigkeit einer Talmudübersetzung
Date
1900-04-13
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 ,Die & Welt** Seite 7 Bischoff kommt zu dem Resultate, dass wir eine allen wissenschaftlichenForderungen genügendeUebersetzung noch nicht haben und füglich auch noch nicht haben können, weil die vornehmlichste Voraussetzung einer wissenschaftlichen Talmudübersetzung, ein kritischer Text, fehlt. Erst wenn durch eine neue Collation des von Raphael Rabbinovicz nicht hinreichend genau wiedergegebenen Münchener Cod. Hebr. 95. sowie durch Vergleichung der noch erhaltenen Sonciener Einzeldrucke von neunzehn Talmudtractaten^unter Zuziehung anderer Codices und der ersten Venediger Gesammtausgabe (1520—1523) die Grundlage eines kritischen Textes geschaffen sein wird, wird dieser herstellbar sein. Der christliche Verfasser schliesst den pragmatischen üeberblick mit den Worten: „Wir stehen daher, trotz fast vierhundertjähriger Uebersetzungs - Bemühungen, erst am Beginne streng wissenschaftlicher Uebersetzungsarbeit. Nur auf deutschem Boden, durch eine Vereinigung deutscher Gelehrter zur Arbeit nach einheitlichem Plane, ist die grosse Aufgabe lösbar. Die zu den Vorarbeiten, der Ausarbeitung und der Drucklegung etwa erforderliche eine Million Mark ist für das Reich eine Bagatelle. Schon oft ist der gleiche BetragunnützlicherenZweckengeopfert worden; hier würden die Kosten zum grossen Theile durch den Verkauf des Werkes gedeckt werden. Vielleicht bringt das neue Jahrhundert die Erfüllung des nützlichen Wunsches. Oder wird ein Reicher das Reich beschämen durch eine Stiftung für wissenschaftliche Talmudübersetzung?* B. Jacobs. Die Woche. Wien. 11. April 1900. Die Juden haben bereits Saison. In den verschiedensten Gegenden werden sie des Ritualmordes bezichtigt. Aber es kann niemandem entgehen, dass sich im jüngsten Zeitabschnitt auf dem Gebiete des Ritualmordes eine einschneidende Revolution vollzogen hat. Wir alle waren Augenzeugen dieser bedeutsamen Erscheinung. In früheren Zeiten ist das Blutmärchen pünktlich zur Osterzeit eniporgesprossen, hat nach Kräften gewirkt, und wenn dann die Osterwoche vorüber war. ist das rothe Fabelgewächs langsamer oder schneller verwelkt. Es war ausschliesslich eine Osterblume, es schwand mit der Frühlingssonne. In jüngster Zeit ist ein Umschwung eingetreten. Die Blutmär ist langlebig geworden- Die Polnaer Affaire. die vor einem Jahre zur Welt gekommen, wird heute noch in der Oeffentlichkeit munter erörtert. „Saison" ist also eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Die Saison der Ritualsage währt jetzt das ganze Jahr. Zur Osterzeit ist nur Hochsaison. * 1 * * Vorsorgliche Juden sollten jetzt nach Art der Recruten johlend durch die Strassen ziehen und ihrem Uebermuth die Zügel schiessen lassen. Ach, wer weiss, wie lange sich noch die Juden der Freiheit und Ungebundenheit werden erfreuen können! Es kommt vielleicht bald der Tag, da die Juden ihre persönliche Freiheit einbüssen und sich dem Willen eines Corporals oder irgend eines anderen bewaffneten Mannes unterordnen müssen. Vor Kurzem wurde ja im niederösterreichischen Landtage der Antrag gestellt, man möge die Juden und besonders die Rabbiner unter Polizeiaufsicht stellen, weil sie die Gewohnheit haben, Christenmädchen nach rituellen Regeln aus dem Wege zu räumen. Warum sollen die Juden anders behandelt werden, als die übrigen Gewohnheitsverbrecher? Gleichheit aller Staatsbürger — die Juden selbst stellen diese Forderung auf. Wir erleben es vielleicht noch, dass das Detectivcorps in ungeahnter Weise, vermehrt wird; jedem Juden wird ein Geheimpolizist attachiert, die Rabbiner, die sich durch besondere Gefährlichkeit auszeichnen, werden mit drei Geheimpolizisten ausgestattet. Die Dotierung der Detective wird aus einer eigenen Steuer, die den Juden aufzuerlegen wäre, bestritten. Auch würde es sich etwa empfehlen, die Photographien der gesammten Judenschaft auf der Polizei-Centrale in den gewissen Albums zu hinterlegen. Das erleichtert die Aufsicht. * ä * Juden und Polizisten — es besteht ein bemerkenswerther Zusammenhang zwischen beiden Menschengruppen. Es ist bestimmt im Rathschlusse des Schicksals, dass sie durch ein engeres Band verknüpft sein sollen. Hinter dem Juden muss ein Polizist einherschreiten, mit Gönnermiene oder lauerndem Häscherblick. Zur Zeit der judenfeindlichen Excesse musste hinter jedem Juden ein freundschaftlicher Wachmann mit schützender Aegide stehen, und jetzt ist Aussicht vorhanden, dass hinter jedem Juden ein grimmiger Detectiv zu stehen kommt: Geehrter Herr Lüwy, ich erkläre Sie für verhaftet! Sie haben mit verdächtig lüsternem Blinzeln nach der Halsschlagader des Christenmädchens dort geschielt. Heutzutage ist zwar die Finsternis, die über den Gauen lagert, sehr dick, aber andererseits gibt es jetzt wieder weitaus strahlendere „Freigeister" als früher. Je dunkler der Nachthimmel, desto heller heben sich die Gestirne "ab. Ein christlicher Mitbürger kann sich heute viel leichter in den Ruf eines ausserordentlich gescheiten und fortgeschrittenen Menschen setzen als früher. Er braucht nur irgendwo in einer Zeitung oder Versammlung zu erklären, dass er nicht an die Existenz des „Ritualmordes" glaube, und er gilt im Nu als äusserst genialer Kopf. Am nächsten Tage bringen die judenfreundlichen Blätter an leicht ersichtlicher Stelle die tiefsinnige Erklärung des christlichen Mitbürgers und lassen durchschimmern, dass er durch seinen Ausspruch den vollen Beweis für eine kolossal hohe Stufe geistiger Reife erbracht habe. Dem jungczechischen Abgeordneten Engel ist es kürzlich so ergangen. Früher hat der christliche Mitbürger, der sich das Air eines Genies geben wollte, zum mindesten eine „Kritik der reinen Vernunft" schreiben oder das Telephon erfinden müssen. Heute braucht er nur höflich zu erklären, er glaube nicht daran, dass die Juden am Passahabend das Blut christlicher Jungfrauen mit Rosinen und gehackten Mandeln verzehren, und flugs wird er von den judenfreundlichen Blättern als Wunder des Scharfsinnes und der Aufgeklärtheit ausgeschrieen. Was würde man sagen, wenn heute ein Mann aufstünde und mit viel Emphase erklärte, er glaube, im Gegensatz zu Herodot, nicht dai-an, dass die Aethiopier kohlschwarze Lebenssäfte haben. Man würde ihn nicht nur nicht ehrfürchtig anstarren, sondern im Gegen theil für einen ziemlich minderwertigen Kopf halten, weil er etwas sehr Selbstverständliches mit grossem

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