Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Article
- Ein jüdischer Achtundvierziger
- Date
- 1900-04-06
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die x£ Welt" Ni. 14 historischen Jahres auf, und dann dürfte ihn ob der Vergänglichkeit aller Dinge ein wehmüthiges Lächeln beschlichen haben. Die in die Abendluft ragenden Grabsteine des „guten Ortes" gemahnten ihn wohl an sein letztes Ruheplätzchen und versöhnten ihn einigermassen mit seiner elenden Lage. Es war in der ersten Hälfte der Achtziger-Jahre, als ich ihn kennen lernte. Er war ein altersgebeugtes Männlein, halb erblindet, das Aeussere furchtbar verwahrlost und seine Garderobe in einer erbärmlichen Verfassung. Wenn das kleine Männlein so dahintrippelte, wäre niemand auf den Gedanken gekommen, in ihm den einstigen Freiheitskämpen zu vermuthen, der im Jahre 1848 in Galizien eine hervorragende Rolle gespielt und ein einflussreiches Mitglied der revolutionären Partei gewesen war. Damals, als ich ihn kennen lernte, war der graduierte Doctor juris, der ehemalige glänzende Volksredner, ein simpler Diurnist beim Stadtmagistrate. Nach dem Zusammenbruche des Aufstandes wanderte er ins Exil und lebte jahrelang in der Fremde. Als die allgemeine Amnestie ihm die Rückkehr nach Oesterreich ermöglichte, fand er veränderte Verhältnisse vor und seine „Zeitgenossenwussten sich nur wenig des Juden v zu erinnern. Durch die unregelmässige Lebensweise in der politischen Boheme wurde er seiner ursprünglichen glänzenden, juridischen Laufbahn ganz entrückt und musste damit zufrieden sein, wenn er bei der „patriotischen" Stadtobrigkeit einen Unterschlupf als Aushilfsschreiber fand, um sein Leben, wenn auch nur ele.id, fristen zu können. Und so kam es, dass der einstige Volkstribun, der Parteiführer, der seinem Ideale von nationaler Unabhängigkeit, Freiheit und Brüderlichkeit alles geopfert, jetzt einsam und verlassen draussen in der Vorstadt hauste. Familienangehörige schien er in der Stadt keine gehabt zu haben, und so wie er, den seine Bildung zu einem hohen Amte befähigte, nur die untere Stufenleiter der Hierarchie einnahm, so bewegte er sich auch nur in der Peripherie der Gesellschaft. Als ich ihm in einer geschäftlichen Angelegenheit nähertrat, hatte ich Gelegenheit, einen Blick in das Innere dieses von einem ehernen Schicksale heimgesuchten Menschen zu werfen und ihn achten zu lernen. In seiner Jugend hatte ihn das schönheitstrunkene Hellas, das mächtige, weltbeherrschende Rom bestrickt, jetzt, da sein Geist sich nicht mehr von schönen Formen, von machtgierigen Cäsaren gefangen nehmen Hess, stieg an seinem Horizonte das nicht sinnliche, nicht dräuende, aber junge, die Menschheit vertiefende Jerusalem auf. Jerusalem schwebte ihm wie eine Fata morgana vor, belebte seine Phantasie und war der Gedankengang seines Lebensabends. Er wollte seine Sehnsucht wenigstens durch einschlägige Leetüre einigermassen befriedigen, seine pecuniären Mittel gestatteten ihm natürlich nicht,. Bücher anzuschaffen, und der gewesene thatkräftige Revolutionär wurde zum Kopfhänger. Da lugte es der Zufall, dass ich einen seiner sehnlichsten Wünsche erfüllen konnte. Er hatte mir eine kleine, harmlose Gefälligkeit in der Amtsstube erwiesen, und ich ergriff diese Gelegenheit, um mich ihm erkenntlich zu zeigen. Ich wusste, dass jeder Versuch zur Annahme einer Aufmerksamkeit in klingender Münze ihn nur verletzen würde, und so bat ich ihn, ihm etwas zum Andenken auswählen zu dürfen. Ich besuchte ihn in seiner weltentlegenen Klause, und als ich die Stube betrat, schnürte sich mir die Kehle zusammen, denn solch ein Elend, wie sich meinem Blicke darbot, hätte einen Wilden erweichen müssen. Der Mann, der in die Speichen des Weltrades eingegriffen, der alles seinem polnischen Patriotismus geopfert hatte, hauste in einem Loche, das jeder Menschenwürde Hohn sprach. Der schmutzige, enge Raum war schon lange nicht gescheuert worden, die Lagerstätte bestand aus einer blossen Strohschütte, nur stellenweise von einem Fragmente eines Lakens bedeckt, .die dumpffeuchte Stube war beinahe ganz kahl, und er sass auf einem wackeligen Stuhle und bestrich eine Schnitte Schwarzbrot mit Butter. Er schien aber seine Armut mit stoischem Gleichmuthe zu tragen, oder auch, er war bereits abgestumpft. Als ich ihm den Zweck meines Besuches langsam, sondierend auseinandersetzte, nahm sein Angesicht einen sinnenden Zug an. Er blieb eine Weile nachdenklich, etwas wie ein glückseliges Lächeln huschte für einen Moment über sein welkes Antlitz, und er sagte wie stockend und zögernd: „Nun, wenn Sie durchaus darauf bestehen, so könnten Sie mir mit dem Buche -Rom und Jerusalem" von Hess eine unaussprechliche Freude bereiten. Ich sehne mich schon lange nach diesem Werke, konnte es aber nirgends geliehen bekommen." Also dieser Mann, der in einer haarsträubenden Armut lebte, wünschte sich vor allem den Besitz eines gewissen Buches! Als ich, der Stadt zuschreitend, mir noch einmal das eben Gesehene und Gehörte vergegenwärtigte, vermochte ich nicht ein bewunderndes Kopfschütteln zu unterdrücken, und ich war um eine neue Illustration zum jüdischen Materialismus reicher. Als ich dem alten Manne das gewünschte Buch in einem Prachteinbande überbrachte, wurden seine halbblinden Augen beinahe strahlend, und er konnte mir nicht genug danken. Dieses Buch dürfte wohl seine letzte ernste Leetüre gewesen sein, denn bald darauf erkrankte er und trat die grosse Reise an. Sie führten ihn durch den Eisenbahnviaduct hindurch, nach dem „guten Orte". Ob einmal ein Denkmal seine Grabstätte kenntlich macht, weiss ich nicht. Comptoirist mit schöner Handschritt wird aufgenommen. Solche, welche Kenntnis des Russischen besitzen, werden bevorzugt. Selbstgeschriebene Offerte sub Chiffre „A. Z." befordert die Administration des Blattes. KARL Fabriksmässige Erzeugung von Maschin - Webekämmen, Blättefn, Jaquard - eisein, Stahllitzen, Textilnadeln sowie auch aller Artikel für Webereien und prahlwaren, ferner £lousennadeln und 6ürielhäUer WIEN, VII., Kaiserstrasse Nr. 100t im Jahre 1839. < Höfel?oumanie -RED Wien, IL, Kleine Sperlgasse 5 (Karmeliterplatz) Durchgehends renoviert, elektrisch beleuchtet. Zimmer von 80 kr. aufwärts. Wiener, ungarische und rumänische Küche. Aufmerksame Bedienung. Carl Geiringer, Hotelbesitzer.