Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1900-04-06
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. Ii ,Die s£ Welt' Seil.- 13 darüber, ob die Idee in absehbarer Zukunft ausführbar ist. Eines aber gestehe ich vorbehaltlos zu: Seit langem gab es keine Idee, die eine solche erlesene Schar von social und sittlich hochstehenden Männern dermassen mächtig ergriffen hätte. Der Gedanke ist voll Hoheit und Schönheit, er ist der überzeugendste Beweis dafür, dass die Juden nicht im Schlamme des praktischen Materialismus versunken sind, wie ihre Feinde glauben machen wollen, i diejenigen •Juden, die an der Besiedelung Palästinas nicht theilnehmen wollen, müssen erst recht ihre Sympathie bekunden für die Leute, die ihre Zeit und ihr Bemühen diesem hehren Gedanken weihen." Jndependance beige" vom -2ö. v. M. enthält unter der Spitzmarke „Palästinensische Federzeichnungen" einen sehr ausführlichen Artikel der jüdischen Niederlassungen in den Städten des Heiligen Landes und des Werdeganges der palästinensischen Colonien. Der Artikelschreiber nennt Palästina ein Jüdisches Californien", womit er sagen will, dass die Juden dort — wie am Stillen Ocean die Goldsucher — sich ein neues Eldorado geschaffen, indem sie aus steinigen Wüsteneien paradiesische Gärten hervorzaubern. Die türkische Regierung werde auch bald zur Erkenntnis gelangen, dass die gegen die jüdische Einwanderung erlassenen Massregeln falsch gewesen und dass die Juden "weit davon entfernt seien, der Türkei schädlich zu sein, diese im Gegentheile in ihnen die besten Bürger zu sehen habe, die das Gute, welches die Türkei stets den Juden erwiesen, in gleicher Weise vergelten wollten. Die Türkei werde dann die Macht der Juden benützen, um die Uebergriffe gewisser europäischer Mächte zu paralysieren, auf die die Regierung schon lange ein wachsames Auge habe. Bücherwelt. Sodom. Eine historische Legende. Von Aba (Constantin) Schapira. Warschau 1!XM). Schapira ist dem hebräisch lesenden Publicum seit langem als Lyriker von eigen artiger, reizvoller Begabung bekannt. Als solcher bewährt er sich auch in seiner neuen, dichterischen Schöpfung. In packender Weise wird uns ein Rechtshandel aus dem biblischen Sodom vorgeführt. Die frappante Analogie mit dem Dreyfus-Processe verleiht dem Sujet erhöhtes Interesse. Die eigenwillige Handhabung der Sprache und manches andere hat in der hebräischen Presse zu scharfem Tadel, der aber vielfach ungerechtfertigt ist. Anlass gegeben. Der objective Leser wird sicherlich, ohne gewiss? Mängel der Dichtung zu übersehen, diese im grossen und ganzen vortrefflich und im guten Sinne originell finden. D. C. a^Ylim m*np^ Zur Geschichte der Juden in Russland, Polen und Litthauen von B. K a t z. Berlin 1S90. Verlag des „Achiasaf. Eine Geschichte der Juden in den alten polnischen Ländern, besonders eine Geschichte ihrer inneren Verhältnisse und ihrer Cultur ist noch ein pium desiderium. In diese Länder di-ingt das Licht der Aufklärung und der Blick des Forschers immer etwas später ein. Die Geschichte der Juden in Deutschland hat eine eigene Zeitschrift hervorgerufen und wird rastlos in Specialschriften behandelt. An die Geschichte der Juden in den östlichen Ländern wagt sich kein Forscher heran. Man weiss, wie wenig Vorstudien und Vorarbeiten Grätz auf diesem Gebiete vorgefunden und wie viele Böcke er in der Geschichte der Juden Polens geschossen hat. Die erste Pflicht der Forscher wäre es, vor allem die Quellen zu sammeln und herauszugeben. — Eine verdienstvolle Arbeit leistet Katz in dem vorliegendem Bändchen, in dem er aus den Responsen der Rabbiner alle Stellen sammelt, die — freilich indirect — die Geschichte der Juden in den polnischen Ländern von der Mitte des XVI. Jahrhunderts bis zum Schlüsse des XVIII. beleuchten. Quantitav gemessen ist der historische Wert dieser Stellen nicht gross, da den Responsen die rituelle Behandlung einer Frage Hauptzweck ist und sie hie und da nur nebenbei auch das Land, die Zeit, die politischen und ökonomischen Verhältnisse und das geistige Niveau streifen, allein qualitativ ist d exhistorische Wert grösser, da diese Stellen — weil eben unbeabsichtigt — objectiver und glaubwürdiger erscheinen. Diese kleine Sammlung historischer Stellen aus 44 Werken der Responsenliteratur wird — wenn man nur die grosse Mühe und die geringe Ausbeute bei solchen Arbeiten bedenkt — von den Fachmännern mit Dank aufgenommen werden. Vielleicht regt dies den Verfasser zu weiterei- Arbeit auf diesem brachliegenden Gebiete der jüdischen Geschichte an. jb. Feuilleton. Lieder eines Bekehrten. VII. 0 heii ge Sprache ...! O heü'ge Sprache der Propheten' Mit Deinem poesie-durch wehten l'ml hoheirsvollen Klang. Erschalle laut und mächtig wieder Und weck' im Herzen meiner Brüder Den Aut'erstehungs-Drang! Du bist als Einz'ges uns geblieben. Seit uns ein feindlich Los vertrieben Aus unser'm Heimatland. Und ob verstreut auch Israels Söhne. Es schlangen Deine ewigen Töne Um sie ein Seelenband. Jahrhunderte sind hingeschwunden. Doch Du hast siegreich überwunden Den mäehfgen Sturm der Zeit: Du bliebst als Wunder ohnegleichen Ein göttliches und heil'ges Zeichet: Der L* n v e r g ä n g 1 i c h k e i t! Zwar wirst Du heut' für todt gehalten. Als starres Denkmal bloss der alten Und längst versunk'nen Pracht — Doch nur verschmäht, verkannt, vergessen, Lebt in dem Volke unterdessen Noch Deine Zaubermacht. Du lebst, o Sprache der Propheten. Es singen heute die Poeten Noch das hebräische Lied...! Du lebst und Deine Laute klingen, Ergreifen heute noch und dringen Ins jüdische Gemüth! Und bist Du scheinbar auch verschollen. Wir treue Zionskinder wollen Uns Dir in Ehrfurcht weih'n — O Sprache, theuerstes der Güter, Wir wollen fortan Deine Hüter Voll Lust und Liebe sein. Wir wollen uns'res Volksthums wegen Dich, Sprache unserer Väter, pflegen Als unser Eigenthum, Erfüllt von freiheitsdurst'gem Streben Dich wieder aufbau'n und erheben Zu einst'gem Glanz und Ruhm. Wir wollen uns're Kinder lehren, Dass sie Dich würdigen und ehren. Und schützen unentwegt. Auf dass die keimenden Geschlechter Dem Volk ersteh'n als treue Wächter. Bis einst die Stunde schlägt!... O heil'ge Sprache der Propheten Mit Deinem poesie-durchwehten Und hoheitsvollen Klang, Erschalle laut und mächtig wieder Und weckr im Herzen meiner Brüder Den Auferstehungs-Drang! Paris, im März 1900. Heinrich Grünau. Ein jüdischer Achtundvierziger. Eine Reminiscenz. — Von S. Horowit z. Draussen, wo die letzten Häuser stehen, hauste er in einem armseligen Stüblein. Das verfallene Häuschen befand sich in der Nähe des Eisenbahnviaductes, und ein sumpfiger Arm des Weichselflusses trennte es vom jüdischen Friedhofe. Wenn er, der eine so stürmische Vergangenheit hinter sich hatte, nach absolviertem Tagewerke einsam in seiner Kammer sass und den vorbeisausenden Eisenbahnzug vernahm, tauchten vor seinem geistigen Auge die weltbewegenden Vorgänge des grossen,