Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Article
- Bielitz / -ff.
- Date
- 1900-04-06
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 JDie 2$ Welt4' Nr. 14 Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Bielitz. Nach dreiwöchentlicher Krankheit verschied Jiier <im 2k v. M. der bekannte jüdische Gelehrte S. J. Halbers t h m m (n'TIitT) im Alter von 69 Jahren. Der Verblichene war von erstaunlicher Yersiertheit auf dem gestimmten, weithin ausgedehnten Gebiete der alten und neueren jüdischen Literatur. Reichhaltiger als seine in Fachkreisen hochbewertete, einzig in ihrer Art dastehende jüdische Büchersammlung war die Bibliothek, die Halber stamm in seinem Hirne aufgespeichert hatte und die nun für die Gelehrtenwelt unwiederbringlich verloren ist. Es ist kaum zu fassen, in welch vollkommenem Masse Halberstamm die kleinsten Einzelheiten alles dessen inne hatte, was in das Gebiet der Wissenschaft des Judenthums irgendwie einschlägt, und mit welcher Weite des Blicks er andererseits dieses Wissensgebiet überschaute. An Tiefgründigkeit der Detailkenntnisse und der Specialforschung kann ihm nur der verstorbene Professor D. Kau fm a n n an die Seite gestellt werden. Und der Mensch Halberstamm übertraf noch den Gelehrten in ihm. Seine Bescheidenheit und Herzensgüte, seine Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft kannten keine Grenzen. Das Leichenbegängnis fand Montag den 26. v. M. unter ungemein grosser Betheiligung der Freunde und Verehrer des Verblichenen statt. Die Leiche wurde zuerst in die Synagoge übergeführt, wo die Herren Rabbiner Dr. Steiner und Dr. Horo w i t z (Breslau) ergreifende Trauerreden hielten. Auf dem Friedhofe sprachen ferner die Herren Rabbiner Dr. Glaser. Dr. Gün zi g und Dr. D o b s c h i t z (Skotschau). Mit Gefühlen tiefer Wehmuth verliessen die Trauergäste um 7 Uhr abends den Gottesacker. —ff. Deutschland. Breslau. Am 4. Juli 189Ö wurde in Berlin die erste Vereinigung jüdischer Studierender ins Leben gerufen. Ihr Frincip war es, die jüdischen Studierenden vor allem wieder zu Juden zu machen. Sie richtete darum ihr Hauptaugenmerk darauf! ihre Mitglieder mit der jüdischen Geschichte und Literatur und mit der gegenwärtigen Lage der Juden vertraut zu machen.Die „VereinigungJüdischer Studierender" in Berlin erfreute sich bald eines guten Rufes. Unter ihren Auspicien wurde im Wintersemester 1898/99 in Leipzig eine gleiche Vereinigung gegründet, und es wurde beschlossen, auch in Breslau einen Verein mit den gleichen Tendenzen ins Leben zu rufen. Stud. jur. Isidor Dobrzynski leitete in Gemeinschaft mit stud. phil. Hugo Schachtel in den Sommerferien 1899 die Vorbereitungen, und mit Beginu des Wintersemesters 1899/1900 trat in Breslau unser „ Verein Jüdischer Studenten" ins Leben. Bei den Vorarbeiten in Breslau leisteten liebenswürdigste und dankenswerteste Unterstützung die Herren Prof. Dr. B a d t und Sem.-Doc. Di- Brann. Wir wandten uns auch an die Lessingloge (U. O. B. B.), in der Ueberzeugung, dass eine Vereinigung, ■leren Tendenzen, wie wir annahmen, den unseren wesensverwandt sind, unseren Bestrebungen ihre Anerkennung und Unterstützung nicht versagen würde. Wir wurden aber ohne Angabe eines Grundes zurückgewiesen. Theilweise ist die Erklärung dafür in der Art und Weise zu suchen, in der ein dazu beauftragter Herr über, uns Erkundigungen einzog. Er hörte von befreundeter Seite gesprächsweise, dass wir insgesammt im Gerüche ständen. Zionisten zu sein. Dieser „entsetzliche" Verdacht genügte ihm und der Lessingloge, uns als nicht discutabel anzusehen. — Am 7. Nov. 1899 fand die constituierende Sitzung statt. Zu Chargierten wurden gewählt: jur. Isidor Dobrzynsky, jur. Berthold Lachmann und jur. Willy Jan o wer. In derselben Sitzung wurden die Herren Prof. Dr. B a d t und Dr. Brann zu Mitbegründern mit Sitz und Stimme m Convent ernannt. Mitglieder des Ehrenrathes wurden: iur. Lothar Stark und Hugo Schachtel, Ersatzmänner : l'aul Schäfer und Martin Bäck. Am 23. November fand der Eröf'fnungs-Commers statt. Die Berliner „Vereinigungjüdischer Studierender"hatte drei Chargierte entsandt. Die Tend enzrede hiel t stud. J. D o b r z y n s k i. — Die wissenschaftlichen Abende waren stets von einer Anzahl von Gästen besucht; öfters betheiligten diese sich auch an den auf die Vorträge folgenden Discussionen. Es sprachen im Laufe des Semesters stud. Dobrzynsky über „Jüdische Proletarier": stud. Kempinski über „Die Lage der Juden auf russischen Gymnasien und Universitäten"; stud. Bäck über das Thema: „An der Wende des Jahrhunderts": stud. Sika über „Assimilation und Zionismus": stud. J a n o w e r über „Richard Wagner und das Judenthum"; stud. Lachmann über „S h y 1 o c k", Frankfurt a. M. Am 28. v. M. starb hier im 67. Lebensjahre der Director der Realschule und der höheren Mädchenschule der israelitischen Religions-Gesellschaft, Dr. M. Hirsch, ein Sohn des seligen Samson Raphael Hirsch, des Regenerators der reichsdeutschen Orthodoxie und Begründers der Frankfurter israelitischen Religions-Gesellschaft. In dem Verstorbenen hat die gesetzestreue Judenheit in Deutschland einen ihrer tüchtigsten und thätigsten Männer verloren. Dr. Hirsch war auch ein geschätzter Schriftsteller. Eines seiner Werke, die Uebersetzung und Erläuterung der „Haphthoroth", ist im Geiste und im Stile seines Vaters geschrieben und erfreut sich grosser Verbreitung und Beliebtheit. Eine Bearbeitung der „Kleinen Propheten" konnte der Verstoi*bene nicht mehr beendigen. Als Lehrer leistete er Hervorragendes. Seine pädagogische Wirksamkeit wurde von der Regierung bei den verschiedensten Anlässen nach Gebür gewürdigt. Unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Philipp Klein in New-York betrauert in ihm seinen Schwiegervater. Türkei. Constantinopel. „Stambul", eine in Constantinopel erscheinende, der Regierung nahestehende Zeitung veröffentlicht in einer der letzten Nummern folgende, die Juden angehende Mittheilungen: 1. Einwanderung von Juden. Nach dem „Ikdamwurde an die Chefs der im Auslande befindlichen türkischen Missionen ein Circular erlassen, des Inhalts, dass es den Israeliten, welche nach der Türkei einwandern wollen, gestattet ist, sich im ottomanischen Reiche niederzulassen unter der ausdrücklichen Bedingung, dass sie sich den Entscheidungen unterwerfen, welche seitens der kaiserlichen Regierung bezüglich ihrer gestellt werden. Im entgegengesetzten Falle ist eine Einwanderung nicht gestattet. 2. Israelitische Einwanderer. Ungefähr 400 in den letzten Tagen in Constantinopel eingetroffene, aus Toulteha (Rumänien) stammende arme Juden wurden gestern an Bord des Dampfers „Kai'sserie" gebracht, um nach I s m i d t überführt zu werden, wo sie ihren dauernden Wohnsitz erhalten. Der Sultan liess durch seinen persönlichen Adjudanten General Tcherkez Mehmed Pascha Geld unter sie vertheilen. Der „Ka'isserie" gieng heute mit Tagesgrauen nach seinem Bestimmungsorte Smyrna in See. Holland. Amsterdam. Es ist mir angenehm, Ihnen wieder einige frohe Nachrichten bringen zu können. Das „Centra alblad voor Israelieten in Nederland" bringt schon einige Monate kürzere oder längere, vom Zionistenbunde redigierte, Aufsätze und Artikel über den Zionismus: nunmehr hat sich auch das in Rotter dam erscheinende _\Veekblad voor I s r a e 1 i e t i s c h e Hu i s g e z in n e n" frei für den Zionismus ausgesprochen. Es gibt jetzt in unserem Lande nur noch eine jüdische Zeitschrift, die uns bekämpft, aber dieses Blatt ist .im sanften Entschlafen begriffen. Die denkenden Juden hierzulande sind jetzt dem Zionismus keineswegs mehr abhold. Die Versammlung der Amsterdamer Abtheilung des Niederländischen Zionistenbundes hat folgende Herren definitiv in den Vorstand ge-