Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Article
- Eine "individuelle" Lösung der Judenfrage
- Date
- 1900-04-06
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 ,Die j£ Welt" Seite 7 hebräischen Heine. Dieser Titel galt aber mehr seiner Person (natürlich in puncto Religion) als seinen Gedichten. Die Massenemigration der -luden nach den überseeischen Ländern hat ihm die journalistische Feder in die Hand gedrückt. Die Frage war : Amerika oder Palästina? Die um das Wohl der Juden besorgten Elemente theilten sich in zwei Lager: in „Chowewe Zion" und in Amerikafreunde. Schapira gehörte zur Garde der letzteren. In Palästina glaubte er, wie viele sonst hellsehende Köpfe aus der damaligen Zeit irrthümlicherweise glaubten, die Herrschaft des Schulchan-Aruch und des Rabbinismus vorauszusehen. Die Colonisation Palästinas ist demzufolge, seiner damaligen Meinung nach, die Rückkehr zur Finsternis des Mittelalters. Diese Ueberzeugung veranlasste ihn zu einer heftigen, über den Rahmen einer journalistischen Polemik hinausgehenden Streitschrift gegen die Propagatoren der Colonisation Palästinas, die in den gröbsten Beschimpfungen und Verdächtigungen gipfelte. Bis zu Beginn der Neunzigerjahre lebte er in dem Glauben, dass Amerika eine weit bessere Zufluchtsstätte für die verfolgten und bedrängten Juden sei, als Palästina. Trotz der Misserfolge der Emigranten und des Erwachens des Antisemitismusin Amerika wurde erkeineswegs einesBesseren belehrt. Als sich aber in ihm endlich das nationale Moment der Judenfrage zu klären anfieng und als das Fiasco der Colonisation in Argentinien schon unvermeidlich war, schloss sich Schapira der Partei der „Chowewe Zion'- an. Seit dem Auftreten des politischen Zionismus ist Schapira ein voller und ganzer Philozionist geworden. Nach dem ersten Baseler Congresse hat er seine Gedichte nicht mehr „Constantin'% sondern „Abe" (Abbreviatur für seinen jüdischen Namen : Ascher ben Eliah) gefertigt. Er trug sich auch mit dem Gedanken, nach Palästina zu gehen, um dort sein Leben als Jude beschliessen zu können. Die Ausführung dieses Planes war ihm leider nicht gegönnt, da ihn der Tod plötzlich unerwartet wegraffte. Einen guten Theil an seiner vollständigen Rückkehr zum .Judenthum hatte auch der Ausgang der Affaire Dreyfus, die ihn wie viele andere in fieberhafte Aufregung versetzte. Die Richtigkeit des Zionismus wollte ihm vorher noch nicht ganz einleuchten. Das Europäerthumaus seiner Jugendzeit sträubte sich in ihm noch ein wenig — bis ihm die Affaire Dreyfus die Augen öffnete. Seinem Unmuthe über diese Affaire gab er in seiner letzten literarischen Arbeit Ausdruck. Er verarbeitete sie nämlich in einem dramatischen Gedichte „Sodom". das vor einigen Monaten im Drucke erschien. In seinem Testamente hat er — wie mir aus Petersburg berichtet wird — einige tausend Rubel für den „Odessaer Verein zur Unterstützung von jüdischen Ackerbauern und Handwerkern in Palästina" zurückgelassen und seine ganze Bibliothek der von Dr. Chazanowitz gegründete Nationalbibliothek in Jerusalem vermacht. Gustav Bader. Rabbi Werner und die russischen Rabbiner. Die Besucher des zweiten Baseler Gongresses werden sich noch des Greises erinnern, der auf dem Podium den Mittelpunkt der Gruppe von orthodoxen Rabbinern bildete. Ein Mann von ehrfurchtgebietendem Aussehen, das Gesicht von einem weissen Vollbart unirahmt, eine hohe Denkerstirn und klar blickende Augen. Das ist Rabbi Werne r. das geistliche Haupt der orthodoxen „Machsike-Hadas"-Gemeinde in London. Es dürfte für die Leser von Interesse sein, etwas Näheres über diesen Mann zu hören, der im Kreise unserer englischen Gesinnungsgenossen eine so hervorragende Stellung einnimmt. Ein Correspondent berichtet über Rabbi W erner Folgendes: In einer Beziehung sind wir englischen Zionisten jedenfalls besser daran als unsere russischen Brüder: Die russischen Rabbiner die zu uns kommen und an die Spitze unserer kleinen Gemeinden gostellt werden, stehen sämmtlich auf unserer Seite. Namentlich drei unter ihnen verdienen besondere Erwähnung: Rev. D o g u t z k i, J a f f e von Manchester und Rabbiner A. W e r n e r. Zumal letzterer ist ein ausgezeichneter Zionist, und wo immer er über die Bewegung spricht, vergisst man an sein graues Haar. Man meint einen jungen zionistischen Agitator vor sich zu haben. Vor einigen Wochen fand in der Synagoge Rabbi Werners eine grosse zionistische Versammlung statt, der alle hervorragenden Londoner Zionisten beiwohnten. Der Rabbi führte den Vorsitz. Er hielt eine ausgezeichnete Rede. In einer Privatunterredung äusserte RabbiW erner. über die Agitationen vieler russischen Rabbiner gegen den Zionismus Folgendes: Es ist unsere Pflicht, gegen diese Rabbiner tolerant zu sein, vor allem mit Rücksicht auf ihre Stellung. Wir haben es da nicht mit Protestrabbinern zu thun. Letztere huldigen der Assimilation und sind aus diesem Grunde gegen unsere Bewegung. Jene aber vertheidigen ihren abweichenden Standpunkt in der besten Absicht. Er selbst kennt deren viele, die er ihrer Stellung und Kenntnisse wegen verehrt und achtet. Ihr Antizionismus wurzelt lediglich in der Unkenntnis der Sache. Viele unter ihnen lesen keine Zeitungen, sie wissen nichts von der jüdischen Geschichte, weder der Vergangenheit noch der Gegenwart. Den Zionismus kennen sie nur vom Hörensagen und aus Schilderungen dritter. Wir müssen mit grosser Behutsamkeit zuwerke gehen, wenn wir jene Rabbiner gewinnen wollen. Hoffentlich wird sich dieses Verhältnis bald ändern. Wir müssen diese ernsten Männer zu überzeugen suchen, dass der Zionismus nichts gegen die Religion im Schilde führt. Das ist die Meinung eines Mannes, der an der Spitze der ältesten orthodoxen Gemeinde Englands steht. Fr wurde nach England berufen von einigen Gemeinden, denen die vom hiesigen Rabbinate autorisierten Schächter nicht religiös genug waren. Rabbi W erner ist ein guter Zionist und hofit, dass auch seine russischen Amtsbrüder mit der Zeit zur Erkenntnis gelangen, dass der Zionismus dem Judenthum ebenso helfen will wie der Judenheit und folglich nicht im Widerspruche stehen kann gegen die Heilige Schrift. Wir wollen Frieden im jüdischen Lager. Ks ist gewiss bedauerlich, wenn Rabbiner unserer Bewegung oppositionell gegenüberstehen. Schon hat sie das Judenthum in den verschiedenen Ländern gestärkt und gekräftigt. Niemandem schadet sie, und es thut uns daher leid, dass es noch Rabbiner gibt, die sich des Zionismus schämenundHand in HandmitProtestrabbinern gehen, die behaupten, die Juden seien kein Volk, sondern nur eine religiöse Secte! Man kann nur bedauern, wie weit blinder Hass geht. Die russischen Rabbiner werden sich solcher Bundesgenossen gewiss freuen . . . Uns kümmert das natürlich wenig. Im Eastend nimmt der Zionismus täglich zu. Abgesehen von den gewöhnlichen Vereinsversammlungen, findet wöchentlich mindestens ein Massenmeeting statt, zumeist in einer grossen Synagoge. L.