Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-04-06 · 14 (6.4.1900) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
14 (6.4.1900)
Article
Freiwild
Date
1900-04-06
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315866-3368130--18863-3368265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 „Die Q Welt** Nr. 14 besseren Ständen angehört, wird ein feineres Ceremoniell beobachtet Der algerische Knüttel ist ungehobelt, unsauber, die Klinge, die den jüdischen Hauptmann durchbohrt, ist hübsch blank geputzt und wird sogar vor dem Gebrauche desinficiert. Und noch andere kleinere Vortheile sind dem reichen Juden gewährt. Aber im grossen ganzen ist der jüdische Millionär nicht weniger Freiwild als der jüdische Proletarier. Ein Rothschildscher Sechzehnender oder algerisches Kleinwild — immer steht hinter ihnen der Jägerbursche auf dem Anstand und wartet auf den günstigen Moment. Erwin Rosenberger. Die Conferenz der Colonisationsvereine in Frankfurt. Welche Freunde die Zionsidee in den letzten Jahren gewonnen, welchen grossen Fortschritt sie gemacht und was die grosse Propaganda des Zionismus bewirkte — beweist die Conferenz, die am 26. und 29. März d. J. in Frankfurt a. M. stattgefunden hat. Auf der Tagesordnung stand die Frage der praktischen Bethätigung in Palästina unter den gegebenen Verhältnissen. Unter den Anwesenden konnte man bemerken: den strenggläubigen Rabbiner Dr. Horowi t z aus Frankfurt, den Rabbiner Dr. Werner aus München, Vertreter der _Chaluka" aus Amsterdam, der Vereine ,Esra" und .Ähavath Zion", der „Wiener Allianz - (Dr. K u r a n d a), Herrn Bernard L a z a r e aus Paris, offizielle Vertreter der .Alliance Universelle" in Paris (Herr Benedict), dann verschiedene andere Neulinge auf zionistischem Gebiete, wie z. B. Professor Landau aus Berlin, schliesslich den Vertreter der „Chowewe Zionin Russland, die die Mehrheit aller Zionisten und aller .Chowewe Zion" der Welt bedeuten. Bemerkenswert ist hier der Umstand, dass diese letzeren, die also die Hauptmasse aller zionsfreundlichen Gruppen der verschiedensten Anschauungen ausmachen, zu ihrem Vertreter ein Mitglied unseres Action-Gomites ernannten. Wir wollen nicht aut die einzelnen Details der Verhandlungen eingehen. Wir bringen nur im nachstehenden die wichtigsten Beschlüsse: I. Herr Bambus erstattete ein Referat über Gewerbe und Industrie in Palästina. Referent meinte, dass man mit verhältnismässig geringen Mitteln das Kleingewerbe, wie z. B. die Holzschnitzerei, Schneiderei, Seidenfabrication und die Hausindustrie in Textilwaren fördern könne. Es wurde eine Commission mit dem Sitze in Berlin gewählt, welche die zur Durchführung der Anträge nöthigen Geldmittel zu besorgen hat. II. Dr. Hildesheimer erstattete das Referat über den gegenwärtigen Stand der Co Ionisation in Palästina. Dr. Sa 1 z sprach über die Colonie Machnajim, Dr. Hirsch aus London über die Colonie Bnei Jehuda. Die Colonie Machnaim hat bis jetzt über 100.000 Francs gekostet und braucht nocheinmal dieselbe Summe, um selbstständig zu sein. Es wurde beschlossen, diese Summe auf die einzelnen Colonisationsvereine aufzutheilen. III. Dr. H o r o w i t z referierte über das Schulwesen in Palästina. Dieses Referat führte zu einer grossen Debatte, in der namentlich die Ausführungen der Herren Ussischkin und Bernard L a z a r e interessant waren. Sie constatierten, dass hauptsächlich die Schulen der Alliance und die in den Rothschild'schen Colonien einen verderblichen Einfluss ausüben. Die Tendenz dieser Schulen ist. die jüdischen Kinder zu französisieren und Paris als das Paradies zu preisen. Es wurde eine Commission eingesetzt, die einerseits einen Unterrichtsplan auszuarbeiten, andererseits die Durchführung dieses Planes von der Alliance und der lca zu erwirken hat. Das sind die wesentlichen Beschlüsse der Conferenz. Whwünschen, dass diese Beschlüsse auch wirklich durchgeführt werden. Wir constatieren nur, dass diese Conferenz, un der Männer und Vertreter von Vereinen theilnahmen, die bis jetzt von Palästina nichts hören wollten, vor dem ersten Baseler Gongresse nicht hätte stattfinden können. Wir holten, dass die Männer, die es ernst mit der Sache meinen, zu uns kommen werden. Eine „individuelle" Lösung der Judenfrage. Constantin Schapira, geboren 1841 in Grodno, gestorben 22. März 1900 in Petersburg. Ein überaus interessantes, bewegtes Leben, voll harter Seelenkämpfe, ist zu Ende gegangen. Ein Meister der hebräischen Dichtkunst ist zu Grabe getragen worden. Zu Anfang der Sechzigerjahre lebten in Grodno drei Jünglinge, die an ihre Selbstbefreiung aus dem Ghettoleben dachten. Heimlich lernten sie hebräische Grammatik, lasen viel in den damaligen „Sifre-Haskala" (Aufklärungsschriften) und studierten auch die deutsche und russische Sprache. Die Juden in Grodno hatten aber eine feine Spürnase und wollten keine „Aufgeklärten" in ihrer Mitte dulden. Man begann daher, diese drei jungen Leute mit der grössten Heftigkeit zu verfolgen und machte ihnen das Leben unerträglich. Einer dieser drei, der am meisten zu leiden hatte, war der jetzt verstorbene Ascher Schapira. Vom Elterahause vertrieben, konnte er sich in seiner Geburtsstadt nicht mehr halten und musste ihr den Rücken kehren. Er gieng in die Welt hinaus und begegnete dort verschiedenen Hindernissen als Jude. Was sollte er also thun? Als er seine Vaterstadt verliess, hatte er mit dem religiösen .Judenthum gebrochen, und ein jüdisch-nationales Gefühl war ihm fremd. Nichts in der Welt hat ihn mehr ans Judenthum binden können, nicht einmal sogenannte Familienrücksichten, da ihn seine Angehörigen aus ihrer Mitte ausgestossen haben. So sagte er sich eines schönen Tages von seinem angestammten Volke los . . . Er wählte sich einen bürgerlichen Beruf und schlug sein Domicil in Petersburg auf. Im Strudel des Lebens bestrebte er sich, seine Vergangenheit gar.z zu vergessen. Alle Vorgänge im Judenthum haben ihn nicht mehr interessiert, eine Judenfrage hat für ihn nicht existiert, da er seinen Theil bereits „individuell* gelöst hatte. Voll und ganz lebte er in seinem Berufe — bis ihn die Ereignisse der Achtzigerjahre aufgerüttelt haben. Eine merkwürdige Wandlung vollzieht sich nun im Seelenleben des Abtrünnigen. Der verlorene Sohn kehrt zu seinem Volke zurück. In den hebräischen Zeitschriften aus der ersten Zeit nach den Judenverfolgungen der Achtzigerjahre finden wir seine ersten Gedichte. In seinem Epos „Jüdische Visionen" (Petersburg 1884) klagt er über die Leiden des jüdischen Volkes. „Aus seinem gebrochenen Herzen vernimmt man dumpfe Töne, das Echo der Qualen der unglücklichsten aller Nationen." Zuweilen verleiht er auch seinem eigenen Seelenschmerze Ausdruck: „Umsonst im Wasser gereinigt, umsonst die Mühe, vom Geburtsübel zu genesen." So wühlt er in diesem Epos schonungslos in seiner „Herzenswunde" und klagt, dass „sein Geist zerrüttet, sein Leben unglücklich'ist, denn er sieht seinen Tag zur Neige gehen". Später schrieb er auch einige lyrische Gedichte, die in Sokolows „Haasif" veröffentlicht wurden. Im Hinblick auf diese Gedichte gab ihm ein Kritiker den Titel eines

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.