Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Article
- Aus dem Orient
- Date
- 1900-04-06
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 % ,Die & Welt'* Seite 5 bekannten Staatsmann J. saaks, früheren „Attorney- General" der Colonie Victoria. Bezeichnend ist, dass der fremde australische Jude, Herr J. F. Gunsler. bei seinem Anlangen in Beirut in erster Reihe nach einem rein-jüdische n Hotel fragte, — viele einheimische. Palästinenser •luden frequentieren principiell nur j u d e n r e i n e Hotels. Die Woche. W ien; 4. April 1900. Freiwild. Nicht einmal ein jüdischer Millionär kann gemächlich und unbehelligt durchs Leben wandeln. Es gibt gewiss keinen einzigen jüdischen Hausierer aul' diesem Erdenrund, der nicht wenigstens einmal den Stossseufzer zum Himmel gesandt hat: Ach Gott, ach Gott, warum bin ich nicht der Rothschild! In einer Rothschild- Wiege das Licht der Welt zu erblicken — das ist ein altes Ideal in Israel. Aber in den letzten Tagen dürfte sich die Zahl der mühsalbeladenen Hausierer, die obigen Seufzer auszustossen pflegen, erheblich vermindert hüben. Denn ein Zweig des Stammes Rothschild befindet sich in nicht geringer Bedrängnis. Scharf geladene Pistolen und ebenso scharf geschliffene Rapiere hängen momentan dräuend über dem Pariser Hause Rothschild. Es liegt vielleicht — Gott soll hüten! — etwas Böses in der Luft, und im Frankfurter Ahnenschlosse des (Jeschlechtes Rothschild will jemand sogar eine weissgekleidete Gestalt zur nächtigen Stunde durch die hallenden Gänge schreiten gesehen haben. Das war hoffentlich nur eine Hallucination, niemand glaubt heute mehr an die Ahnfrau-Fabel — aber dessungeachtet: die Situation des Pariser Hauses — oder vielmehr Palais- Rothschild ist zur Stunde durchaus nicht ungefährlich. Und wenn man heute irgendeinem armen Juden nach altem Brauche die Segensformel sagt: „Rothschild sollst Du sein!" — so läuft man Gefahr, dass der also Angeredete die Formel als eine Verwünschung auffasst und erbittert repliciert: -Selber!-4 Die Sache verhält sich folgendermassen: Der junge Graf Lubersac, der Sprosse eines Pariser clericaliintisemitischen Adelsgeschlechtes, hat den Versuch gemacht, dem zwanzigjährigen Robert Rothschild auf brieflichem Wege einige Ehrenbeleidigungen zu übermitteln. Das Schreiben des Grafen Lubersac zeigt die Tendenz, den jungen Rothschild zu „provoeieren" : es ist so stilisiert, dass seine Schriftzüge nur mit Blut abgewaschen werden können. Die schriftliche Kriegserklärung des Grafen Lubersac enthält aber gleichzeitig eine Stelle, durch die sich auch der Bruder eines Rothschildschen Schwiegersohnes, Monsieur Ephrussi. provociert fühlen muss. Rothschild und Ephrussi haben denn auch nicht gezögert, sich beleidigt zu fühlen, und die nothwendige blutige Abwaschung zu verlangen. - Vertreter" mit dem Ehrencodex in der Brusttasche kamen zusammen und beriethen darüber, ob das zu Waschungszwecken erforderliche Blut mit Hilfe von Stich- oder Schusswaffen aus dem Körper der Betheiligten gewonnen werden solle: aber die Berathungen führten zu keinem rechten Resultate. Der junge Rothschild war zwar gerne bereit, sein Blut nach Massgabe der Kräfte zur Verfügung zu stellen, aber der Graf Lubersac war indessen anderer Ansicht geworden, er erklärte, dass das Blut des Herrn Rothschild erst 20 Jahre in dessen Adern kreise, und sich daher wegen allzu grosser Jugendlichkeit nicht für den geplanten Zweck eigne. Robert Rothschild ist zu jung. Der Graf Lubersac ist offenbar der Ansicht, dass die Abwaschfähigkeit des Blutes proportional ist dem Alter des betreffenden Blutes: wie ja auch manche Leute abgestandenes Wasser dem frischen Wasser beim Waschen vorziehen. Also Graf Lubersac hat vorläufig das untaugliche Blut des Robert Rothschild refusiert, aber gleichwohl bestand der Graf darauf, dass die Beleidigung, die er dem Robert Rothschild zugefügt, mit Rothschild'schem Blute getilgt werde, und deshalb sandte er einem Vetter des Robert, dem Eduard Rothschild, einen energischen Mahnbrief, worin er seine Absichten auseinandersetzt: Da Robert Rothschild wegen seines fühlbaren Mangels an Lebensjahren den gesellschaftlichen Pflichten nicht nachkommen könne, möge Eduard Rothschild auf Grund seines reiferen Alters in die Lücke springen und mit seinem gesetzteren Blute bei der Schlichtung der Ehrenangelegenheit aushelfen. — — Bis hierher lässt sich die Affaire noch einigermassen deutlich verfolgen; dann aber verliert sie sich in einem dichten Gestrüpp von Herausforderungen, Erklärungen, Gegenerklärungen, Briefen, Retourbriefen, Ehrenrathssitzungen, Clubbesuchen. Ovationen — die Cartellträger beginnen einander bis ins dritte Geschlecht kreuz und quer herauszufordern, die Cartellträger der Cartellträger ebenfalls, kurz die Angelegenheit wird ungemein verworren und verfilzt. Der Zeitungsleser .seufzt nach mehr Licht, nach einem rettenden Wegweiser: «Ist denn kein Zola da?" Aber soviel ist ersichtlich: Das Pariser Haus Rothschild ist gefährdet. Wie ist Graf Lubersac auf die Idee gekommen, die Flothschilds schriftlich zu insultieren? In seinen Schmähbriefen motiviert er sein Vorgehen. Die Rothschilds haben sich die Ungnade des nationalistischen Grafen zugezogen, weil sie Juden sind. Das Schreiben an Robert Rothschild enthält den Passus : „Ich suche nach Ihrem Taufacte in allen Kirchensprengeln von Paris. Den Rest wissen Sie, nämlich den Abscheu, den Sie und die Ihrigen mir einflössen. „Ephrussi wird in dem Schreiben als „Glaubensgenosse Ephrussi" bezeichnet. Das ist deutlich. Robert Rothschild hat das Recht, zu leben, verwirkt, weil er keinen Taufschein hat. Der antisemitische Graf vergegenwärtigt sich, dass die Rothschilds Juden sind, und er wird bei diesem Gedanken von so heftigem Abscheu erfasst, dass er nicht umhin kann, mit den Juden anzubinden, um sie, wenn angängig, nach allen Regeln der Duellkunst niederzumetzeln. Der fehlende Taufschein ist ungefähr so viel, wie ein Todesurtheil. Wir erinnern uns, dass seinerzeit der jüdische Hauptmann Meyer auf dem Duellboden sterben musste, weil in keinem Kirchensprengel von Paris sein Taufact vorräthig war. Das" Judenthum ist eigentlich eine acute Todescaudidatur. — — —■ -Armer Mensch! Schade um ihn! Sein Zustand ist lebensgefährlich." „Aber er sieht doch ganz gesund aus!* „Wenn Sie ihn nur bei Tage sehen würden! — Er hat einen ausgeprägt jüdischen Typus.~ Im Judenhasse ist eine gewisse strenge Gerechtigkeit. Er kennt keine Standesunterschiede, den reichsten wie den ärmsten Juden sucht er heim. Nur die Taktik des Angriffes ist etwas verschieden. Den rumänischen oder algerischen Juden schlägt der Judenhass kurzerhand mit einein gewöhnlichen Knüttel todt, bei der Ermordung des jüdischen Hauptmannes Meyer, der den