Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Article
- Palästina
- Date
- 1900-04-06
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 „Die s£ Welt" Seite 3 ist, so gebürt die Palme des Sieges nicht in letzter Reihe der jüdischen Frau. Hätten unsere Colonisten je die Gefahren der ersten Ansiedlung überdauert, wenn ihnen nicht so tapfere Gefährtinnen zur Seite gestanden wären! Erst unlängst beobachtete ich in einer Colonie eine junge Frau, die, trotzdem sie selbst leidend war, den eisernen Willen besass, an dem Krankenlager ihres fiebernden Sohnes zu wachen und den abwesenden Gatten bei der Leitung der landwirtschaftlichen Geschäfte zu vertreten. Und diese junge Frau, die bei dem hier herrschenden Mangel an gutem Dienstpersonal selbst auch die schwerste Arbeit verrichten musste, hatte von der russischen Universitätsbank den Sprung zum jüdischen Bauernsitze gethan. Und das ist kein vereinzelter Fall! Fast in allen Colonien findet man junge jüdische Frauen, zumal Russinnen, die Gymnasial-, auch oft Hochschulbildung genossen haben. Sie alle sind von Begeisterung für die Sache ihres Volkes erfüllt. Sie sind dem Zionismus für die Befreiung dankbar, für das Glück, in einem Lande leben zu können, wo ihre Männer, ihre Väter nicht nur geduldet sind wie in Europa, sondern geachtet, geschätzt. Der Umstand, dass die Mehrzahl der Colonien, die doch bekanntlich von Baron Rothschild administriert wurden, ich möchte sagen, eine sogenannte französische Amtssprache haben, hat es mit sich gebracht, dass neben der französischen Sprache auch ein wenig französische Sitten Eingang fanden. Nur unser Jung-Israel, die unteren Massen, sprechen hebräisch mit Liebe, mit Begeisterung. Die kleinen Golonistenkinder, die doch fast nur unter dem Einflüsse der Mutter stehen, bedienen sich fast durchgehends der hebräischen Umgangssprache. Die Tracht der jüdischen Frauen Palästinas ist, je nachdem sie Aschkenasim oder Sephardim sind, verschieden. Die aschkenasischen Frauen tragen durchgehends europäische Kleidung, nur sind Kopftücher mehr im Gebrauche, als Hüte. Die sephardischen Frauen hingegen bevorzugen zumeist die arabische Tracht, doppelte einfarbige, meist dunkle seidene Schösse, von denen der obere Theil von rückwärts über den Kopf genommen wird. Das Gesicht verschleiert. Diese Kleidung hat insoferne ihre Vortheile, als derart gekleidete Frauen vor Belästigungen der noch etwasunerzogenen Araber sicher sind. Das Heim des Colonisten, der Schaffensbezirk der Frau, bietet das Bild puritanischer Einfachheit. Kein Luxus, kein Comfort; und dort, wo wir bchon reichhaltigere Ameublements finden, ist wieder wenig Geschmack und künstlerischer Sinn zu merken. Diese beiden, vielleicht im Ghetto etwas verkümmerten Fähigkeiten werden an dem herrlichen Naturbilde ihre Schulung bis zur Vollkommenheit finden. Allerdings fällt es hier der Frau schwerer, guten Geschmack und Schönheitssinn zu bethätigen. Im kalten Norden sehnt sich das ans Grau der Aussenwelt gewöhnte Auge nach weichen Tönen im eigenen Heim. Hier aber kann Kunst mit der Natur nicht concurrieren und sich nur insoweit regen, als sie einen harmonischen Uebergang vom Freien in das Haus herzustellen sucht. Noch ein Wort zum Capitel Hausindustrie : Ein Land, wo Grossindustrie noch eine Frage der Zeit ist, muss diese Epoche des industriellen Stillstandes für das Emporblühen der Hausindustrie ausnützen. Aber letztere steckt hier noch stark in den Kinderschuhen. Hier und da ein junges Mädchen, das am Webstuhle arbeitet! Meiner Ansicht nach dürfte, sowie unsere Colonien einige Stabilität erreicht haben, auch die jüdische Hausindustrie sehr schöne Resultate zeitigen. Dann wird unsere in ethischer Hinsicht vollkommene jüdische Frau auch ihre Vollkommenheit auf praktischem Arbeitsgebiete erreichen. T. B 1 a n c o. Neues aus dem Deutschen Reiche. Berlin, im April. Als gelegentlich einer Abstimmung über die Paragraphen der Lex Heinze die Linke des Reichstags ostentativ den Saal verliess, kam der Zorn der Rechten in zahlreichen Zurufen zum Ausbruche. Alles aber übertönte der grimme Schlachtruf „Juden raus!:\ Nun sitzt zwar auf den Bänken der Opposition nur ein einziger Jude, der Socialist Wurm, der überdies sich in der ganzen Angelegenheit nicht einmal zum Worte gemeldet hat aber was thufs? Wenn man gar nicht mehr weiss, wie man seiner Verachtung Luft machen soll, und die Benennungen aus dem Thierreiche versagen, dann sagt man zum Gegner einfach „Jude". Und von der Last dieses schrecklichen Wortes vernichtet, sinkt er zusammen. — Und doch hätten unsere Conservätiven allen Anlass, in Ostelbien. woher sie doch zumeist stammen, den Juden dankbar zu sein, die dort, wie die Regierung selbst anerkennt, die besten Stützen des Deutschthums gegen die Polen sind. Statt dessen macht man ihnen das Leben sauer, ächtet sie gesellschaftlich und geschäftlich, und zwingt sie zum Abzüge in die Grossstädte. In der Zeitschrift „Das neue Jahrhundert" schildert der Schriftsteller Klausner-Davoc diese Yerältnisse in drastischer Weise. „Ganze Gemeinden haben sich aufgelöst oder sind der Auflösung nahe. Die Aermeren ziehen in die grösseren Städte, die Wohlhabenden nach Berlin, wo sie doch etwas Genuss von ihrem Vermögen sich verschaffen, wenn nicht gar es noch vermehren körnen, während sie an dem Orte ihrer bisherigen Thätigkeit weder Genuss, noch Ansehen, noch Gewinn erhoffen können." Sehr wahr. Aber ob auch das Deutschthum Schaden nimmt, der Jude wird verbrannt. Hass ist eben blind. In Berlin hat nach längerer Pause wieder eine zionistische Massenversammlung stattgefunden. Herr Rabbiner Dr. Goitein aus Kopenhagen sprach über den Zionismus vom religiösen Gesichtspunkte. Er bewies, wie haltlos die Einwürfe unserer orthodoxen Gegner sind, zeigte, dass jeder wahrhaft gesetzestreue Jude geradezu verpflichtet sei, sich uns anzuschiiessen, wenn er dem Sinne unserer religiösen Vorschriften folgen wolle, und verbreitete sich zum Schlüsse seines l!/2stündigen Vortrages über die Ziele unserer Bewegung. Reicher Beifall folgte seinen Ausführungen, und auch in der Debatte bewies die Zuhörerschaft, dass sie in überwiegender Zahl auf unserem Standpunkte stehe. Erfreulich war, dass auch Herr Klausner wieder erschienen war, um zu opponieren. Er gab unseren Rednern vorzügliche Gelegenheit, auf alle gegen uns bestehenden Vorwürfe einzugehen, brachte die Anregung in die Debatte, deren jede Volksversammlung zur Belebung des Interesses bedarf, und trug so nicht wenig zum Gelingen des Abends bei. Möge er uns lange erhalten bleiben. Ebenfalls einen sehr erfreuliehen Verlauf nahm die Puriin-Foier, welche die national-jüdischen Vereine Berlins gemeinsam am Ii-, v. M. im Grossen Saale des Berliner Kandwerkervereines veranstaltet hatten. Mehr als vierhundert Personen hatten sich eingefunden. Concert, Aufführungen aller Art und eine Festzeitung trugen dazu bei, die Stimmung zu erhöhen. Herr Friedländer schilderte die Bedeutung des Abends, im Namen des Festcomites richtete Dr. Friedemann eine Ansprache an die Gäste, und. Rechtsanwalt Kantorowic /. mahnte die anwesenden jüdischen Frauen,