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Die Welt · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Article
Basel [Nachricht]
Date
1900-03-30
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 13 »Die & Welt" Seite 11 Schweiz. Basel. Vergangenen Samstag hielt in den oberen Sälen des Stadt-Casinos „Jung-Zion" sein drittes Jahrestest ab, das sich in jeder Beziehung seinen Vorgängern würdig anschliesst. Von den Programmnummern sind besonders hervorzuheben zwei Einacter, die von je zwei Mitgliedern eigens für diesen Abend geschrieben worden waren und stürmischen Beifall ernteten. Der erstere, „Renaissance", ein Antizopfgeschichte von Silvain Brunschwig und Joe Metzger (durch „Die Welt" zu beziehen) ist eine prächtige satyrische Scene zionistischer Tendenz und dürfte übrigens seine Runde noch bei manchen Anlässen zionistischer Vereine antreten. Auch der zweite, ein Lustspiel, „Schachzüge gefiel. Eine Nummer von höchstem Reize war der Stabreigen der Turnsection. Schon das Erscheinen der strammen Turner auf der Scene bewirkte einen Beifallsturm, und als dann der Präsident des ersten jüdischen Vereines „Erholung" „der ersten jüdischen Turnsection Basels" einen Lorbeerkranz überreichte, thaten die Gäste durch erneuerte Bravo-Rufe ihre Billigung kund. Die animierte Stimmung erhielt sich bis zum Schlüsse des genussreichen Abends. — ,Jung-Zion" hat wieder einmal gezeigt, dass es kann, wenn es will. Allerlei Nachrichten. Wir haben an dieser Stelle wiederholt über die segensreiche Thätigkeit des jüdischen Kin der-Sparvereins in Berlin referiert. In den Berichtsjahren 1898/99 wurden im ganzen 1400 Sparkästen ausgegeben. Im April 189S fand eine Ausleerung statt, die 9250 Mark, im April 1899 eine solche, die 8835 Mark ergab. Der. „eiserne Fonds" wurde durch Geschenke um 3250 Mark erhöht. Die Ausgaben belaufen sich für beide Jahre auf 17.880 Mark, und zwar bloss für wohlthätige Zwecke, da die Bureaukosten durch die Vereinsmitglieder gedeckt werden. Die jüdische Bevölkerung in Elsass-Lothringen ist seit 25 Jahren in stetem Rückgange begriffen, und zwar um 1% jährlich. 45 Landgemeinden weisen von 1S80—1S95 eine Zunahme von 430 Seelen, dagegen 200 eine Abnahme um 5307 Seelen au^. * Die „Deutsche Wacht" hatte in einem Artikel „Etwas vom jüdischen Mädchenhandel" die jüdische Religion beschimpft und bei der Gelegenheit auch das „Kol-Nidre"- Gebet in verletzenden Redewendungen besprochen. Ein dieserhalb gestellter Strafantrag wurde vom Staatsanwalt und Oberstaatsanwalt zurückgewiesen. * Herr Rabbiner Dr. A. Salvendi in Dürkheim weist in einer Zusammenstellung nach, dass er in einem Zeiträume von circa 30 Jahren einen Betrag von 691.118-30 Mark für die Armen des Heiligen Landes gesammelt hat. In der Stadt Shrevport des nordamerikanischen Staates Louisiana wurde dieser Tage ein vor circa zwei Jahrzehnten aus Russland eingewanderter Jude namens Benjamin Holzmann zum City-Mayor erwählt. Der Erwählte bekleidet in der jüdischen Gemeinde das Amt des Vorstehers der Wohlthätigkeits-Section. In New- York hat sich kürzlich ein Comite zur Errichtung eines Denkmals für die im Bürgerkriege im Jahre 1863 gefallenen Juden gebildet. Dasselbe wird einen Aufruf erlassen, in dem es alle amerikanischen Juden ohne Unterschied ihrer Parteistellung zur Beitragsleistung auffordern wird, damit an die Errichtung eines imposanten Denkmals geschritten werden könne. In Hannover starb jüngst der Rechtsanwalt Doctor Benfey. Mit ihm verliert die jüdische Gemeinde Hannover innerhalb kaum eines Jahres das dritte Vorstandsmitglied. Die Massregeln der rumänischen Regierung gegen die Juden sind unerschöpflich. Bisher erhoben die jüdischen Gemeinden in Rumänien zur Erhaltung der jüdischen Schulen eine Koscherfleisch-Steuer. Nunmehr hat die Regierung verfügt, es sei die fernere Einhebung dieser Steuer ungesetzlich, und dieselbe dürfe in Zukunft weder verlangt, noch entrichtet werden. Durch diese Massregel ist der Fortbestand vieler jüdischer Schulen in Frage gestellt. Anlässlich der Jubelfeier der Akademie der Wissenschaften in Berlin erhielten die jüdischen Professoren Dr. Hermann Dessau- Berlin und Dr. Bresslau- Strassburg im Elsass den Rothen Adlerorden 4. Classe. Aus Anlass des 200jährigen Jubiläums der Berliner Akademie der Wissenschaften war auch unser hervorragender Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Gaster anwesend. Wie nun „Jewish World" zu berichten weiss, ereignete sich zu Beginn des Festes eine Scene, die nicht ohne einen gewissen Humor ist. Der rumänische Ministerpräsident Stourdz a stellte sich nämlich Herrn Dr. Gaster vor. ohne ihn zu erkennen. Dr. Gaster, anstatt seinen Namen zu nennen, fragte lächelnd: ..Excellenz kennen mich nicht?" Stourdza, dem die Worte nicht klar waren, nannte nochmals seinen Namen, worauf Dr. Gaster erwiderte: „Und ich bin der Dr. Gaster, den Sie seinerzeit aus Rumänien ausgewiesen haben." Der Minister konnte in höchster Verlegenheit nur die Worte stammeln: „Das waren damals Ausnahmsverhälinisse —" „Die mich als Repräsentanten englischer Wissenschaft hierhergeführt haben," replicierte Dr. Gaster lächelnd. Der Sultan hat seine Zustimmung ertheilt zur Bildung eines rabbinischen Consistoriums für die Juden des türkischen Reiches. An der Spitze dieser Körperschaft^ steht HeiT Isak Molcho E f f e n d i. In einer Correspondenz der „Aurore" aus Bulgarien wird die Lage der Juden in den bulgarischen Provinzstädten als überaus elend geschildert. Sie ernähren sich kümmerlich und haben von dem religiösen Fanatismus ihrer christlichen Nachbarn viel zu leiden. In dem Sculpturenpavillon der russischen Abtheilung der Pariser Weltausstellung sind unter anderem auch Werke der jüdischen Bildhauer Antokolsky, Bernstamm und Ginzburg ausgestellt. Zum Rabbiner in Grodno wurde der bekannte hebräische Schriftsteller S. H. Epstein gewählt. In L e e d s (England) verschied kürzlich im Alter von 80 Jahren der Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde, Rev. Lewinsohn. Der Verblichene bekleidete sein Amt in Leeds seit 27 Jahren und erfreute sich allseits grossen Ansehens. An seinem Leichenbegängnisse nahmen über 5000 Personen theil. Wie „Odesski Nowosti" melden, hat das Ministerium des Innern der hungerleidenden jüdischen Bevölkerung von Ackerman den Betrag von4000Rubeln aus den Einnahmen der sogenannten Fleischtaxe bewilligt. Der gewesene jüdische Lordmayor von London Mr. Faudel Philips wurde von der Königin zum Sheriff ernannt.

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