Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 13 (30.3.1900)
- Article
- Jüdische Flösser in Galizien und der Bukowina
- Date
- 1900-03-30
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 ,Die s£s Welt" Nr. 13 Die Juden Hessen sich aber nicht absehrecken und machen gegenwärtig fast die Hallte der gesammten Flösserzahl auf dem Czeremosz aus. Der Kampf hat sich bereits gelegt und quasi in eine Arbeitsteilung verwandelt. Die Juden lassen nämlich das Zusammenbinden der Flösse den Huzulen und beschäftigen sich nur mit der Fahrt auf dem Wasser. Die Huzulen sind zufrieden, dass sie ihre Arbeit am Ufer des Flusses verrichten können und haben nicht mehr nöthig, aufs Wasser zu gehen. Die Juden hingegen haben sich den schweren Theil der Arbeit gewählt: das Leben auf dem Wasser, wo sie auch bei Sturm und Regenwetter bleiben müssen, ohne Rücksicht auf ihr Leben und ihre Gesundheit, und das Risico, wenn der Transport bei plötzlichem Hochwasser misslingt, wenn die Flösse zerschlagen und man Gott dankt, mit dem nackten Leben davon zu kommen. Dass sich die jüdischen Flösser diesen Theil der Arbeit gewählt haben, ist für uns sehr erfreulich, denn sie haben das unter den Antisemiten aller Confessionen verbreitete Märchen von der Unlust der galizischen Juden zu schwerer anstrengender Arbeit Lügen gestraft. G. B. Die Fahnenflüchtigen. Ein Wiener evangelisches Blatt veröffentlicht in einer seiner letzten Nummern eine interessante Uebertritts-Statistik. Aus derselben geht hervor, dass in den letzten vier Jahren in Wien allein nicht weniger als 476 Juden zur evangelischen Kirche A. B. übertraten, und zwar 108 im Jahre 1896, 93 im Jahre 1897, 99 im Jahre 1898 und 176 im Jahre 1899. Professor Hilty (Bern) über die Juden. Im Politischen Jahrbuch der Eidgenossenschaft für 1899 kommt Professor Hilty. der Verfasser des vielgelesenen Buches „Das Glück" auf die zionistische Bewegung zu sprechen und bemerkt dann wörtlich über die Juden: »Für uns ist aber kein Grund vorhanden, dieses Volk, dem wir so unendlich viel Gutes, ja das Beste, was wir an geistigen Gütern haben, verdanken (besseres sogar noch als den Griechen und Kömern), zu quälen, oder ihm sein ohnehin schweres Schicksal noch schwerer zu machen, bloss weil einige seiner Mitglieder nicht die frömmsten, nicht gerade die liebenswürdigsten Eigenschaften aufweisen." Die ängstliche Amme. Der Prager „Czas", das Organ des Professors Masaryk, erzählt folgende Geschichte : Dem Herrn Hirsch Schönmann, Handelsmann in Bielitz, telegraphierte sein Schwiegersohn aus München, dass in seiner Familie ein freudiges Ereignis eingetreten sei und er bitte, ihm aus der Umgebung von Bielitz eine gesunde Amme nach München zu senden. Der glückliche Grossvater beeilte sich, den Wunsch seiner Kinder zu erfüllen, aber beinahe wäre er für seinen Eifer als Verbrecher angesehen worden. Das Unglück wollte es, dass er auf der Eisenbahn mit einem Antisemiten zusammenkam. Auf der Station Petrau setzte sich zu ihm der Handelsmann J. Streuzek aus Skotschau und knüpfte mit der Amme sogleich folgendes Gespräch an: „Mädel, geh' nicht mit ihm, er wird Dich abstechen und Mazzes aus Dir machen!" Das Mädchen sprang auf den Perron und schrie um Hilfe. Daraufhin gab es einen Zusammenlauf, Geschrei, ein Geheimpolizist erschien und unterzog Herrn Hirsch Schönmann einem Verhör. Selbstverständlich fuhr ihm der Zug davon und nach München wurde ein Telegramm abgesendet, auf die Amme nicht zu warten. Herr Streuzek aber nahm die Amme mit nachhause, während Herr Hirsch Schönmann froh war, den Geheimpolizisten davon überzeugen zu können, dass er kein Händler mit Menschenfleisch sei, wofür ihn der Arm der Gerechtigkeit gehalten hatte. Herr Streuzek und dieser Polizist, namens Mattel, stehen unter Anklage. Der eine wegen Verbreitung verleumderischer Nachrichten, der andere wegen Missbrauches der Amtsgewalt und wegen Ehrenbnleidigung. In seinem Amtseifer schrie nämlich Mattel: „Ihr Menschenhändler, ich werde Euch noch aufhängen!" Dem zwanzigsten Jahresberichte des jüdischen Waisenhauses in N e w -York ist zu entnehmen, dass diese so segensreich wirkende Anstalt derzeit 876 arme jüdische Waisenkinder beherbergt, darunter mehr als 30 Percent Mädchen. Die Zöglinge der Anstalt werden in der Regel Tür den Beruf ausgebildet, für den sie die meiste Neigung hegen, und nicht früher entlassen, als bis sie sich selbst zu erhalten vermögen. Die Einnahmen des verflossenen Jahres erreichten zwar die stattliche Höhe von 99.93S Dollars 90 Cents: dennoch genügten sie nicht zur Bestreitung sämmtlicher Auslugen dieses Jahres, welche sich auf die Summe von lo:>.< »17 Dollars :>1 Cents beliefen, und es musste der Reservefonds in Anspruch genommen werden. Ein ermordeter jüdischer Colonist Amerikanische Blätter verzeichnen die Nachricht, dass im Monat Jänner d. J. abermals ein jüdischer Colonist der Baron Hirse Irschen Ansiedlungen in Argentinien der Mordlust der argentinischen Gauchos zum Opfer gelallen ist. Der Unglückliche, der Moses Lebedinsky heisst, stammt aus Russland und hinterlässt eine kränkliche Witwe mit zehn unmündigen Kindern. Den Mördern konnte man bis zur Stunde nicht auf die Spur kommen und es ist auch keine Aussicht vorhanden, dass sie jemals ausgeforscht werden, denn die argentinischen Behörden führen die Untersuchung wie immer, wenn es sich um einen ermordeten Juden handelt, mit einer empörenden Lässigkeit. Personalnachrichten. Dienstag, 27. März, fand in Wien die Promotion des Herrn Emil M e n z i 1 e s zum Doctor beider Rechte statt. — Fräulein Hedwig Schäfer (Storozynetz) hat sich mit Herrn Leon Mattussariu (Constanta) verlobt. Correspondenzen. Deutschland. Barby. Die alte Synagoge, die bereits hundert Jahre bestand, wurde auf polizeilichen Befehl wegen Baufälligkeit am 1. März abgebrochen. Das Grundstück wurde für den Preis von 800 Mark verkauft. Da hier nur sieben beitragsfähige Gemeindemitglieder sind, ist es nicht gelungen, die Kosten für eine eventuelle Reparatur zusammenzubringen. Frankreich. Paris. Am 23. v. M. verschied in Marseille Herr F. R o s e n z w e i g. Der Verstorbene war der Vater der Frau Professor Rieh. Gottheil. Herr Rosenzweig ist in der hebräischen Journalistik sehr bekannt. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel über Palästina und war einer der ersten, die die Colonisations-Idee propagierten. Er lebte viele Jahre in Palästina, wo man seinen Tod sehr bedauern wird, da man seine Bemühungen um die Verbesserung der materiellen und moralischen Verhältnisse der dortigen Juden sehr zu würdigen weiss. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Frankreich. Alle, die ihn kannten, liebten und achteten ihn. Er war ein lebendiges Beispiel der jüdischen Wohlthätigkeit. Weder seine Kränklichkeit, noch sein hohes Alter vermochten ihn abzuhalten, sich für andere zu opfern. Selbst nicht mehr in der Lage, sich an der zionistischen Bewegung activ zu betheiligen, hatte er die grosse Freude, zu erleben, wie seine beiden Töchter, Frau Professor G o 11 h e i 1 und Frl. Eva Rosenzwei g, sich der Bewegung mit aller Kraft widmeten, wie Professor Gottheil zu den thätigsten Führern gezählt wurde. Rosenzweig starb, 76 Jahre alt, kurz, nachdem sich das Grab über seiner treuen Lebensgefährtin Frau Esther Rosenzweig geschlossen. Ehre seinem Andenken!