Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Article
Volkskampf
Date
1900-03-30
Page
5 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315865-3367948--18736-3368064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13 „Die & Welt" Seite 5 Es gibt und gab Leute, die solchem Vorgehen gänzlich verständnislos gegenüberstehen, die nicht begreifen, dass man sich soweit vom „vernünftigen Selbsterhaltungstriebe" emancipieren kann, dass man sich mit der sicheren Gewissheit zu unterliegen in den ungleichen Kampf begibt. Diese Leute, die das Heine'sche Wort von „Heldenehre und Narrenthum " im Munde führen, haben ja gewiss ganz recht — aber nur wenn man das Weltall von dem kleinen Standpunkte des eigenen „Ich" betrachtet, wenn man die nüchterne Betrachtung des Alltags, die Politik des Rechnens von heute zu morgen für den Gipfel der Klugheit ansieht. Und weder Männer mit grossem Empfinden, noch Völker mit culturellem Missionsgefühl haben je so gedacht, willig haben sie dem Gebote der Ehre Gut und Blut geopfert, willig haben sie, wenn es galt, ihre Persönlichkeit und ihre nationale Existenz aufs Spiel gesetzt auch gege'n einen gewaltig überlegenen Feind, sich der Vernichtung preisgeboten. Denn das Geheimnis der „nationalen Ehre", das angeblich so schwer zu ergründen sein soll, ist in Wirklichkeit durchaus keine Phrase, es ist der Trieb, die reine Selbstachtung vor sich und arideren bewahren zu dürfen, in jener Schönheit leben zu dürfen, nach der sich nicht nur das Herz des Künstlers, sondern das jedes edel empfindenden Menschen sehnt, der Trieb, lieber in Schönheit unterzugehen, als eine geduldete, im Alltagssumpfe verkommende Existenz zu führen. Die Augen Europas sind auf den Kampf gerichtet, den drunten, am Gap, das Häuflein Boeren gegen die englische Weltmacht führt. Wir haben wenig Grund, uns für die Boeren zu begeistern, und noch weniger Anlass, England zu hassen. Denn die Boeren sind ein culturell ganz rückständiges Volk, das die eingeborene Bevölkerung mit äusserster Härte bedrückte, jedem Nichtcalvinisten fanatischen Glaubensdünkel entgegensetzte und speciell unsere jüdischen Glaubensbrüder höchst unduldsam behandelt hat. Ueberall dagegen, wo der Union Jack weht, ist Raum für die Menschen aller Nationen und Zonen, herrscht die Cultur eines grossen und freien Volkes, wird selbst der Jude für einen Menschen gehalten. Wenn wir nüchtern überlegen, so haben wir allen Anlass, über Niederlagen der Engländei zu trauern und ihnen einen baldigen und entscheidenden Sieg zu wünschen, von dem sie trotz der Einnahme Bloemfonteins noch recht weit entfernt sind. Und doch, wenn wir alle diese Erwägungen anstellen, wenn wir zu dem unanfechtbaren Endschlusse kommen, dass wir uns englischer Siege erfreuen müssen, weshalb ist dem in Wirklichkeit nicht so? Weshalb steht unser Interesse doch auf Seiten derer, die uns nicht lieben? Weil das Häuflein Menschen, das jenen Krieg führt, das Volk, das der Zahl nach nicht stärker ist als die englische Armee am Cap, willig jenen grossen Kampf für die bedrohte nationale Ehre aufgenommen hat, in dem es lieber unterliegen, untergehen will, als seine Eigenart aufgeben. Uns ergreift die Schönheit dieses Handelns und wir vergessen alle klugen Berechnungen und Ueberlegungen beim Anblicke des grossen Schauspieles, wie ein ganzes Volk, die Todesgewissheit im Herzen, ein ritterliches Ende sucht. Vielleicht ergreift uns westeuropäische Zionisten die Tragik dieses Vorganges mehr, als wären wir nur objective, nicht betheiligte Zuschauer. Vielleicht beziehen wir unwillkürlich einen Theil jener Vorgänge auf uns selbst und empfinden in jenen Kämpfen eine Rechtfertigung unseres Handelns, das die Philister um uns her, die so sehr praktischen Leute an der Börse und den judenliberalen Blättern, so verdriesst. Wir hörten so oft, wir seien Narren und Schwärmer, die besser thäten, für den Augenblick im Stiefmutterlande zu sorgen, dass wir uns selbst zu misstrauen begannen. Nun sehen wir dieselben Leute den Boeren zujubeln, die uns Narren schalten, und wir fangen an, die Logik der Gegner für sehr schwach zu halten. Wie sind wir doch Zionisten geworden, wir, die nicht am frommen Väterglauben unbedingtes Genüge finden, die nicht von der materiellen Noth des Lebens gedrückt werden und nicht, wie unsere östlichen Brüder, völlig am bürgerlichen Streben behindert sind? Gewiss leiden auch wir unter Zurücksetzung, gewiss wollten wir in socialem Streben zur Lösung der Judennoth beitragen, die nur auf dem Wege des Zionismus beseitigt werden kann. Gewiss haben wir mitgelitten unter dem Weh unserer Brüder. Aber das alles hat doch nicht unsere ganze Persönlichkeit ergriffen, so dass wir uns selbst, unser Leben der Idee widmeten. Mehr als das alles hat uns der Umstand in den Kampf getrieben, dass man uns die Ehre der Persönlichkeit antastete, dass man uns die Würde des Lebens nicht gönnte, uns degradieren wollte zu Menschen, die froh sind, wenn ihnen Speise und Trank behagt, Menschen die sich aber beileibe nicht erlauben dürfen, als volle, gleichberechtigte Existenzen zu bestehen. Nicht, weil man uns Ehren und Stellungen versagte, nicht, weil die unbefähigtesten Banausen um uns her über unsere Köpfe stiegen, haben wir geklagt. Das überlassen wir wirklich denen, die, ach, so praktisch sind. Wir wurden Zionisten, weil wir erstickten in der Atmosphäre um uns her, weil unser bestes Thun, unsere besten Absichten gelähmt waren, nur weil der ehrlose Jude sie vertheidigte. Keine Sache war so gut, dass wir sie nicht discreditiert, kein Unternehmen so rein, dass wir ihm nicht die giftigsten Angriffe zugezogen hätten, nur weil wir es waren, die ihm nützen wollten. So können ehrenhafte Menschen nicht leben. Wir waren feiner organisiert als die Masse, darum kam uns zuerst der Wunsch der Selbstbefreiung. Aber auch die gröber Organisierten werden kommen, um in unseren Reihen zu fechten — es müssten denn unsere Brüder die gegen sie gerichteten Angriffe verdient haben. Und das arme Bauernvolk in Südafrika bringt uns zum Bewusstsein, dass wir recht gehandelt haben. Wer weiter uns belächelt oder beklagt, den wollen wir auch nicht weiter belehren. Es hat keinen Zweck, über Begriffe zu streiten, die dem Verständnisse des anderen Theiles nicht adäquat sind. Wir werden freudig unserer Idee jedes Opfer bringen, das sie verlangt, und werden doch wissen, dass wir ein reicheres Leben führten, als die Tadler und Bedauerer, die uns so klug belehren wollen. Wir brauchen Boden unter unseren Füssen, geistig und materiell, und um diese Grundlagen unserer Idee werden wir kämpfen. Wir glauben an den Sieg, und diese Hoffnung gibt uns doppelte Kraft, aber wir würden selbst dann kämpfen, wenn wir der Hoffaung entsagen müssten, wie jene Boeren, die uns gezeigt haben, wie ein Volk, besiegt und doch von aller Sympathien begleitet, endet. Sollten wir unterliegen in diesem Kampfe, nun, so wird uns wenigstens die Achtung unserer Feinde nicht fehlen. Wir wollen leben, uns der Sonne erfreuen, wie jedes andere Wesen, aber leben in Ehre. Sonst — wie sagt doch Ibsens Hedda Gabler? „Man muss auch schön sterben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.