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Die Welt · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Article
Perez Smolensky und der zionistische Gedanke
Date
1900-03-30
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 ,Die & Welt" Nr. 13 Jahre 1S75 stellte sich das Glück ein, das echte, leibhaftige ' Glück in Gestalt einer liebenswürdigen, ausgezeichneten Frau. Dazu kam die Freundschaft von Männern wie D. H. Müller, David Kaufmann, dann Anerkennungsschreiben und Zustimmungskundgebungen aus allen Gegenden der Welt — Smolensky war in jenen Jahren ein beneidenswerter Mann. Aber im Dunklen arbeitete schon damals der Feind, der ihn so früh seiner Familie und seinem grossen, unvollendeten Werke entriss. Smolensky hatte kurz nach der Gründung des „Haschachar" im Interesse dieser Zeitschrift eine Reise durch Deutschland, Frankreich, England, Schweden und Norwegen unternommen : in der Nähe der schwedischen Küste hatte er das Unglück, Schiffbruch zu leiden. Er wurde nach vielen Leiden gerettet, aber den Keim der Lungenkrankheit, der er später erlag, trug er damals davon. Das Jahr 1S81 bedeutet den dritten und letzten Wendepunkt in seinem Leben. Smolensky plante eine Ausgabe seiner gesammelten Werke und reiste zu diesem Zwecke nach Petersburg, wo er mächtige Gönner und liebe Freunde besass. Die Fahrt durch Russland war ein Triumphzug Smolenskys und des jüdisch-nationalen Gedankens. Alle Kreise der jüdischen Bevölkerung jubelten ihm zu, aber die Huldigung der Moskauer Studentenschaft machte einen Eindruck auf ihn, dessen Wirkungen nicht hoch genug angeschlagen werden können. Die jungen Leute überreichten ihm eine goldene Feder mit der Inschrift: „Die von Gott Befreiten werden mit Jubel in Zion einziehen." Ich bin geneigt, in dieser hinreissenden Begeisterung der Moskauer akademischen Jugend die unmittelbare Veranlassung, wenn auch nicht die Ursache zu sehen, dass Smolensky von nun an den Zionismus verfocht. Im Jahre 18S1 war er in Moskau gewesen — im „Haschachar" von haben wir die erste grosse Kundgebung Smolenskys für die zionistische Idee. Von diesem Zeitpunkte an tritt er immer eifriger für den neuen Gedanken ein, in seiner Zeitschrift wie in seiner Correspondenz. Er sucht allerorten der Bewegung Freunde zu schaffen, er setzt sich mit London, Paris und Petersburg in Verbindung, er sucht Juden und Christen zu gewinnen — da ereilt ihn mitten in dieser fieberhaften Thätigkeit der Tod. Am 2. Februar wurde Smolensky zugrabe getragen. Der Lebensgang und die Entwicklung Smolenskys ist ganz darnach angethan, ihn zum Typus und Symbol, zum Heros Eponymos des Judenthums im neunzehnten Jahrhundert zu machen. Wir können im Leben Smolenskys deutlich vier Perioden unterscheiden: I. Smolensky im (russischen) Ghetto. Was der Aufenthalt im Ghetto bedeutet, hat Smolensky selbst mit dem Pinsel eines Höllenbreughel geschildert, und wenige Worte genügen, um diese Phase seines Lebens zu charakterisieren: Noth und Elend in materieller, Beschränktheit und Verkümmerung in moralischer Beziehung. Das Ghetto lebt von der Erinnerung an die Vergangenheit, die es nur sehr mangelhaft versteht, und in der Hoffnung auf eine Zukunft, zu deren Erreichung es nichts unternimmt. Die Gegenwart hat im Ghetto keinen Platz. II. Wie Smolensky seine Kindheit und Jugend verbrachte, so hatte das Gesammtjudenthum vom Ausbruche des schwarzen Todes bis zum Zeitalter der Aufklärung, also rund fünthundert Jahre, gelebt. Wie Smolensky aus eigener Kratt die Kerkermauern des russischen Ghettos sprengte, so verlangte das ganze Judenthum, mit Mendelssohn an der Spitze, nach Licht und Luft. Die Neuzeit brach an. Wir haben gesehen, wie Smolensky in seiner ersten grossen Erzählung des russischen Ghettos mit Spott und Hohn gedenkt, wir fühlen es aus jeder Zeile der Erzählung „Im Labyrinthe des Lebens" heraus, wie glücklich er sich schätzte, der stickigen Atmosphäre entronnen zu sein, wir sehen aber auch, wie es ihn drängt, seinen ehemaligen Leidensgenossen den Weg zur Freiheit und Lebensfreude zu zeigen. „Lernet die Landessprache," ruft er seinen Stammesgenossen in Russland und Rumänien zu, „besucht die Schulen, die Euch von der Regierung geöffnet wurden, nützt die Gelegenheit, um unter Menschen Menschen zu werden!" m. Smolenskys Freude an der schwer errungenen Freiheit war von kurzer Dauer, die stolze Illusion vermöge der neuerworbenen Cultur als Mensch unter Menschen zu leben, wurde sehr bald durch die Unbarmherzigkeit der Thatsachen zerstört. Schon in Odessa merkte Smolensky, dass die Sehnsucht der . aufgeklärten Juden nach reiner Menschlichkeit bei den christlichen Russen weder Verständnis noch Entgegenkommen fand, und in Deutschland sah er mit unbefangenen Augen, dass der liberale Gedanke, dem sich die Juden mit ganzer Seele anschlössen, und von dem sie das Ende ihrer langen Leidenszeit erwarteten, sich der jüdischen Mitkämpfer willig bediente, in der heimlichen Absicht, ihnen den wohlverdienten Antheil an den Früchten des Sieges vorzuenthalten. Was Smolensky an der Schwelle seiner zweiten Entwicklungsperiode im Laufe weniger Jahre erkannte, dazu hat das Gesammtjudenthum ein ganzes Jahrhundert gebraucht. Jetzt erst wird die Erkenntnis allgemein, dass die Erlernung der Landessprache, das Aufgeben der jüdischen Eigenart und der Anschluss an die fremde Cultur lange nicht das Ende der Judennoth verbürgt. IV. Wie in dieser Erkenntnis, so gieng Smolensky dem ganzen Judenthum auch mit der Verbitterang der verzweifelten Rathlosigkeit voran. In dieser Phase seiner Entwicklung ist er beinahe ein Zelot Die Enttäuschung über das Fehlschlagen der Aufklärung und der rein menschlichen V'erbrüderungsidee ist so gross, dass er im blinden Grimme das uns allen theure Andenken Mendelssohns entweihte. Gewiss, Mendelssohn hat, soviel wir sehen, niemals den jüdisch-nationalen Gedanken betont. Aber wie komisch wäre es Moses Mendelssohn vorgekommen, hätte ihn jemand aufgefordert, die jüdische Zusammengehörigkeit zu betonen! So wenig es Maimonides für nöthig erachtet hat, den jüdischen Volksgedanken seinen dreizehn Glaubensartikeln einzuverleiben, so wenig hätte es Mendelssohn einfallen können, eine Zeit solchen Niederganges im Judenthum vorauszusehen, dass die bestellten Hirten des jüdischen Volkes den frevelhaften Versuch wagen konnten, unseren viertausendjährigen Organismus in tausend leblose Theile zu zerschlagen. Perez Smolensky starb, bevor es ihm vergönnt war, die wahre „Morgenröthe" zu sehen, aber er hatte sich sein ganzes Leben lang nur als Atom seines Volkes gefühlt, und er wusste es, wie kein zweiter: nur der Einzelne stirbt, nicht aber ein Volk, nicht das jüdische Volk. Volkskampf. Von Dr. A. Friedemann. Als vor wenigen Jahren der Antisemitismus in Frankreich zuerst hinab auf die Strasse stieg, als die Regierungen noch nicht judenfeindliche Blätter unterstützten und die französischen Staatsbürger jüdischen Glaubens noch herablassend von Drumont sprachen, da beleidigte der Marquis Mores den jüdischen Hauptmann Meyer. Es kam zum Duell, obwohl bekannt war, dass Meyer eines halbgelähmten Armes wegen nicht widerstandsfähig war; und im zweiten Gange fiel er, hingestreckt von der Klinge des adeligen Raufboldes, vornehm im Sterben, wie er gelebt hatte. Paris aber, aufwallend in alter französisch-ritterlicher Art, bereitete dem bis dahin völlig unbekannten Manne ein Begräbnis wie einem Fürsten.

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