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Die Welt · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Article
Purim
Date
1900-03-23
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die a> Welt" Nr. 12 Ach! Haman ist noch nicht gestorben, Unsterblich lebt er fort und fort; Vom Galgenholz herabgestiegen, Hetzt er und wühlt an jedem Ort. Am Wolgastrom, am Seine-Ufer,- Wo sich das Erzgebirg' erhebt. Und wo die Donau ihre Wellen Im Schoss des schwarzen Meers begräbt. Hörst Du des neuen Hamans Rufen? Den Juden Tod! Den Juden Tod! Doch zitt're nicht, mein Volk Jeschurun. Dir hilft Dein Gott aus jeder Noth. Und droht Dir Haman auch Vernichtung, Und wenn er auch die Welt erregt, Er selber stürzet in die Schlingen, Die er für Dich, mein Volk, gelegt. Josef Sussmann. „Wenn nicht noch höher .. ." Erzählung eines Chassid. (Aus dem Jüdischen.) Und alltäglich beim Morgengrauen während der Selichoth-Zeit pflegte der Rabbi von Nemirow zu verschwinden. Man sah ihn nirgends, weder in der Synagoge, noch in den Bethäusern, noch beim Gottesdienste in seiner eigenen Wohnung. Die Wohnung stand offen, jeder konnte hineingehen, der Rabbi war nicht zu sehen. „Wo konnte der Rabbi sein?* „Wo soll er sein! Natürlich im Himmel. Hat denn der Rabbi vor _Jomim-2$oroim" wenig zu thun? Hat er wenig Sorgen? Die Bedürfnisse der Juden sind gross. Nahrung, Ruhe, Gesundheit — das alles brauchen die Juden. Die Sünden aber sind gross, der tausendäugige Satan sieht alles, bringt alles zur Anzeige und klagt an . . Wer also soll für die Juden eintreten, wenn nicht der Rabbi? Ein Jude aus Litthauen aber, der einmal in Nemirow war, machte sich darüber lustig . .. Sie kennen doch die Juden aus Litthauen? Moralische Erbauungsbüeher achten sie nicht sehr, wiewohl sie ausgezeichnete Kenner des Talmud und der rabbinischen Literatur sind. Dieser Litthauer also führte aus dem Talmud an, dass sogar Moses den Himmel nicht besteigen konnte, sondern nur die Höhe von zehn Handflächen unter dem Firmament erreicht hatte . . . Nun, geh' und streite mit einem Litthauer! Er wurde jedoch gefragt: „Wohin also doch verschwindet der Rabbi?~ „Was geht das mich an gab er zur Antwort, die Achsel zuckend. Er fasste jedoch den Entschluss, diese geheimnisvolle Sache aufzuklären. * * * Am selben Abend noch, gleich nach dem Abendgebete, schlich sich der Litthauer in das Zimmer des Rabbi, kroch unter das Bett und versteckte sich: Man muss die ganze Nacht durchwachen und erfahren, wohin verschwindet der Rabbi und was thut er während dieser Zeit; so dachte der Litthaaer. Ein anderer würde vielleicht eingeschlafen sein und den Augenblick verpasst haben; der Litthauer aber fand ein Mittel, um den Schlaf zu verscheuchen: er lag da und murmelte leise einen ganzen Abschnitt des Talmud auswendig, ich kann mich nur nicht erinnern, war es „Chulin" oder „Nedarim". Bei Tagesanbruch vernahm er ein heftiges Klopfen : man weckte zu „Selichoth". Der Rabbi war schon längst erwacht; seit mehr als einer Stunde war das Aechzen des Rabbi hörbar . . . Wer jemals vernehmen konnte, wie der Rabbi von Nemirow ächzt, weiss, wieviel Leiden und Weltschmerz in jedem seiner Seufzer stecken ... Das Herz bricht unter diesem Aechzen. Der Litthauer hat doch aber ein eisernes Herz: er lag da und hörte dem Aechzen zu. Auch der Rabbi lag noch im Bette. Alsbald vernahm der Litthauer, wie in den benachbarten Zimmern die Betten zu knarren begannen. .. Bald hörte er auch Schritte in den Zimmern ertönen. Waschungen wurden vorgenommen, das kurze Morgengebet wurde verrichtet, die Thüren wurden zugeschlagen. Endlich wurde alles still . .. Durch die verschlossenen Fenster drang der blasse Schimmer der Morgendämmerung . . . Und der Litthauer gestand nachher, dass, als tiefe Stille wieder eingekehrt war, und er allein mit dem Rabbi im Zimmer blieb, er von einer unbestimmten Angst befallen wurde: die Haut hob sich ihm am Körper wie bei einer erschrockenen Gans, und die Haarwurzeln an den Schläfen stachen wie Nadeln .. . Und ist es etwa eine Kleinigkeit: zur Selichoth-Zeit allein mit dem Rabbi in einem Zimmer bleiben! . . . Kann man denn wissen, was sich ereignen kann! Wer plötzlich erscheinen wird!-- * * Endlich stand der Rabbi auf. Er verrichtete anfangs alle vorgeschriebenen Gebete, trat nachher auf den Kleiderkasten zu und entnahm demseloen ein grosses Paket. . . Dem Paket entnahm er bäuerliche Kleidungsstücke: grosse Röhrenstiefel, einen grauen Mantel, eine grosse Schafpelzmütze und einen breiten Ledergurt, mit kupfernen Nägeln beschlagen. Der Rabbi legte alle diese Kleidungstücke an . . . Aus der Tasche des Mantels lugte das Ende eines dicken Strickes hervor . . . Und nun verliess der Rabbi das Zimmer; der Litthauer folgte ihm. Im Vorübergehen betrat der Rabbi die Küche, nahm die unter einer Pritsche liegende Hacke, steckte dieselbe hinter den Gurt und trat auf die Gasse. Der Litthauer bebte am ganzen Körper, folgte jedoch unentwegt dem Rabbi. - * * * Eine beängstigende Stille herrschte in den dunklen Gässchen.....Hie und da ertönte aus einem Bethause die herzzerreissende Stimme eines Selichoth- Vortragenden ... Aus dem Fenster einer Hütte drang das Aechzen eines Kranken herüber .. . Der Rabbi gieng immer seitab von der Strasse, im Schatten der Häuser und der Umfriedungen. . . Von Zeit zu Zeit trat die Figur des Rabbi aus dem Schatten; der Litthauer folgte ihm unentwegt. Er hörte deutlich, wie das Herz in seiner Brust heftig pochte, er folgte dennoch dem Rabbi. Und so giengen sie zur Stadt hinaus. Ausserhalb der Stadt dehnte sich ein junger Wald. Der Rabbi betrat den Wald, legte ungefähr dreissig Schritte zurück und machte neben einem Baume Halt. Der Litthauer gerieth in Erstaunen, als er sah, dass der Rabbi die Hacke in die Hand nahm und sich anschickte, den Baum zu fällen. Nach langer, harter Arbeit fiel der Baum krachend zu Boden... Der Rabbi spaltete den Baum, machte ein Holzbündel, steckte die Hacke hinter den Gurt, lud das Holzbündel auf die Schulter und trat den Weg zurück in die Stadt an. In einem Gässchen blieb der Rabbi bei einer halbverfallenen Hütte stehen und pochte an das Fenster. „Wer draussen ertönte aus dem Stübchen eine erschrockene Stimme, in der der Litthauer die Stimme einer kranken Frau erkannte. „Ich,* entgegnete der Rabbi in russischer Sprache. „Wer?" „Wassil" antwortete der Rabbi mit kleinrussischem A.ccent.

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