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Die Welt · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Article
[Kommentar]
Date
1900-03-23
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1-2 „Die & Welt" von Kunst und Literatur geschöpft haben, sollte doch genügen, eine so grundlose Anschuldigung abzuweisen. Wir. die gewürdigt worden, jenes neue Licht zu schauen, müssen es denen zuführen, welche noch im Dunkel sind, und es wäre ein grosser Irrthum, anzunehmen, dass es nicht viele von Israels grössten und besten Söhnen sind, denen das Licht einer neuen Zeit aufgegangen. Wir sehen heute, wie die europäische Cultur eindringt in alle Winkel Asiens. Warum also soll diese neue Cultur nicht jener alten Heimat des jüdischen Volkes zurückgebracht, warum soll Palästina nicht wiederum das Land der Gelehrsamkeit, die Wiege grosser Gedanken und die Mutter grosser Männer werden V- Bücherwelt. Durchs Jahr. Essays aber die gehobenen Momente des jüdischen Pflichtlebens. Von Rabbiner Dr. H. Ehrmann in Baden (Schweiz). Frankfurt a. M., A. J. Hofmann, ÜKM). 8". Uns interessieren ganz besonders die Essays, die dem Monate Cheschwan gewidmet sind und dem Verfasser Gelegenheit bieten, sich mit pädagogischen Fragen zu beschäftigen. Er spricht uns vielfach aus der Seele. Es ist wahr, leider nur zu wahr, dass die Frage, wie wir unsere Kinder für das Judenthum zu gewinnen haben, noch immer eine brennende ist und durch den modernen Religionsunterricht beileibe nicht aus der Welt geschafft wurde. Könnten Religionsbücher und Religionsschulen unsere Kinder dem .Judenthum zuführen, so müssten sie längst für dasselbe gewonnen sein. Seitdem das Judenthum existiert, ist nicht soviel von Religion die Rede gewesen, hat es nicht so viele Veranstaltungen für Lehre und Verbreitung von Religion gegeben, wie heutzutage. Und gerade heute klagen die Lehrer, Vertreter und Wortführer der Religion lauter denn je über den Verfall der Religion und suchen Mittel und Wege zur Hebung des religiösen Sinnes. Die jüdischen Religionsbücher geben sich als Auszug und Surrogat der Thora aus. Für diese gibt es aber kein Surrogat. Jede Halbheit ist schädlich. Liegt denn die Rückkehr zur Urquelle der Thora im Bereiche der Unmöglichkeit? Sehr richtig sagt der Verfasser: „Das Charakteristische unserer Zeit ist, dass sie keine Zeit hat. Unsere Kinder für das Judenthum zu gewinnen, dafür fehlt die Zeit Sie müssen Zeit für Französisch, Englisch, Mathematik, Geographie. Musik, für alles Mögliche und Unmögliche haben: wenn aber das Judenthum seine Rechte geltend macht, wenn es verlangt, dass seine Kinder Thora lernen, dann haben unsere Kinder keine Zeit. Man klagt über Ueberbürdung der Kinder, und wenn es sich darum handelt, ihnen diese vermeintliche oder wirkliche Bürde zu erleichtern, so sind die der Thora bestimmten Stunden die ersten, die dann weichen müssen. Dieses ganze Gebaren erinnert an jenen jüdischen Kaufmann, der auf hoher See, als das Schiff leck wurde und auf Befehl des Capitäns alle Passagiere einen Theil ihrer Habseligkeiten zur Erleichterung des Schiffes in das Aleer versenken mussten, zuerst Tallis und Tefillin über Bord warf — um das Schiff zu erleichtem!" Der Verfasser geht jedoch zu weit, wenn er hinzufügt: „Wer so leichten Herzens hier die Thora seines Kindes und dort Tallis und Tefillin über Bord wirft, der macht sich mit solcher Entbürdung des Kindes oder des Schiffes einer Frivolität schuldig, die Gottes strafende Waltung geradezu herausfordert." Die geläuterte Vorstellung von Gott, wie sie uns bei den Propheten begegnet, hätte es ihm räthlich erscheinen lassen sollen, den strafenden, rächenden Gott und die Exemplificierung desselben hier aus dem Spiele zu lassen. Wir sind auch nicht so unbedingte Laudatores temporis acti, dass wir in dem seligen Pressburger Rabbiner Moscheh Sofer eine unfehlbare Autorität auf dem Gebiete der Pädagogik erblicken würden. Seine Mahnung, die Kinder ganz in der Art und Weise, wie sie uns von den Altvordern überkommen ist, Thora zu lehren, verfehlt auf uns ihiv Wirkung. Es lässt sich nun einmal nicht leugnen, dass sich die Zeiten gewaltig geändert haben und dass man dieser Aenderung Rechnung tragen muss. Eben darum kann man in der Gegenwart nicht verlangen, dass den Kindern die ganze Gemara und die heilige Schrift nach der Erklärung der Midraschim beigebracht werde, bevor sie sich den einfachen Wortsinn der Schrift aneignen. Vollends müssen wir uns gegenüber der Agada skeptisch verhalten, wenn sie den Zweck verfolgt, das im Dienste der Thora und ihrer treuen Erfüllung stehende Wunderwalten Gottes den Kindern stets gegenwärtig zu halten. Ein darauf zugespitzter Unterricht gereicht der Religion unter den herrschenden Verhältnissen im Grunde genommen mehr zum Schaden als zum Nutzen, wenn die Jahre der kindlichen Gläubigkeit vorüber sind und das Nachdenken erwacht. Es ist auch ein gewaltiger Anachronismus, wenn der Verfasser den Eltern empfiehlt, sie mögen ihre Kinder von der Beschäftigung mit den profanen Wissenschaften abhalten, bevor ihnen die mündliche Ueberlieferung in Fleisch und Blut übergegangen sei. Das Studium des Talmund nimmt viel Zeit und lange Zeit in Anspruch. Wann kämen wir, wenn wir uns vorerst ihm voll und ganz hingeben sollten, dazu, uns für den Kampf ums Dasein vorzubereiten, welcher sich von Tag zu Tag immer schwieriger gestaltet, immer grössere Dimensionen annimmt und immer grössere Anforderungen an uns stellt. Heute gilt es mehr als je: „Hilf dir selbst und Gott wird dir helfen." Die Rückkehr zur Urquelle schlvesst nicht aus, dass die Thora nach gewissen Principien gelehrt werde, der Unterricht derselben sich den allgemeinen Regeln der Pädagogik anpasse. Der Verfasser ist uns bisweilen ein Räthsel. Er, der sich con amore in die Kinderpsychologie vertieft, der Kinderseele so manchen schönen und liebreizenden Zug ablauscht und die heilsamen Folgen, die uns aus dem Verkehre mit der Kinderwelt erwachsen, in sinniger Weise darstellt — er, der den Segen des guten Lehrers in hellen, den Fluch des schlechten Lehrers in dunklen Farben zu malen weiss und uns einen Einblick in die eigene Methode eröffnet, versteigt sich zu der paradoxen Behauptung, dass die Liebe zu Gott, zu der von ihm gebotenen Lebenspflicht an sich den rechten Weg findet, um das, wovon sie erfüllt ist, auch anderen mitzutheilen. Unser Religionslehrer spricht das grosse Wort gelassen aus: „Sind Gotces Gesetze in der That Gesetze Gottes, dann muss ihre blosse Kenntnis auch ihre Anerkenntnis zur Folge haben." Zugegeben sogar, dass sie für alle Kategorien und Altersstufen ohne Unterschied keiner Begründung und Beleuchtung bedürften, so muss doch wohl die blosse Kenntnis derselben irgendwie vermittelt werden. Kehren wir also von dem ncileTfin -Religionsunterricht zur Thora zurück, wenn auch nicht unter den Auspicien Ehrmanns, damit die von ihm angezogenen Worte D i e s t e r w e g s wieder zu Ehren kommen. Er hat den Juden das schöne Zeugnis ausgestellt: „Trotzdem aber sage ich, dass sie ihren Kindern niemals ein formuliertes Glaubensbekenntnis vorlegten und dieses bis zum heutigen Tage nicht thun, sondern sich darauf beschränken, durch die historischen Schriften des Alten Testaments, insbesondere durch den Pentateuch, sittlich religiös auf die Jugend zu wirken; darin haben sie ein sehr tiefes V erständnis der kindlichen Natur bewährt. Ein so unterrichtetes und in seiner Familie aufgewachsenes Kind wird heranwachsen, ohne Weiteres, d. h. ohne Bekenntniszwang, ohne Versprechen u. s. w. in die Gemeinde aufgenommen. Das Verfahren der christlichen Kirchen muss daher als ein zurückgekommenes bezeichnet werden. In jener Weise spricht sich das Vertrauen zu dem Leben aus, das Vertrauen, dass dieses unendlich wichtiger sei, als alle Lehre, dass das Kind unter Personen jüdischen Glaubens aufgewachsen, in das Wesen desselben lebendig hineingewachsen sei." S. Von Robert J äffe hat der Berliner Veriag Siegfried Cronbach einen Roman erworben, der .Ahasver" betitelt ist. Derselbe entrollt in einem weiten Rahmen ein Bild des modernen, um die Assimilation ringenden deutschen Judenthums innerhalb der betheiligten deutschen Volksschichten, die gleichfalls in breiten Bildern dargestellt sind. Der Roman wird im Laufe der nächsten Monate erscheinen. Feuilleton. Purim. Aus dem vergilbten Pergamente Las wieder man die alte Mär. Von Mordechai, dem theuren Manne. Von Haman, Esther, Ahasver. Wie lauschten sie verhalfnen Athems, Als hörten sie's zum erstenmal, Wie sie errettet, und wie Haman Den Frevel büsst am Galgenpfahl. So oft der Name des Verhassten Genannt ward von des Lesers Mund Da stampften zornig ihre Füsse. Als träten sie ihn in den Grund.

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